Zur richtigen Zeit: „Schiffsverkehr“ von Herbert Grönemeyer


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Ein schrecklicher Zufall, aber: Grönemeyer kommt mal wieder zur hundertprozentig richtigen Zeit. Geahnt hat er’s nicht. Wie in den 80er-Jahren, als seine Lieder die Ängste vor dem Atomkrieg und den Überdruss am deutschen Helmut-Kohl-Feeling auffingen. Und wie 2002, als sein Song „Mensch“ zur Durchhaltehymne im Kampf gegen die Elbflut wurde. Nun erscheint „Schiffsverkehr“, das 13. Studioalbum, nach rund vier Jahren Plattenpause – hinein in eine öffentliche Gemütslage, in der keine Presseerklärung des japanischen Premiers, keine Laufzeitverkürzung und keine Uno-Resolution den Leuten das gibt, wonach sie sich sehnen: das große Wort zur Situation. Die präsidiale Weisheit. Das „Fürchtet euch nicht“, das einem ein bisschen Trost gibt, wenn man sich eben trotzdem fürchtet.

Wie Grönemeyer die Aura bekommen hat? Sicher durch seine unaufgeregte, oft lakonische, von vielen als wurstig empfundene Manier. Durch die Beständigkeit seines Erfolges, die sich in den letzten Jahren weniger in ernsthaften Hitsgezeigt hat als durch den beständig breiten Zuspruch bei CD-Verkäufen undTicketverkäufen. Quasi ein demokratisch legitimierter Star, dem man nie einen PR-Schachzug nachweisen konnte. Und natürlich durch die Art, wie er durch die Lebenskrise ging, als Ende der Neunziger Frau und Bruder starben: Voyeurismus verbat er sich, trotzdem ließ er das Publikum an seiner Trauer teilhaben. Viele waren höchst beeindruckt.

So richtig zum Neustart bereit sei er erst jetzt, sagt Grönemeyer sinngemäß im großen Rolling-Stone-Interview zu „Schiffsverkehr“, das in der Aprilausgabe des Magazins erscheinen wird. Die Aufbruchsstimmung, den Spaß am kommenden Abenteuer, das Ende des Grübelns hört man der neuen Musik tatsächlich an – wer mit den oft verquasten Stücken des letzten Albums „12“ nichts anfangen konnte und sich nach dem guten alten Grönemeyer der Achtziger sehnt, wird an „Schiffsverkehr“ seine Freude haben. Ob der Glamrock-Vibe des Titelsongs damit zu tun hat, dass der Großteil der Platte im Stockholmer Studio von ABBA-Benny aufgenommen wurde, darüber kann spekuliert werden.

„Was nicht erstaunlich ist, macht keinen Sinn für mich“, singt er in „Zu dir“, einem Bekenntnis zum Ungewissen, in das man manchmal vorstoßen muss. Und wenn – jenseits der puren Projektion – an der Platte „Schiffsverkehr“ etwas in die derzeitige Weltlage hineinspricht, dann ist es genau das: die Erinnerung daran, dass das mutige Voranschreiten am besten die Angst besiegt. Auch wenn es oft ein frommer Spruch bleibt. Aus Grönemeyers Mund klingt er exzellent.