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WM wegen Lee Clayton abgesagt oder Ahnungsloser Autor zu Andreas-Bourani-Woche verurteilt!


von

Folge 52

Seit zwei Tagen klettern zwei freundliche Handwerker auf dem Dach nebenan herum. Die Mission dieser tapferen Herren scheint zu sein, meinen Nachbarn neue Dachfenster einzusetzen. Heute Morgen nun, es war noch keine acht Uhr, gefiel es den beiden Gentlemen mit ihren Hämmern so laut auf die Fensterrahmen einzuzuprügeln, dass mir die Schlafmaske im Gesicht explodierte! Notgedrungen stand ich auf, beäugte eine Weile mit verschwiemeltem Gesicht das handwerkerische Treiben durch mein Küchenfenster und gab mich dann dem Versuch hin, dem zur Unzeit angebrochenen Tag Sinn zu geben. Dies wurde jäh vereitelt, als die Handwerker eben Frühstückspause machten. Mit dick belegten Ei-Broten saßen sie auf dem Gerüst. Gar kein Problem, Handwerker müssen Ei-Brote essen, sicher. Sehr wohl ein Problem aber ist, dass die beiden Männer ihre Pause in unangemessener Lautstärke von einem Radiosender bedudeln ließen, dessen Rotationsprogramm aus allgegenwärtigen Schoten wie One Republics „Counting Stars“, David Guettas „Where them Girls at“ und Andreas Bouranis Gruselschlager „Tage wie dieser“ – äh, Quatsch – „Auf uns“ besteht (Nichts gegen Schlager, aber dass dieser Bourani so tun darf, als wären Xavier Naidoo und Herbert Grönemeyer von einem mad scientist zu einer Person zusammengemorpht worden, die liegengebliebene Campino- und Bosse-Texte singt, finde ich nicht gut. Wirklich schade, dass nicht mal die Schlagersänger heute mehr Ahnung von Schlager haben).

Wie auch immer: Die Arbeiter frühstücken immer noch, es dudelt und dudelt, und ich wünschte, sie würden einfach wieder hämmern.

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Gerade habe ich einen Satz gedacht, den ich selbst nicht wirklich verstehe. Der Satz geht so: „Man verwechselt ja manchmal eine bestimmte Musik mit den Leuten, die sie hören – außer bei Peter Maffay.“ Wer den Satz versteht, kann mir ja schreiben, mir wäre damit sehr geholfen.

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Neulich war Led-Zeppelin-Tag. Das heißt: Vielleicht war ja gar nicht Led-Zeppelin-Tag, aber zumindest bekam ich eine dröhnende Mail von irgendeiner Agentur, in der stand: „Heute ist Led-Zeppelin-Tag!“ Ich weiß ja gar nicht, was an so einem Led-Zeppelin-Tag genau passieren soll. Womöglich trägt dann ja alle Welt plötzlich bis zum Hosenlatz aufgeknöpfte Hemden und Fransenjeans oder spielt zehnminütige Gitarrensoli vor Fantasylandschaftsprojektionen, die durch purpurne Nebel hoppelnde Einhörner zeigen. Ich war an besagtem Tag gar nicht vor der Tür, von daher weiß ich nicht, was da womöglich alles los war.

Ich finde es übrigens toll, wenn Leute einfach in Rundmails behaupten, es sei irgendein Popstar-Ehrerbietungstag. Ich habe eben gleich ein paar Mails verschickt, in denen ich den Chris-de-Burgh-Tag ausgerufen habe. Reaktionen gab es keine. Das liegt entweder an der WM (an der WM wird ja ab heute alles liegen) oder daran, dass heute schon Alan-Parsons-Project-Tag ist.

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Am Pfingstwochenende hat mir auf dem Flohmarkt jemand eine Platte geschenkt. Vielleicht, weil ich so bedürftig aussah, das weiß ich nicht sicher. Dies sei definitiv eine der zehn Platten, die er mit auf die berühmte Insel nehmen würde, und er wolle diese schöne Platte nun einfach jemandem weitergeben, beeilte sich der kommerziell untalentierte Verkäufer noch zu sagen. Nun, dann müsse er jetzt wohl mit neun Platten verreisen, sagte ich noch und nahm den geschenkten Gaul am Zügel. Die Platte, von der hier die Rede ist, stammt von Lee Clayton, einem Mann, der mir immer wieder beim Herumwühlen in Zwei-Euro-Kisten begegnet war, den ich aber, warum auch immer, stets für einen Musiker jener Sorte gehalten hatte, die in Frank Laufenbergs 80er-Jahre-Show „Ohne Filter“ gut durchmuckten Fusion-Jazz-Rock mit eklatanter Haarmatte zum Besten gaben.

Umso mehr staunte ich, als ich die Platte titels „Border Affair“ (mit der Originalversion des 2008 von Cat Power gecoverten „Silver Stallion“) dann auflegte. Feinster Country-Rock durchflutete meine Wohnung, der Tag war gerettet.

Es ist schon ziemlich erstaunlich, dass ich diesen Clayton bislang nicht kannte, und ich muss infolge dieser Enthüllung wohl damit rechnen, meine Lizenz als Pop-Tagebuch-Autor aberkannt zu bekommen oder zumindest doch von aufgebrachten Lesern einen ganze Andreas-Bourani-Woche an den Hals gewünscht zu bekommen. Zwischen 1973 und 1981 veröffentlichte der ehemalige Militärpilot Clayton vier Alben, die ihn als versierten Songschreiber auswiesen. Sein erster größerer Erfolg war das Stück „Ladies Love Outlaws“, auf das, so hört man, der Begriff „Outlaw Country“ zurückgeht. Waylon Jennings, Willie Nelson, die Cash-Jennings-Nelson-Kristofferson-Supergroup The Highwaymen, Jerry Jeff Walker und andere hatten Hits mit seinen Songs; Clayton selbst blieb trotz Kritikerzuspruchs eher unbekannt. Letzteres mag mit seiner etwas wackeligen Stimme zu tun haben, die für mich aber tatsächlich erst den Reiz ausmacht. „Border Affair“ wird zudem veredelt durch Gitarrist Philip Donnellys, nun ja, extrovertiertes Gitarrenspiel: Der Mann führt auf diesem Album einen Sound vor, der klingt, als wären bei den Eagles die Schnurrbärte in Brand geraten.

Lee Clayton heißt übrigens mit bürgerlichem Namen Billy Shotts. Warum man so einen Namen aufgibt, ist mir schleierhaft. Doch vieles, was mit diesem viel zu wenig beklatschten Musiker zu tun hat, stimmt nachdenklich. „ Today Clayton’s career has largely gone silent“, schreibt Wikipedia. Schade.

Wissen Sie was? Vergessen Sie das mit der WM! Heute ist Lee-Clayton-Tag.


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