Guns N‘ Roses: „Chinese Democracy“ von Dizzy Reed verteidigt

Guns-N'-Roses-Keyboarder Dizzy Reed plädiert im Podcast für ein Umdenken bei „Chinese Democracy“. Warum das Album ein unterschätztes Bindeglied der Bandgeschichte ist.

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Es ist der sprichwörtliche „blinde Fleck“ in der überaus turbulenten Karriere einer legendären Rockband. Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung bleibt „Chinese Democracy“ eines der umstrittensten Kapitel der Bandgeschichte von Guns N’ Roses.

Nun verteidigt Langzeit-Keyboarder Dizzy Reed, seit 1990 Mitglied und damit dienstältestes Mitglied neben Frontmann Axl Rose, das Album erneut gegen die Legionen von Kritikern.

Im Gespräch mit Comedian und Multikünstler Dean Delray im US-Podcast „Let There Be Talk“ plädiert er für ein differenzierteres Hören.

Ein Album unter außergewöhnlichen Umständen

„Chinese Democracy“ entstand in den Nullerjahren unter außergewöhnlichen Umständen: Nach dem Ausstieg zentraler Figuren wie Slash und Duff McKagan entwickelte sich das Projekt über mehr als ein Jahrzehnt zu einem musikalischen Patchwork mit wechselnden Besetzungen und stilistischen Brüchen. Das im November 2008 veröffentlichte Album wurde von Teilen der weltweiten Community daher nie als „echtes“ Guns-N’-Roses-Werk akzeptiert – auch wegen seiner deutlichen Abkehr vom Sleaze- und Hardrock-Sound der späten 1980er und frühen 1990er Jahre.

Reed widerspricht dieser Lesart entschieden. „Ich liebe ‘Chinese Democracy’ und bin stolz, Teil davon gewesen zu sein“, betont er. An alle Skeptiker gerichtet fügt er hinzu: „Ihr solltet es euch wahrscheinlich noch ein paar Mal anhören – dann werdet ihr es vermutlich besser verstehen.“

Komplexität als Programm

Die Komplexität der Platte sei bewusst angelegt: „In diesem Album steckt unglaublich viel – man kann unmöglich alles auf einmal erfassen.“ Rückblickend lässt sich „Chinese Democracy“ tatsächlich als überambitioniertes, aber eigenständiges Werk lesen – weniger als Bruch mit der Bandvergangenheit, sondern als Versuch, den Roses-Sound in eine digitalisierte Ära zu überführen.

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Die Entstehung war Reed zufolge „fordernd“. Er erinnert sich an intensive Nachtschichten im Studio: „Ich erinnere mich, dass wir fünf, sechs Tage die Woche gearbeitet haben.“ Die Arbeitszeiten passte er bewusst an sein Familienleben an – „wir haben nachts gearbeitet, damit ich tagsüber für meine Familie da sein konnte.“ An Schlaf war dabei kaum zu denken.

Unterschätztes Bindeglied der Bandgeschichte

Bemerkenswert ist, wie das Album bis heute nachwirkt: Seit der Rückkehr von Slash und McKagan im Jahr 2016 sind mehrere Songs fester Bestandteil der Live-Sets, während neuere Veröffentlichungen der Band teilweise auf dem Œuvre aus jener Ära zurückgreifen. „Chinese Democracy“ erscheint damit weniger als isolierter Ausreißer, sondern als unterschätztes Bindeglied innerhalb einer stark fragmentierten Bandhistorie.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.