80 Jahre Howard Carpendale: Der Mann, der die Musik nie aufgab

Von Südafrika nach Deutschland, von Depression zurück ins Rampenlicht: Howard Carpendale wird 80 und beweist, dass Musik stärker ist als jede Krise.

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Vor zwei Jahren machte Wayne Carpendale einen Dokumentarfilm über seinen Vater, „Durch meine Augen“. In einer Hotel-Lobby erklärte er Howard, dass so ein Film nur sinnvoll sei, wenn alles Gezeigte authentisch sei. Das muss er Howie nicht sagen. Man sieht dann, wie der Künstler im Auto aufs Land fährt, seine neu aufgenommenen Songs hört und sich in einer Kladde Notizen macht. Dann setzt er sich eine Mütze auf und geht über einen Acker. „Ohne meine Haare bin ich goar nix“, sagt Howie. Er wohnt mit seiner Frau Donnice am Starnberger See.

Man sieht, wie Howie sich nach einer Hüftoperation im Krankenhaus auf die Krücken stemmt. Wayne besucht ihn. Fünf Wochen später sieht man ihn beim Krafttraining. Und schließlich sieht man ihn bei den Vorbereitungen zu seiner Tournee. Howie ist erkältet. Er bekommt Kortison. Er tritt dennoch in München, in der Olympiahalle, auf. Die Familie ist da, die Freunde. Seit Jahren spielt er mit den Musikern. In Wien beendet Howard Carpendale diese Tournee. Sein Enkelsohn fährt im Tourneebus mit. Howie fischt nicht nach Komplimenten. Nach dem Konzert wird er sofort aus der Tiefgarage gefahren.

In den letzten Jahren, in denen er seine besten Konzerte gab, wuchs die Dankbarkeit, bei Howie wie bei seinem Publikum. Einmal war ich in Berlin im Publikum, und nach einer Weile merkte ich, dass ich nahezu jeden der Songs kannte, sogar die, die ich nicht kannte. Alle sangen alles mit. „Nachts, wenn alles schläft“. „Samstag Nacht“. „Geh doch“. „Ti Amo“. „Tür an Tür mit Alice“. „Deine Spuren im Sand“. „Hello Again“, entweder am Anfang oder am Ende.

Ein Lied von 1974

In Wayne Carpendales Film sagt der Sohn, dass „Du fängst den Wind niemals ein“ eines seiner liebsten Lieder sei. „Du weißt nicht, was mir das bedeutet. Das war 1974, das zweite Lied, das ich allein komponiert habe.“ Das Stück wird neu arrangiert. Damals sang er es in der „disco“. Er setzte sich neben ein schüchternes Mädchen. „Nicht nervös sein.“ Im Hintergrund sieht man eine ältere Dame in Acrylhemd und Zopfpullunder. Dann schreitet Howie in seinem großbekragten Hemd durch die Reihen.

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Er schreitet noch immer durch die Reihen, geht durch den Mittelgang wie Elvis Presley in Las Vegas, und er singt auch „In The Ghetto“ und imitiert Louis Armstrong mit „A Wonderful World“. Er kann auch den Maffay und die Münchner Freiheit. Seit 1970, seit „Das schöne Mädchen von Seite eins“, trägt er die Fackel des deutschen Schlagers. Ein Mann aus Durban, Südafrika, der Kugelstoßer war und Rugby in London spielte und 1966 nach Köln ging, wo er bald seine erste Single aufnahm. 2003 trat er von der Bühne ab und siedelte nach Florida um, wo er Golf spielen wollte. Er langweilte sich und wurde depressiv. Sein Sohn brachte ihn nach Deutschland zurück. Seitdem steht Howie wieder auf der Bühne. „Golf habe ich genug gespielt.“

Am Mittwoch wird Howard Carpendale 80 Jahre alt. Vielleicht fährt er aufs Feld hinaus mit seiner Militärjacke und seiner Kappe und hört sich ein paar neue Songs an.