
Ein Klavier in der Villa Hansa
Als Tristan Brusch und Jan Plewka bei unserer Kolumnistin in Bad Nauheim vorbeischauten.
Tatsächlich hat sich noch nie jemand danach erkundigt, warum in meinem Plattenladen ein Klavier steht. Aber ich beantworte grundsätzlich gern Fragen, die mir nicht gestellt wurden, und eine Antwort hierauf lautet: Damit Tristan Brusch bei der ersten „Villa-Hansa-Session“ an diesem Instrument „Geboren um zu sterben“ spielen konnte – das beste Lied von „Am Anfang“, meinem persönlichen Album des Jahres 2025.
Bruschs Manager Tobi fotografiert nach dem Betreten des Ladens sofort die Platte „Dinkelbrot & Ölsardinen“ von Danger Dan, die dekorativ auf einer Vinylleiste steht, neben weiteren Tiercovermotiv-LPs von Ryan Adams, Wilco oder Andrew Bird. Und auch in diesem Fall sorge ich gern ungefragt für Erleuchtung: Danger Dan ist Tobis Bruder, gleichzeitig sein Bandkollege bei der Antilopen Gang und herzlichst eingeladen, bei Gelegenheit ebenfalls auf meinem Plattenladen-Piano im hessischen Bad Nauheim etwas darzubieten.
Tristan Bruschs Album des Jahres ist…
Welches Album kürt Tristan Brusch wohl zum besten des Jahres 2025? „Girl Missing“ von Albertine Sarges, sagt er ohne zu zögern – und schickt eine charmante Schwärmerei hinterher: „Ich liebe Albertine dafür, dass sie so komplexe und tiefsinnige Musik so unbeschwert und leicht klingen lässt! Albertine ist wirklich cool – aber nicht im Sinne von ‚kühl‘ oder gar ‚unterkühlt‘, sondern im Sinne von komplett überlegener Souveränität.“
Als Sammlerin und Händlerin habe ich eine Aversion gegen beschriebene Plattenhüllen. Das erste Ärgernis dieser Art begegnete mir etwa 1994, als ich auf einem Flohmarkt die Madness-Single „Our House“ erstand und erst zu Hause feststellte, dass jemand auf die Rückseite des Covers mit blauem Filzstift „Da mein Frosch! I’ hab die lieb!“ gekrakelt hatte.
Eine Ausnahme bilden natürlich gewünschte Signaturen von Kulturschaffenden. Selig-Sänger Jan Plewka besuchte vor einiger Zeit Villa Hansa Schallplatten zu einer Signierstunde und hatte seine empfehlenswerte aktuelle Platte „Eine Art Soloalbum“ dabei. Er performte ein paar seiner neuen Songs und schenkte jedem, der wollte, noch ein vor Ort gezeichnetes Porträt.
Ein Lächeln schenken
Zwei Tage vorher meldete sich eine Dame namens Bahareh bei mir. Sie wäre so gern bei der Signiersession dabei, ihr schwerbehinderter Sohn sei aber gerade krank und sie könne deswegen nicht weg. Ihren Wunsch, für sie eine von Plewka signierte LP mit Widmung zu organisieren, konnte ich erfüllen. Baharehs größeren Wunsch können wir alle erfüllen, und deswegen steht er jetzt hier: „Während viele lächelnd in einen Kinderwagen schauen, wenden sie beim Rollikind oft irritiert den Blick ab. Meine Bitte: Schenkt uns ein Lächeln!“
Ein paar Tage später lerne ich Bahareh, ihren 13-jährigen Sohn Kian und ihre 16-jährige Tochter Lina persönlich kennen, als sie die signierte Plewka-Platte abholen. Ich habe selten eine Familie mit einer so positiven, fröhlichen, warmherzigen Ausstrahlung erlebt.
Bahareh stöbert sich durch mein Plattenangebot, nimmt eine LP von Haim aus dem Regal und erzählt, dass ihr Mann Heiko deren Debüt-EP „Forever“ gemixt und gemastert hat, in seinem Tonstudio Stereoblue in Bad Nauheims Nachbarstadt Friedberg. Heiko ist außerdem Konzertpromoter und gerade beruflich unterwegs. „Mit wem war er denn schon auf Tour?“, möchte ich wissen. Heikos Referenzenliste ist beeindruckend: Coldplay, Metallica, Beyoncé, um nur ein paar zu nennen.
Seit der Begegnung mit Bahareh ist mir einmal mehr bewusst geworden, was die Menschen außerhalb des Scheinwerferlichts jeden Tag leisten.