20 Jahre „Face/Off“, 20 Jahre Gesichtsverlust? So irre, so phantastisch

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20 Jahre „Face/Off“, 20 Jahre Gesichtsverlust? So irre, so phantastisch

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Eigentlich sind es die 1980er, die als Jahrzehnt der aufgeblasenen Actionfilme gelten. Aber John Woos Drama „Face/Off“ markierte in den Neunzigern einen Höhepunkt unter den Wahnsinns-Spektakeln – und war viel intelligenter als konkurrierende  Streifen wie „Con Air“ oder „Armageddon“.

Fünf Gründe, weshalb „Face/Off“ auch 20 Jahre nach Kinostart noch beeindruckt.

01. Die Zweifel, die Rücksichtslosigkeiten

Manche bemängeln die unrealistische Prämisse. Ein Cop und ein Verbrecher tauschen ihre Gesichter (der Verbrecher unfreiwillig). Nach der Transplantation geht dann alles recht flüssig. Der neue Gang, das Verhalten, miteinander arbeitende Gesichtsmuskeln, der Stimm-Modulator, irgendwie haben beide Männer auch ihre neue Körpergröße wie durch Magie adaptiert … wie kann man das alles mit frischem Gesicht so schnell „erlernen“?

Vielleicht hilft es, nicht auf Wirklichkeitsnähe zu pochen, denn dann findet man lauter Logiklöcher. Warum sollte man im Kino überhaupt auf Fehlersuche gehen? Es geht um die Ausgangslage. Wie schaffen es der neue Gesetzeshüter (ehemals Schwerverbrecher) und der Schwerverbrecher (ehemals Gesetzeshüter) sich in ihre Rollen hineinzufinden? Wie glaubhaft wirkt der neue „Sean Archer“ im Kreis seiner Familie? Wird der neue „Castor Troy“ unter seinen Leuten angenommen? „Face/Off“ zeigt, was eine neue Rolle aus einem Menschen macht und ob man sie, einmal angenommen, je wieder wird ablegen können. Nicht, ob die neue Rolle so überhaupt möglich ist – körperlich, geistig, technisch.

02. Die Zwei hatten Bock

Es gibt wohl wenige Filme, in denen zwei Schauspieler versuchen zusätzlich ihren eigenen Antagonisten zu verkörpern. Es ist das Kunststück dieser zwei Darsteller, dass sie in beiden Identitäten überzeugen. John Travolta ist der liebende Vater, der den Mord an seinem Sohn rächen will – und er ist das Scheusal, das am liebsten mit der eigenen Tochter ins Bett gehen möchte. Nicolas Cage ist der Kriminelle, der eine ganze Stadt in die Luft jagen könnte – und er ist der verzweifelte Flüchtling, der mit sorgsamem Blick darauf wacht, dass der Sohn des Feindes am Leben bleibt.

Es ist nicht möglich zu sagen, welche der beiden Schauspieler überzeugender agiert. Beide sind in ihren Film-Charakteren spot on. Travolta und Cage befanden sich Mitte der Neunziger auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, der eine feierte mit „Pulp Fiction“ sein Comeback, der andere gewann mit „Leaving Las Vegas“ den Oscar. Das Selbstbewusstsein transportierten beide in diesen Film.

03. Reifeprozess

Die neuen Identitäten verändern die Persönlichkeiten, weil das nichts ahnende Umfeld natürlich die alt gewohnten Anforderungen stellt. Das Büro wartet, die Bande wartet. Aber aus dem langweiligen Polizisten wird ein Aufschneider, den die eigene Ehefrau plötzlich wieder begehrt. Aus dem Verbrecher ein nachdenklicher Boss, der Leben verschont. In einer verstörenden Szene erklärt Castor Troy (hinter dem sich in Wirklichkeit Sean Archer verbirgt) im Drogenrausch gestikulierend seinen Plan, sobald er den Feind in die Hände kriegt: „I will take his face off!“

Der Gesichtstausch ist längst keine Frage mehr nach der Rückerlangung der eigenen Persönlichkeit. Es ist ein Kampf um die Trophäe geworden – ein archaisches Spiel. Das Antlitz des Mörders seines eigenen Kindes zu tragen, war auch Ermittlungsgründen wichtig; es ist aber auch eine Selbstgeißelung. Nicolas Cage bezeichnete seinen exaltierten Stil einst als „Mega-Acting“, und auf „Face/Off“ trifft das ganz besonders zu. Als er in fremder Haut, aber in character agieren soll und einen Mithäftling verprügelt, wechseln sich bei ihm Heulgeschrei und Triumpfgeheul miteinander ab.

04.  Der Mann hinter der Kamera

John Woo mit Nicolas Cage

Mit „Broken Arrow“ hatte Regisseur John Woo sein Hongkong-Kino nach Hollywood geholt. Hier nun war alles drin, was auch „Hard Boiled“ oder „A Better Tomorrow“ auszeichnete. Die Zeitlupen, die Stilisierung von Pistolen und ihrer Munition, die Schläge. Auch in „Face/Off“ flogen natürlich Tauben ins Bild, bei Woo bedeutet das die Ankündigung einer Schießerei. Vielleicht waren Woos asiatische Filme noch etwas gewagter in der Choreografie. In diesem Film, und noch deutlicher in seinem genauso beeindruckenden, letzten Hong-Kong-in-Hollywood-Werk „Mission Impossible II“ (2000), sehen die Actionsequenzen dafür entsprechend teuer aus.

05. Set Pieces

Die Verfolgungsjagd auf dem Rollfeld und das Speedboat-Finale rahmen „Face/Off“ ein. Aber es ist der Gefängnisausbruch, der am meisten fasziniert. Es geht eben nichts über „Prison Breaks“ – das Rätselraten, wie jemand es aus Hochsicherheitsgebäuden heraus schaffen könnte.

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Archive Photos Getty Images
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