Rückblick auf „Trainspotting“: Cool Britannia im Heroin-Rausch


von

Nie sah es besser, und nie sah es schlimmer aus ein Junkie zu sein. Aus dem Off prügelt uns Iggy Pop die Trommeln um die Ohren, er singt ausgerechnet sein „Lust For Life“, und Renton (Ewan McGregor) läuft und läuft und läuft vor seinen Häschern davon. Bis in die Ewigkeit, denn es gibt einen freeze frame. Als sein Stoff in die dreckigste öffentliche Toilette Glasgows fällt, taucht Renton in die Scheiße ein – und in seiner Fantasie durchschwimmt er auf der Suche nach seinem Schatz einen bunt schillernden Ozean, zu den Klängen von Brian Enos Mondmusik.

Später verfolgt ihn, er liegt im Entzugsdelirium, ein totes Baby, das kopfüber auf der Zimmerdecke auf ihn los krabbelt – bis heute eine der schrecklichsten Horror-Sequenzen, die nicht aus einem Horrorfilm stammen. Renton plagen Schuldgefühle, weil die Mutter den Säugling in ihrer Junkie-Bude hat verhungern lassen; als er endlich hofft, selbst an einer Heroin-Überdosis zu sterben, sehen wir, wie er six feet under in sein Bett eingelassen wird – wozu extra ein Grab schaufeln? –, was er, das findet auch Lou Reed, für die Bedingung eines „Perfect Day“ hält.

Heroin ist die Perspektive

Was Danny Boyles „Trainspotting“, das vor 21 Jahren in die Kinos kam, so besonders macht, ist das Fehlen eines politischen Kommentars, der Schuldige benennt. Eines Kommentars, der eine Verbindung zieht zwischen Verwahrlosung und Drogenabhängigkeit oder zwischen Arbeitslosigkeit und Drogenabhängigkeit. Der Regisseur erzählt die Geschichte so, wie es Irvine Welsh in der Buchvorlage tat: Die schottischen Junkies um Renton (Ewan McGregor), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Spud (Ewen Bremner) leiden nicht unter Perspektivlosigkeit, im Gegenteil, Heroin ist das einzige, was ihnen Perspektive bietet, egal, was die Gesellschaft ihnen anbietet.

Das Leben ist eben doch mehr als nur „Trainspotting“, die Nachmittage damit verbringen, dass man Züge beobachtet. Dann lieber im Park liegen und Skinheads samt Kampfhunden, die einfach nur in der Sonne relaxen wollen, mit dem Luftgewehr abschießen. In seinem unter Filmfans legendär gewordenen Monolog sagt Renton: „I chose not to choose life: I chose something else. And the reasons? There are no reasons. Who needs reasons when you’ve got heroin?“ Philosophie oder Junkie-Gefasel, das kann jeder selbst entscheiden.

1996 – das Jahr der Engländer

Dennoch lässt sich nicht gerade sagen, dass Boyle und Welsh empfehlen würden eine Drogenkarriere einzuschlagen. In seinem Vorstellungsgespräch für einen McJob erleben wir Spud als verschwitzten Stotterer im Anzug, high bis zum Anschlag, natürlich kriegt er die Stelle dann nicht. Der Stoff ist auch daran schuld, dass nach einem One Night Stand der absolute Worst Case eingetreten ist: Im Schlaf hat sein Schließmuskel versagt, also der Schließmuskel, und das Bett ist voll. Die Heroin-Abhängigen kacken also regelmäßig ab, aber sie tun das wenigstens friedlich. Von Alkoholikern kann man das hier nicht behaupten: Begbie (Robert Carlyle) ist ein echter Pubcrawler, besoffen schlägt er die Leute zusammen. Sprit ist in diesem Film also keine lohnenswerte Alternative.



Werbung

Eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle: 5 emotionale Momente in „The Last of Us“

„The Last of Us Part II“ ist ab jetzt für die PlayStation 4 erhältlich – hier erinnern wir an die emotionalsten Momente aus dem ersten Teil.

Mehr Infos
„Methuselah“: Danny Boyle dreht jetzt DAS Bibel-Epos unserer Zeit

Der Bibelfilm gehört zu Hollywood dazu wie Action-, Horror- und College-Film. Es ist ein Genre, das buchstäblich nicht altert, auch wenn die gesellschaftlichen Umstände sich ändern und die Bibel wohl immer weniger eifrig gelesen wird. Nun nimmt sich Regieeklektiker Danny Boyle einen Stoff aus dem Buch der Bücher vor, der schier unglaublich anmuten mag: die Geschichte von Methusalem, der 969 Jahre alt geworden sein soll. Wie Warner Bros. mitteilte, wird der „Yesterday“-Regisseur bei „Methuselah“ inszenieren - mit „Black Panther“-Star Michael B. Jordan in der Hauptrolle. Das Drehbuch stimmt Boyle gemeinsam mit Simon Beaufoy ab. Die beiden haben bereits bei „Slumdog…
Weiterlesen
Zur Startseite