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Aus dem PlattenladenKolumne

Super-Stimmungs-Hitparade

ROLLING-STONE-Kolumnistin Ina Simone Mautz über erstaunliche Funde in Plattenhüllen – und Wissenswertes zu Frank Farian.

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Komm, wir eröffnen einen Plattenladen!“, singt Clueso auf seinem neuen Album und meint damit eigentlich etwas viel Universelleres: einen Ort der Zuflucht vor Alltagstrouble und Weltgeschehen, shelter from the storm. Wie immer im Leben geht es ums Suchen und Finden. Auf seinem Instagram-Profil @thingsifoundinrecords präsentiert Jeff Ogiba, Inhaber von Black Gold Records in Brooklyn, kuriose Plattenhüllenfunde.

Weil ich noch nie etwas Nennenswertes in einer gebrauchten LP gefunden habe, zweifelte ich an der Glaubwürdigkeit dieses Projekts. Bis Ansgar in meinen Laden kam und davon erzählte, wie er einmal bei einem Entrümpler Vinylkisten durchwühlen durfte. 70 Platten nahm er gegen einen kleinen Obolus in seine Obhut, und in einer Rush-LP fand er etwas, womit er im Leben nicht gerechnet hätte: gleich zehn Bonus-Scheiben! Irre!

Leider war es nicht möglich, ihren Wert bei Discogs zu ermitteln. Es handelte sich nämlich um eine 200-Gramm-Packung Schwarzwälder Schinken, über Tannenholz geräuchert, von Hand gesalzen und seit mehreren Jahren abgelaufen. „Die Farbe ging schon so ein bisschen ins Bräunliche, aber es war kein Schimmel zu sehen“, lachte Ansgar, der die Webseite ex-beatles.de betreibt, „ein deutscher Leitfaden durch das Solowerk der Fab Four“.

Die erste Platte des Lebens

Mein erster Tonträger stammte nicht von den Beatles. Es war die „Super-Stimmungs-Hitparade“ (1988), präsentiert von „Freizeit Revue“. Eine Knabberbox für die Ohren, mit Gassenhauern von Mike Krüger, Jürgen von der Lippe, Klaus & Klaus, Frank Zander und Karl Dall.

Mein Lieblingslied auf dieser Compilation kam aus dem direkten Umfeld des Schwarzwälder Schinkens: „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“, in der Coverversion von Gottlieb Wendehals. Ursprünglich war das Stück auf Stephan Remmlers 1986 kurz nach der Auflösung von Trio veröffentlichtem Debüt erschienen. Trio-Gitarrist Kralle Krawinkel brachte erst 1993 seine einzige Soloplatte heraus, verfasste die Texte dazu auf Englisch und ließ sie dann ins Deutsche übersetzen – von Rio Reiser.

Erst kürzlich konnte ich dank einer Kundin meines Plattenladens die Schließung einer Bildungslücke feiern: Klaus Voormann galt nicht nur (wie so viele) als fünfter Beatle, sondern auch als der vierte Mann bei Trio! Er produzierte all ihre Alben und zeichnete das Cover zur letzten Trio-Single „My Sweet Angel“ (B-Seite: „Hallo Mutti“). Es zeigt die Band in einem Boot, auf einem mondbeschienenen See. Wie eine Fortsetzung des Album-Artworks von Echo & The Bunnymens „Ocean Rain“ (1984), als hätten sie es endlich aus den Carnglaze Caverns in Cornwall herausgeschafft.

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Weitere wegweisende Tonträger meiner Kindheit waren die LPs zur RTL-Show „Mini Stars“, in der Popsongs mit grundschülertauglichen Texten versehen und von Kindern gesungen wurden. Unvergessliche Hits wie „Heut’ kommt der
Schulzahnarzt“ („In The Army Now“), „Ich will einen Hamster“ („I Should Be So Lucky“) oder „Mit Steffi Graf ein Interview“ („I Only Wanna Be With You“), Letzteres dargeboten von dem Mädchenduo Jessica & Kikki.

Die damals zehnjährige Jessica Wahls wurde später Sängerin bei den No Angels. Sie wuchs in einem Ortsteil der hessischen Kleinstadt Rosbach auf, in der auch Frank Farian sein Studio hatte. Nur fünfzehn Autominuten von meinem Laden Villa Hansa Schallplatten in Bad Nauheim entfernt.

Ein Kunde berichtete, dass er bis vor ein paar Jahren einen Handwerksbetrieb hatte und regelmäßig für Farian arbeitete. Der Musikproduzent habe die Handwerkerschar gern selbst bekocht – mit deftiger Hausmannskost. Vielleicht gab’s zwischendurch aber auch mal eine kalte Platte mit Schwarzwälder Schinken.