Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

25 Jahre „Ausgerechnet Alaska“: Coolness, die aus der Kälte kam

E-Mail

25 Jahre „Ausgerechnet Alaska“: Coolness, die aus der Kälte kam

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Eigentlich wollte der US-Fernsehsender CBS im Sommer 1990 nur einen unpopulären Programmplatz besetzen, als man bei den Produzenten Joshua Brand und John Falsey eine kleine Fernsehserie in Auftrag gab, die schließlich den Titel „Northern Exposure“ bekam. Aus den geplanten acht Folgen wurden schließlich insgesamt 110, die mit Emmys und Golden Globes ausgezeichnet und in 42 Länder verkauft wurden. Bei uns lief „Ausgerechnet Alaska“, so der deutsche Titel, zunächst bei RTL, dann beim damals hippen Ableger VOX. Zum 25. Geburtstag gibt es die Serie nun ab Ende November erstmalig komplett in einer aus 28 DVDs bestehenden Deluxe-Edition.

alaska-2
„Ausgerechnet Alaska“ ist in der Deluxe-Edition mit 28 DVDs erschienen

„Ausgerechnet Alaska“ erzählt die Geschichte des neurotischen jüdischen Mediziners Joel Fleischman aus New York, der sich sein Studium durch ein Stipendium des Staates Alaska finanzieren ließ und dafür nach seiner Approbation einige Jahre als Arzt in Cicely/Alaska praktizieren muss, wo ihm eine stoische Inuit-Frau mit dem (wider-)sprechenden Namen Marilyn Whirlwind als Sprechstundenhilfe dient.

Kleinstadt mit großen Charakteren

In Cicely haben sich allerlei Exzentriker angesiedelt. Der ehemalige Astronaut Maurice Minnifield etwa, der hier, am Rand der Zivilisation, ein Medienmonopol besitzt (ihm gehören Zeitung und Radiostation) und der das Kaff touristisch erschließen will, um seinen Landbesitz in bare Münze zu verwandeln. Oder sein bester Freund, Holling Vincoeur, der mit seiner 44-jährigen Freundin, der ehemaligen Miss Northern Passage Shelly Tambo, einen Pub betreibt. Oder der halb indianische Schamane und Filmfreak Ed Chigliak, der alles, was er vom Leben weiß, aus Werken von Fellini und Woody Allen gelernt hat und eine Brieffreundschaft mit Steven Spielberg pflegt. Und dann sind da natürlich noch die jungenhafte Buschpilotin Maggie O’Connell, zu der Fleischman im Verlauf der Serie eine Hassliebe entwickelt, und nicht zuletzt der belesene Exsträfling, Tagträumer und Hobbyphilosoph Chris Stevens, der das Geschehen in Cicely als Radiomoderator und DJ mit Weisheiten von Walt Whitman, C. G. Jung und Shakespeare sowie allerlei exquisiter, nicht selten obskurer Musik kommentiert. Chris ist zudem der einzige Priester vor Ort, seit er sich auf ein Inserat der Worldwide Church of Truth and Beauty im ROLLING STONE meldete und sich weihen ließ.

Cicely ist ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft und zugleich ein utopischer Ort, an dem Tradition und Moderne, Mythos und Aufklärung gleichzeitig stattfinden, Menschen unterschiedlicher ethnischer Abstammung, Lebensstile und Religionen, politischer Überzeugungen und sexueller Präferenzen friedlich miteinander leben. „Auf die Gefahr hin, ein bisschen zu poetisch zu klingen, würde ich sagen, Cicely ist ein Ort, der in der Vorstellung des Herzens existiert“, sagt Darren E. Burrows, der den äußerst liebenswerten Ed Chigliak spielt. „Zu einem gewissen Grad fängt es diese Vorstellung sogar ein: als magischen Ort der ungeahnten Möglichkeiten, so wie Alaska als last frontier ja die Vorstellungskraft vieler Amerikaner gefangen nimmt.“

Vielleicht ist das tatsächlich das Geheimnis dieser Serie, die mit der Zeit auch erzähltechnisch an die Grenzen des Vorstellbaren geht, im besten Sinne postmodern mit Formaten, Verweisen und Genres spielt und gemeinsam mit David Lynchs „Twin Peaks“, das hier durchaus Pate stand, ein Vorläufer der epischen, narrativ komplexen US-Serien ist, die seit den „Sopranos“ und „The Wire“ das Freizeitverhalten nicht weniger Zeitgenossen bestimmen („Sopranos“-Schöpfer David Chase produzierte übrigens auch die letzten zwei „Northern Exposure“-Staffeln).

Auch für Schauspieler etwas Besonderes

Für die Schauspieler sei die Serie vom ersten Drehtag in dem kleinen Städtchen Roselyn/Washington an (in Alaska zu drehen wäre zu kalt und zu teuer gewesen) etwas Besonderes gewesen, sagt Burrows im Gespräch mit ROLLING STONE. „Das lag wohl daran, dass wir nie eine Pilotfolge gedreht, sondern uns gleich mit acht Drehbüchern drei Monate lang in der Wildnis der Coast Mountains verloren haben. Wir haben uns mit allem, was wir hatten, in den Stoff geworfen, und als die Serie schließlich ein Hit wurde, haben wir das nur als Bestätigung unserer eigenen Überzeugung empfunden.“ Zu vielen seiner Kollegen von einst habe er immer noch Kontakt, sagt der 49-Jährige. „Wir haben eine Verbindung, die die Zeit, die seitdem vergangen ist, transzendiert – wie Schulfreunde.“

Auf dem Höhepunkt der Popularität hätten täglich Hunderte Fans die Drehorte besucht, erklärt Burrows, der kaum noch als Schauspieler in Erscheinung tritt. Heute lebt er auf einer abgelegenen Farm in Missouri. „Seit ich mit 16 zu Hause auszog, habe ich die meiste Zeit meines Lebens in Hollywood verbracht“, sagt er. „An einem gewissen Punkt habe ich gemerkt, dass ich etwas anderes tun will, bevor ich ins Gras beiße. Ich liebe die Schauspielerei. Aber Berühmtheit? Berühmtheit ist wie schlechtes Kokain, da gibt es nicht viel zu holen. Es gibt doch diesen Spruch: ‚Du kannst tun, was du willst, aber du kannst nicht alles tun, was du willst.‘ “ Diese Weisheit wäre eines Ed Chigliak durchaus würdig.

(Maik Brüggemeyer, ROLLING STONE 11/2015)

E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel