Xavier Naidoo: Wie geht es weiter nach der Tour?
Xavier Naidoo kehrt auf die Bühne zurück – kommerziell erfolgreich, emotional ambivalent. Vier Jahre nach der Entschuldigung füllt er Arenas, doch Fragen bleiben.
Xavier Naidoo steht wieder auf der Bühne, singt mit makelloser Stimme von Liebe, Glauben und innerer Prüfung – und es funktioniert bestens. Erst die mächtige Aufwärmrunde vor ergriffenen Fans (und einigen Promis) in Köln. Dann die nachgeschobene Arena-Tour, die am 27. Januar mit einer messianischen Rückkehr in seine Heimatstadt zu Ende geht.
Volle Hallen, wenig Aufregung
Seine Songs schweben noch, das Publikum ist selig. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Oder als habe man sich großflächig darauf geeinigt, die jüngere Naidoo-Historie nicht allzu genau zu befragen.
Sein Comeback ist kein lautes, sondern ein vorsichtiges Hereinschnuppern in die Öffentlichkeit. Kaum Promo, kein großes Medienfeuerwerk, stattdessen volle Hallen. Das Publikum stimmt mit den Füßen ab.
Vier Jahre nach der Entschuldigung
Knapp vier Jahre nach seinem nüchternen Entschuldigungsvideo, in dem er einräumte, sich in Verschwörungserzählungen verrannt und Menschen verletzt zu haben, ist er wieder da – nicht rehabilitiert im klassischen Sinn, aber auch nicht mehr isoliert. Die Rückkehr geschieht über die Musik, nicht über Debatten.
Dass diese Rückkehr irritiert, liegt weniger an der Qualität der Konzerte als an der Schwere der Vergangenheit. Das Entschuldigungsvideo war kurz, sachlich, beinahe technokratisch. Für manche ausreichend, für viele nicht. Doch offenbar für genug Menschen, um die großen Hallen zu füllen.
Interessant ist dabei weniger die Frage nach Vergebung als die nach Mechanismen. Ein großer Teil des Publikums scheint sich entschieden zu haben, Werk und Person wieder enger zusammenzuführen – oder zumindest die Konflikte auszublenden. Das Publikum wirkt unaufgeregt, überwiegend im mittleren Alter, loyal. Kein Triumphzug, eher ein kollektives „Weiter jetzt“. Die Zeit heilt keine Wunden, aber sie verschiebt Prioritäten.
Ambivalente Reaktionen
Auch die öffentliche Reaktion bleibt ambivalent. Veranstalter distanzieren sich vorsorglich, Kommunen verweisen auf rechtliche Zwänge, Proteste existieren neben ausverkauften Shows. Von Cancel Culture kann hier kaum die Rede sein – eher von einem Nebeneinander aus Ablehnung, Müdigkeit und pragmatischer Akzeptanz. Selbst innerhalb der Musikszene äußern sich wieder prominente Unterstützer, während der ganz große kulturelle Schulterschluss ausbleibt.
Was bleibt, ist ein Comeback ohne Katharsis. Xavier Naidoo hat musikalisch nichts verlernt, emotional trifft er weiterhin einen Nerv. Doch die offene Frage ist nicht, ob er wieder singen darf – das tut er längst –, sondern was diese Rückkehr über den Umgang einer Öffentlichkeit mit Irrwegen, Entschuldigungen und Erinnerung erzählt. Vielleicht ist der Applaus weniger ein Zeichen von Versöhnung als von Sehnsucht nach Vertrautem. Mut zur Veränderung kann man haben. Mut zum Weitergehen offenbar auch – selbst dann, wenn nicht alles geklärt ist.
Offenes Ende
Am Ende wirkt dieses Comeback weniger wie ein Schlussstrich als wie eine Fußnote, die sich langsam in den Haupttext schiebt. Die Musik ist zurück im Rampenlicht. Die Fragen bleiben. Ob er nun ein neues Album anpeilt, ist nicht verbrieft. Auf Moses Pelhams Abschiedsalbum „Letzte Worte“ vom Januar 2025 war er mit drei Songs am Start.
Wie und wo die Fortsetzung folgt, weiß bislang nur der Messias selbst.