WM-Blog: Italien – The guys we loved to hate


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Der Filmjournalist, Kritiker und ROLLING-STONE-Autor Rüdiger Suchsland schreibt hier über die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

The guys we loved to hate

Wenn der Bösewicht in der Mitte des Stücks schon von der Bühne getragen wird, ist das schlecht für die Vorführung. Und im Kino werden die Monster auch erst gegen Ende erschossen. Erschossen allerdings werden sie, und insofern ist es gut, dass der uruguayische Jaguar seine Krallen zeigte, und die Italiener zur Strecke brachte.

Andererseits: Wenn denn Deutschland wirklich mal wieder Weltmeister werden will, dann doch bitte nicht gegen Costa Rica oder Belgien. Dann muss man zwei, drei große Fußballnationen schlagen, wie England und Argentinien 2010 und am besten einen Angstgegner besiegen, wie Italien oder Brasilien. Und wenn es nicht klappt, dann möchte man auch nicht gegen Griechenland rausgeflogen sein.

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Was also das frühe Ausscheiden der Italiener wirklich für die Fußball-Weltmeisterschaft bedeutet, werden erst die nächsten Tage zeigen. Italien ist die Fußball-Nation, we love to hate, und sie werden uns fehlen, ja sie fehlen uns schon jetzt: Pierlo, Balotelli, Buffon, diese großartigen Straßenjungs- und Ganovengesichter, wie sie ein Michelangelo nicht schöner hätte in Marmor hauen können, die edlen Schurken und ihre namenlosen, derben Spießgesellen mit den Gangstervisagen, den immer gleichen kurzgeschorenen Schädeln auf den Stiernacken, den geschmacklosen und auch für Abwehrspielerverhältnisse barock übertriebenen Tätowierungen … Kein Verteidiger der Griechen, kein Kroate hat eine ähnliche Erscheinung. Und bei Spaniern, Deutschen oder Holländern dürfte keiner von denen mitkicken – schon des Aussehens wegen. Krasse Typen, aber immer auch ein bisschen Abwehrspieler-Darsteller. Wenn sie nichts boten, dann doch immer großes Theater, grandiose Show.

Trotzdem: Kein Ausscheiden bei dieser WM dürfte von mehr klammheimlicher Freude und offener Häme begleitet sein, als der vorzeitige Heimflug der Italiener. „Volare! Oh ho…“ sangen wir um 00.58 Uhr im „Andalucia“ nach dem „Public Viewing“

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Nein, schön war es nicht, was die Italiener da gemacht haben, aber effektiv. Zumindest 55 Minuten lang. So lange hielt der Riegel. Regen und tropische Hitze waren eine mörderische Konstellation, die den Verteidigern des 0-0 noch zusätzlich entgegenkam. Dann ging ein Ruck durch die Celeste, die uruguayische Nationalmannschaft. Man konnte es kommen sehen, schon Minuten zuvor, dass der Wind sich drehte und dann Sekunden zuvor, dass jetzt gleich etwas passieren würde. Plötzlich drangen die Urus direkter nach vorn, machten Druck und überraschten die Italiener, sodass die sich nur mit den bekannten Tricks zu helfen wussten. Gut, „da hätte die gelbe Karte ausgereicht“ sagte Bela Rethy nicht grundlos, es gab aber in der 58. Minute die rote Karte für Marchisio, und so unberechtigt war das auch nicht.

Schon früh hatte Uruguay dominiert und von Anfang an offensiver gespielt, als erwartet. Es gab kein reines Abwarten, sondern immerhin regelmäßige, kontrolliert nach vor getragene Angriffe, noch auf Terrainsicherung bedacht, noch verhalten, aber bereits mit klarer Zielrichtung. Ein Einschießen. Aber keine Brechstange. Demgegenüber italienische Nadelstiche, gezielte Gegenangriffe und Stahlbeton in der Abwehr.

Klar war: Italien würde dicht machen, auf Konter lauern, sein Remis verteidigen. Unklar war aber: Was würden sie tun, wenn sie in Rückstand gerieten?

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In der 65, Minute konnte Buffon das sichere 1-0 durch Suarez verhindern. Der Stresspegel stieg. Bald darauf kam es zu einem bissigen Duell zwischen Suarez und Chiellini. Suarez biss, als sei Mike Tyson inkognito bei der Fußball-WM auferstanden, Chiellini stieß mit dem Ellenbogen, und man hätte auch beide vom Platz stellen können. Mit Provokationen haben die Italiener ja nicht erst seit Materazzi so ihre Erfahrungen. Insofern geschieht’s ihnen recht, dass es diesmal nach hinten los ging. In der 80. Minute gelang dann Atletico Madrids Goddin der aufgrund des deutlichen Bemühens auch ganz konkret verdiente Führungstreffer. Nun war es aus mit dem Zeitschinden der Italiener und irgendwann stürmte sogar Torwart Buffon. Aber den Azzurri fiel nichts Echtes ein, Pierlo kam nicht zum Pass; die Uruguayer prügelten den Ball immer wieder mit weiten Schlägen nach vorne, warteten auf den Schlusspfiff und ZDF-Phlegmatiker Bela Rethy war über Suarez‘ Biss dermaßen erregt, dass er betonen musste, wie „sehr sehr unglücklich gelaufen“ alles für die Italiener sei. Wir finden: Think positiv, Junge: Für Uruguay ist es glücklich gelaufen.

Der Jaguar hat seine Krallen gezeigt und Italien an die Wand gekratzt.

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„Ein Debakel für den europäischen Fußball“ analysierte danach messerscharf Oliver Kahn. Nach Spanien und England ist mit Italien der dritte europäische Ex-Weltmeister in der Vorrunde aus der WM geflogen, mit Portugal wird ein weiteres Spitzenteam folgen. Sie wurden überholt von zweit- bis drittklassigen lateinamerikanischen Ländern wie Costa Rica, Chile, Mexiko. Kahn betonte in seiner spontanen Reaktion das „kompakte“, „physische, robuste“ Auftreten Uruguays. Stimmt schon, aber die Ursachen des Erfolgs liegen eher in taktischer Disziplin und guter Strategie.

Die Uruguayer, das wird sich in der KO-Runde noch deutlicher zeigen, sind nicht weniger als ihr gestriger Gegner Treter, harte Verteidiger, Unentschiedenkönige, die ein Spiel so lange sicher Remis halten, bis die eine Chance kommt, auf die sie gelauert haben. Und sie kommt. Die Uruguayer sind also gewissermaßen die Italiener ihres Kontinents.

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Unmittelbar nach dem Spiel sagt Torwart Buffon im Interview: „Man kann nicht immer die Schuld bei anderen suchen. Wir haben zwei Spiele hintereinander keine Tore geschossen.“ Da hat er das konkrete Kernproblem der Italiener benannt, das sie übrigens mit den Spaniern teilen: In einer torreichen WM kann man mit dem Ein-Stürmer-Modell keinen Erfolg mehr haben.

Das 3-5-2 ist das moderne und bei der WM erfolgreiche System, es hat 4-5-1 abgelöst. Italien spielte gestern sogar ein 3-6-1, das war noch ineffektiver, wenn man auch Tore schießen will.

Die Frage, die daraus folgt, lautet: Was heißt das jetzt eigentlich für die Deutschen?

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Es hat sich ausgezahlt, auf die Außenseiter zu setzen bei dieser WM. Gestern krochen dann auch noch die siechen Griechen ins Achtelfinale, mit Glück und unverdient, aber irgendwie logisch, wenn man der Elfenbeinküste zuguckte. Diese WM zeigt nicht nur dem europäischen Fußball die Grenzen auf, es ist auch ein Debakel Afrikas.