Fine Young Cannibals: Roland Gift über Zukunft der Band
Fine Youn Cannibals: Sänger Roland Gift über Retro-Charme, Punks und Rassismus
„FYC 40“ heißt die Hitsammlung samt neuer Remixe einer der wundersamsten Bands der 80er-Jahre: Fine Young Cannibals. Sie paarten Electro mit Soul und Jazz – getragen vom Falsett Roland Gifts, der von Kitchen-Sink-Dramen erzählte. „She Drives Me Crazy“ war ein weltweiter Hit, aber nach nur zwei Alben und Streit zwischen Gift und seinen Kollegen Andy Cox und David Steele war Anfang der 1990er-Jahre Schluss.
Fine Young Cannibals mischten den Sound der Zukunft mit dem Sound der Vergangenheit. Wie ließ sich das planen?
Gar nicht. Das kam rein intuitiv. Wie die Zeile aus „Johnny Come Home“: What is wrong in my life, that I must get drunk every night“? Ich lebte in Hull, ging tagelang clubben. Lag im Bett und beäugte einen Fleck an der Wand. Ihm wuchsen Beine und er begann herumzulaufen. Eine Halluzination.
Keine Schwarzen, keine Iren, keine Hunde“
Sie bezeichneten sich als ersten Schwarzen Punk aus Hull.
Mit 11 zog ich von Birmingham ins kleinere Hull und war an meiner Schule einer von drei schwarzen Kids. Aber größere Probleme mit Rassismus hatte ich nicht. Habe nie Schilder gesehen, auf denen stand: „Keine Schwarzen, keine Iren, keine Hunde“. Wo ich lebte, gab es Schwarze, Iren, und wir alle hatten Hunde.
Wie haben Sie ihre Falsettstimme entdeckt?
Es gab da einen Pub, Polar Bear, und der Türsteher, ein Wrestler namens Smudge, sagte: „Kannst du Falsett? Arbeite weiter dran. Als Falsett-Sänger wirst du immer unterkommen. Nur hier in dieser Stadt wird es schwer damit.“
Sie haben karibische Wurzeln. Was dachten Sie, als Sie den „Tommy-Robinson-Marsch“ der Rechtsextremen durch London sahen, mit hunderttausenden Teilnehmern?
Robinson Thema sind pakistanische Grooming-Banden, die weiße Mädchen ausbeuten. Beim Marsch waren Rassisten dabei, aber auch solche, die sich einfach nur ungehört oder entrechtet fühlen. Ich bin einem linksgerichteten, aktivistischen Umfeld aufgewachsen: Arbeiter sind gut, Chefs schlecht, Gewerkschaften gut, Firma schlecht. Ich fürchte, viele Demonstrierende waren einfach nur sauer, weil sie um ihren Job fürchten. Meine Schwester war mit einem Pakistaner verheiratet. Die Leute dachten, sie wäre seine Prostituierte. Ich selbst erlebte offenen Rassismus letztmals Ende der 1980er-Jahre, als mir der Zugang zu einer Hotelbar verwehrt wurde.
Ihr Meisterstück „I’m Not The Man I Used To Be“ schrieben Sie mit 26. Was haben Sie Schlimmes erlebt?
Ich spielte ab 1978 Saxofon in der Ska-Band Akrylykz und hielt mich für ein Auslaufmodell. Und das auch noch im tristen Hull. Wir hatten eine Platte draußen, aber ich hatte den Anschluss verpasst. Kennen Sie Akrylykz?
Gruppentherapie für die Fine Young Cannibals?
Äh …
Genau. Ich war ehrgeizig, wollte mehr.
Sie sind über Jahre abgetaucht, veröffentlichten nun mit „Everybody Knows It’s Christmas“ eine Weihnachtssingle. Interessieren Sie sich noch für aktuelle Musik?
Natürlich. Aber nicht für die Charts. Als Fine Young Cannibals in den Charts waren, wusste jeder, was auf Platz eins war. Wenn du heute irgendjemanden auf der Straße fragst, kann dir kaum jemand sagen, was gerade die Nummer-eins-Platte ist.
Wie oft erhalten Sie Angebote für eine Reunion der Fine Young Cannibals?
Zuletzt vor ein paar Jahren, für einen Support der Simple Minds. Mit Andy würde ich vielleicht zusammenarbeiten – aber mit David nicht. Wir haben uns nicht im Guten getrennt, dafür trägt auch unser Manager Verantwortung, der uns gegeneinander ausspielte. Andy sagte mir außerdem, er sei bald 70, ihm wäre eine Tournee zu viel. Mein Nachbar damals war der Sportpsychologe Christopher Connolly, der Tottenham Hotspur auf Spur gebracht hat. Ich bat ihn um Gruppentherapie für uns drei. Das wurde nichts. Drei ist eine knifflige Zahl – keine Ehe, kein Fall für die Paartherapie. Ich hätte jedenfalls lieber mit Andy und David weitergemacht, als Solosänger zu werden. Der amerikanische ROLLING STONE wollte damals nur mich auf dem Cover, das hatte sie zu Recht verärgert. Nun, es wird keine Reunion geben. Aber ich arbeite an einem Soloalbum.