Residency-Konzerte an nur einem Ort machen viele Fans traurig

Es ist ein bedenklicher Trend, dass die Superstars der Branche ihre Tour-Stopps immer mehr zu Residencys machen.

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U2 haben es schon vor einigen Jahren vorgemacht, Harry Styles könnte es bald auf die Spitze treiben: Tourneen mit gleich mehreren Konzerten in ausgewählten Städten. Im Fall des umtriebigen Sängers munkelt man von bis zu acht Gigs im Olympiastadion. Das wäre ein neuer Rekord.

Diese Spitzenleistung freut aber womöglich mehr den Musiker (der nicht in all zu viele Städte reisen muss) und sein Tour-Management (das Transport- und Personalkosten spart) als die Besucher:innen seiner Auftritte. Denn wenn dieser Trend anhält, der zuletzt bei zahlreichen Acts zu beobachten war, dann ist es für viele kaum noch möglich, vor der eigenen Haustür zu einem Konzert zu gehen.

Sicher, es handelt sich hier nur um eine kleine Gruppe von Topsellern der Musikwelt, die so in kürzester Zeit ein XXL-Publikum bedienen können. Bei Harry Styles wären das in wenigen Tagen theoretisch über 600.000 Menschen. Aber gerade die beliebtesten Künstler:innen sorgen dafür, dass viele Fans hunderte Kilometer fahren müssen, um ihre Lieblinge zu sehen.

Popkultur braucht Breitenwirkung

Die Residency-Logik, die wie bei Adele sogar eigene nur für das Ereignis geschaffene Locations aus dem Boden stampft, mag ökonomische Gründe haben. Aber sie ist auch unfair und unsozial. Wer mobil, gut verdienend und zeitlich flexibel ist, darf kommen. Wer nicht rechtzeitig Tickets ergattert oder Hotelzimmer bucht, der muss fernbleiben.

Es gibt aber auch noch andere gute Gründe, warum dieses Live-Phänomen ein Ärgernis ist. Ganze Regionen verlieren etwa den Anschluss an eine lebendige Popkultur, Mega-Events ballen sich in wenigen Städten, die bei mehreren Veranstaltungen mit Mehrfachbuchungen und Ausweichterminen zu kämpfen haben.

Das spontane Konzerterlebnis verliert zudem seinen Reiz, denn hier will meist alles geplant sein, um überhaupt teilnehmen zu können. Darüber hinaus markiert diese Entwicklung das Ende zufälliger Begegnungen bei Konzerten. Das Publikum wird fast schon kuratiert wie ein Festival-Line-up. Fast niemand mehr kann von sich danach sagen, dass er da irgendwie „reingeraten“ ist. Dabei sind solche spontanen Erlebnisse oft jene, die wir am längsten erinnern.

So sehr sich die Fans vielleicht freuen, dass Radiohead an vier Berliner Abenden vier verschiedene Setlists spielen, am Ende erleben wir hier nur einmal mehr die nicht aufzuhaltende Entwicklung von Musik zur Marke, die über den künstlerischen Wert hinaus nur noch Effizienz kennt: maximale Auslastung, minimaler logistischer Aufwand, maximaler Profit pro Ort.

Konzerte werden immer mehr zu Events

Ein Konzert in der eigenen Stadt oder im Nachbargebiet verspricht auch zu einem Teil der biografischen Topografie zu werden. Das Erlebnis wird zu einem persönlichen Erbstück, das man gerne teilt. Sollen nun nur noch kollektive Erinnerungen zählen, der Ort dafür eigentlich egal sein?

Wir kommen zu euch, weil eure Anwesenheit zählt – das ist im Grunde das positive Gefühl, das Fans bei Tour-Stopps in ihrem Hintergarten verbinden. Nun heißt es eher: Wenn es euch wirklich wichtig ist, kommt ihr zu uns.

Marc Vetter schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.