Soundcheck Award: Hardcore-Punks unterliegen Jazz-Musikerin

„Weirdo“ von Emma-Jean Thackray wurde von einer Jury zum besten Album des vergangenen Jahres gewählt.

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Die britische Multi-Instrumentalistin und Bedroom-Produzentin Emma-Jean Thakray hat den Soundcheck Award erhalten. Die Londonerin wurde für ihre Platte „Weirdo“ ausgezeichnet und setzte sich bei der Berliner Jury Jury von Radioeins und Tagesspiegel gegen die ebenfalls nominierten Blood Orange, Turnstile und Die Heiterkeit durch.

In einer Mitteilung der Jury heißt es: „In einem Jahrgang ohne große Namen fiel die Wahl auf das außergewöhnliche Werk einer Künstlerin, die für sich steht – in der grausamen Doppelbedeutung des Wortes. Thackray sticht heraus als ein Multitalent, das 123 Instrumente allein in ihrer Wohnung und im Studio eingespielt hat. Aber sie steht auch allein, weil ihre Musik kaum öffentliche Resonanz findet. Obwohl sie für den renommierten britischen Mercury Prize nominiert war, tritt sie als Solokünstlerin öffentlich kaum in Erscheinung.“

Die als Trompeterin in der vibrierenden britischen Jazz-Szene im Umkreis von Moses Boyd und Nubya Garcia bekannt gewordene Musikerin hat eine autistische Störung sowie eine ADHS-Diagnose. Gerade dort fühlte sie sich nicht wohl. „Ich hatte immer das Gefühl, dass die anderen ein Regelwerk kannten, das mir verschlossen war“, sagte sie dem „Guardian“. „Ich wurde als ,Spinnerin’ tituliert. Das Wort habe ich mir zurückerobert.“

Soul-Funk als Wechselbad der Gefühle

In der Jury-Begründung heißt es weiter zu dem ausgezeichneten Album: „’I’m a weirdo‘, singt Thackray mit dem Selbstbewusstsein einer Soulsängerin auf ihrem zweiten Album, ohne ihr Publikum mit den Folgen dieser Analyse zu verschonen. So artikulieren ihre meisterhaft modern arrangierten Soul-Funk-Nummern ein Wechselbad der Empfindungen. Einmal bittet sie, man möge bei ihr bleiben, um kurz darauf ebenso intensiv zu fordern: Lass mich allein. In ‚Save Me‘ wünscht sie sich, wieder zusammengesetzt zu werden wie etwas Zerbrochenes, das in Einzelteile zersprungen auf dem Boden liegt. Das Bekenntnis einer Frau, der nicht mehr zu helfen ist.“

Stark geprägt wurde die Platte vor allem auch durch den Tod von Thackray Lebensgefährten, während sie an den neuen Songs arbeitete. „Ich fühlte mich so verloren, wusste nicht mehr, wer ich war“, beschrieb sie diese Erfahrung, in eine Art schwarzes Loch gesogen zu werden. Die Musik brachte einen Ausweg – die „einzige Möglichkeit, sich emotional reguliert zu fühlen“.

„Neben Fusion-Einflüssen, die von Frank Zappa bis Herbie Hancock reichen, verarbeitet sie virtuos den Retro-Futurismus eines George Clinton“, ergänzen die Jury-Mitglieder in ihrer Mitteilung. „Trotzdem hebt sich ‚Weirdo‘ vom kalkulierten Eklektizismus des Streaming-Pop ab. Das Album ist seiner eigenen verrückten Welt verpflichtet und steht damit ebenso sehr für die Möglichkeiten der digitalen Welt wie ihre zerstörerische Dynamik.“

Der Soundcheck Award wird seit 2009 verliehen und basiert auf all jenen Alben, die in der freitags auf Radioeins ausgestrahlten Sendung „Soundcheck“ die Höchstwertung vier Mal Hit erhalten haben. Im Jahr 2025 waren das 28 Werke, aus denen eine 50-köpfige Jury aus Musikjournalisten und -journalistinnen und zunächst die Shortlist mit vier Titeln auswählte.

Der Preis ist eine vom New Yorker Künstler Otto Steininger speziell für die jeweiligen Gewinner angefertigte Plakat-Grafik. Im vergangenen Jahr war der Berliner Rapper Apsilon für das Album „Haut wie Pelz“ ausgezeichnet worden. Weitere Preisträger: The Black Keys, Neil Young, Tocotronic, Bilderbuch, James Blake und Tristan Brusch.