„Exit 8“ ist womöglich die beste – und unheimlichste – Videospielverfilmung aller Zeiten

Ein japanisches Videospiel über eine Endlosschleife wird zum existenziellen Horrorfilm – für Tokioter Pendler und melancholische Brooklyn-Väter.

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Die Treppe hoch, um die Ecke. Man steht am einen Ende eines langen U-Bahn-Korridors – dieser Art von trostlosem, austauschbarem Raum, durch den Stadtmenschen Tag für Tag hetzen. Wände und Böden leuchten in jenem überbelichteten, antiseptischen Weiß, das man aus Kubrick-Filmen und Apple Stores kennt. Ein Mann mit Aktenkoffer schlendert auf einen zu und geht rechts vorbei. Ein Schild an der Decke weist zum Ausgang. Auf einer Seite reihen sich Plakate von Zahnarztpraxen und Museumsausstellungen; auf der anderen drei Metalltüren. Bis ans Ende laufen. Links abbiegen. Rechts. Den Pfeilen folgen. Ein gelbes Schild teilt mit: Level 1.

Wieder um die Ecke – und man steht im selben Korridor wie zuvor. Derselbe Mann mit dem Aktenkoffer. Dasselbe Schild. Dieselben Plakate. Dieselben Türen. Wieder links, wieder rechts. Wer Glück hat, zeigt das gelbe Schild jetzt Level 1. Wer Pech hat, steht noch immer auf Level 0. Daneben hängt nun ein Regelwerk. Und abermals derselbe Korridor. Die scheinbar nichtssagende Umgebung genau im Blick behalten. Wirkt alles „normal“, weitergehen. Fällt eine Anomalie auf – irgendetwas, das sich von diesem ersten Weg von A nach B unterscheidet – sofort umkehren. Trotzdem landet man am selben Ort. Immer im Kreis. Wer es oft genug richtig macht, erreicht Level 8, wo die Außenwelt wartet. Wer die Anweisungen missachtet, bleibt in diesem urbanen Fegefeuer gefangen, ohne Ausweg.

Das ist die Prämisse von „The Exit 8“, einem japanischen Videospiel von Kotake Create, das – wie die Millionen, die es gespielt haben, bezeugen können – das endlose Kreisen eines Pendlers in einen packenden, nervenaufreibenden Ego-Shooter ohne Schießen verwandelt. Nicht gerade der Stoff, aus dem sich ein Film aufdrängt – was Regisseur Genki Kawamura nicht davon abgehalten hat, genau das zu tun. Und in dem, was man nur als kleines Wunder bezeichnen kann, hat er nicht nur das unheimliche Gefühl der Vorlage mit bemerkenswerter Treue übertragen und um eine Art Handlung erweitert (den Zusatz „The“ hat er dabei fallen lassen). Kawamura liefert auch einen genuinen Geniestreich über die existenzielle Dauererschütterung namens Leben im 21. Jahrhundert. Die Hölle sind nicht mehr die anderen. Es ist das Feststecken in einem ewigen Neustart, einer ewig flackernden Matrix, dem endlosen Gefühl, langsam nirgendwohin zu gelangen – wieder und wieder und wieder.

Schleife ohne Ausweg

Dazu kommen natürlich gelegentliche Geistererscheinungen, beunruhigende Schreie und Blut, das von der Decke tropft. Kotake Creates Spiel warf den Spielern eine Reihe verschiedener Anomalien entgegen, von harmlosen (war der Türgriff nicht eben noch seitlich statt mittig?) bis zum schierensten Horror (warum knarzt diese Tür plötzlich auf, und was lauert in der Dunkelheit dahinter?). Der Film greift gelegentlich auf die Ego-Perspektive zurück, fügt aber einen Virgil in der dritten Person hinzu: den Verlorenen Mann (Kazunari Ninomiya). Als wir ihm begegnen, ist er einfach ein weiterer anonymer Typ in einer weiteren anonymen U-Bahn, der einen aufgeblasenen Schnösel ignoriert, der eine Mutter mit quengeligem Baby anbrüllt. Lieber durch das Handy scrollen und die Kopfhörer lauter drehen. Dass er dabei Ravels „Boléro“ hört – ein Stück, das eine zweiteilige Melodie immer wiederholt und dabei rhythmisch immer intensiver wird – ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt.

Als sein Tagtraum durch einen dringenden Anruf seiner Freundin unterbrochen wird und er gezwungen ist, an eine Welt jenseits seines digitalen Kokons zu denken, führt „Exit 8“ so etwas wie eine Handlung ein. Bleiben oder gehen? Die Ironie ist, dass die Station selbst die Fäden zieht und den Verlorenen Mann zwingt, die Frage umzuformulieren: Kann er bleiben oder kann er gehen? Ein Ausgang ist kein Recht, sondern ein Privileg. Er muss verdient werden.

Sobald unser Reiseführer begreift, in welch metaphysisch unmöglicher Situation er steckt, beginnt er, jedes noch so kleine Detail auswendig zu lernen und bei jeder neuen Déjà-vu-Runde gewissenhaft abzuhaken. Kawamura, selbst ein Fan des Spiels, hat erklärt, er wolle die Zuschauer gleichzeitig als Spieler und Beobachter fühlen lassen – der Walkthrough-Charakter ist deutlich spürbar –, und er scheut nicht davor zurück, Perspektiven für den Effekt zu wechseln und zu variieren. (Sein vorheriger Film, eine 2022er Adaption seines eigenen Romans „A Hundred Flowers“, nutzt die Perspektive auf brillante Weise, um den Bewusstseinszustand einer an Demenz erkrankten älteren Frau nachzubilden. Unbedingt anschauen.) Außerdem hat er eine Reihe von Elementen eingebaut, die Fans von „Exit 8“ wiedererkennen werden – allen voran den Walking Man; gespielt vom Theaterschauspieler Yamato Kochi als der beunruhigendste NPC der Welt, dessen einprogrammiertes Lächeln einen noch im Schlaf verfolgt. Auch er bekommt eine Art Hintergrundgeschichte, die dem Ganzen eine zusätzliche tragische Dimension verleiht. Sagen wir es so: Jede Entscheidung zählt.

Vater, Kind, Paranoia

Als ein namenloser Junge (Naru Asanuma) auftaucht und der Verlorene Mann erkennt, dass dieses mysteriöse Kind keine Anomalie ist, gewinnt „Exit 8“ an Pathos und väterlicher Beklemmung, die sich in die frei flottierende Paranoia mischen. Man begreift allmählich, dass Kawamura im Verborgenen ein Gleichnis gesponnen hat, das sich als moderner Horrorfilm tarnt – eine Hommage an „The Shining“, „Ugetsu“ und mehrere andere Meisterwerke des Grauens. Als wir wieder an unseren Ausgangspunkt zurückgeführt werden, ist Passivität keine Option mehr. Man betritt diese unwahrscheinliche, aber unbestreitbar außergewöhnliche Videospielverfilmung bereit, erschreckt zu werden. Man verlässt sie mit dem Gefühl, gerade einen wachen Albtraum erlebt zu haben – maßgeschneidert für Tokioter Pendler und trübsinnige Brooklyn-Väter gleichermaßen.

David Fear schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil