Warum der Michael-Jackson-Film die Missbrauchsvorwürfe ausspart

Ein früher Handlungsstrang in „Michael“ drehte sich um die Vorwürfe des 13-jährigen Jordan Chandler – bis die Filmemacher erfuhren, dass er gegen einen Vergleich über 20 Millionen Dollar verstieß.

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Im Jahr 2024 erhielt das Kreativteam hinter dem Michael-Jackson-Biopic die Nachricht, die jede Hollywood-Produktion fürchtet: Umfangreiche Nachdrehs waren nötig. Der Film, 2022 angekündigt und durch die Streiks von 2023 verzögert, hatte im Januar 2024 endlich die Produktion aufgenommen, und die Hauptdreharbeiten waren einige Monate später abgeschlossen. Nachdrehs sind nicht ungewöhnlich – doch statt ein paar Szenen hinzuzufügen oder umzugestalten, brauchte „Michael“ eine drastische Überarbeitung. Die Geschichte funktionierte nicht. Nicht wegen eines verworrenen Plots oder halbgar ausgearbeiteter Figuren. Vielmehr war der Film, den Regisseur Antoine Fuqua gedreht hatte, ein enormes rechtliches Risiko: Er verstieß gegen die Bedingungen eines Vergleichs mit einem der Jungen, die Michael Jackson des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatten.

1993 beschuldigte Jordan Chandler den King of Pop, ihn missbraucht zu haben. Die Vorwürfe lösten eine Ermittlung des Los Angeles Police Department aus, und Chandlers Familie klagte. Jackson einigte sich 1994 schließlich mit den Chandlers auf einen Vergleich über rund 20 Millionen Dollar, woraufhin die Familie die Zusammenarbeit mit der Polizei einstellte und der Fall ohne Anklage zu den Akten gelegt wurde. (Jackson bestritt Chandlers Vorwürfe stets ebenso wie alle späteren Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs.)

Die Chandler-Saga war laut mehreren Berichten ein zentrales Element in Fuquas ursprünglichem Film. Doch es stellte sich heraus, dass die Vergleichsbedingungen jede Art von dramatisierter Darstellung der Ereignisse rund um die Anschuldigungen untersagten.

Der Vergleich als Maulkorb

Im Gespräch mit der „New York Times“ erklärte Larry Feldman, Chandlers Anwalt und Verhandlungsführer des Vergleichs, die Vereinbarung habe festgelegt, dass „keine Seite irgendetwas tun durfte, um das Geschehene zu veröffentlichen oder zu kommunizieren – außer insoweit, als der Chandler-Familie gestattet war, mit der Polizei zu sprechen und unter Eid auszusagen.“ Als Feldman erfuhr, dass Fuqua die Chandler-Geschichte nicht nur in seine ursprüngliche Filmfassung eingebaut, sondern Jackson dabei weitgehend als Opfer eines Erpressungsversuchs durch Chandlers Vater dargestellt hatte, sagte er: „Genau das durften sie nicht.“

Fuqua und das Kreativteam von „Michael“ – darunter Drehbuchautor John Logan und Hauptproduzent Graham King – erfuhren von dem Vergleich Berichten zufolge irgendwann im Herbst 2024. Im November desselben Jahres wurde bekannt, dass der Film vom ursprünglichen Starttermin im April 2025 auf Oktober 2025 verschoben worden war – ohne Angabe von Gründen.

Im Januar 2025 berichtete „Puck“ erstmals, dass die Verzögerung mit dem Chandler-Handlungsstrang zusammenhing. Demnach war die betreffende Klausel im Chandler-Vergleich nach einem Artikel der „Financial Times“ vom September 2024 entdeckt worden, in dem erstmals über neue Vergleichszahlungen berichtet worden war, die der Jackson-Nachlass 2020 an eine andere Gruppe von Klägern geleistet hatte. (Diese scheinen mit den Vorwürfen der Geschwister Cascio zusammenzuhängen, deren Anschuldigungen gegen Jackson Anfang dieses Jahres publik wurden. Der Jackson-Nachlass hat die Vorwürfe bestritten.)

Nachdrehs nach Rechtsproblemen

Laut „Puck“ begann und endete das ursprüngliche „Michael“-Drehbuch mit der Chandler-Geschichte, die als zentrales Rahmennarrativ des Films und Hauptfokus des dritten Akts diente. Fuqua drehte sogar eine komplette Actionsequenz, die den berüchtigten Razzia auf die Neverland Ranch von 1993 nachstellte – mit dem Höhepunkt, dass Polizeibeamte Jackson nackt ausziehen und sein Genitale untersuchen, um es mit Chandlers Beschreibung abzugleichen.

„Ich habe ihn gefilmt, wie er nackt ausgezogen wird, wie man ihn wie ein Tier behandelt, wie ein Monster“, sagte Fuqua dem „New Yorker“. Der Regisseur erklärte zwar, er wisse nicht, ob die Vorwürfe gegen Jackson der Wahrheit entsprächen, äußerte aber Skepsis gegenüber den Klägern. Chandlers Vater Evan etwa hatte in heimlich aufgezeichneten Telefonaten wiederholt damit gedroht, Jackson zu „vernichten“. (Evan starb 2009 durch Suizid, kurz nach Jacksons Tod.) „Manchmal“, sagte Fuqua, „tun Menschen üble Dinge für Geld.“

Fuqua deutete auch an, dass für schwarze Künstler wie Jackson oft mit zweierlei Maß gemessen werde. „Wenn ich Dinge über uns höre – über Schwarze im Besonderen, gerade in einer bestimmten Position –, zögere ich immer“, sagte der Regisseur und verwies darauf, dass Elvis seine spätere Frau Priscilla kennengelernt hatte, als sie 14 war, und sie mit 17 zu ihm zog.

Weitere Vorwürfe gegen Jackson

Chandler war freilich nicht der einzige Junge, der Vorwürfe gegen Jackson erhob. 2003 wurde Jackson verhaftet und schließlich angeklagt, weil er den 13-jährigen Gavin Arvizo missbraucht haben soll. Der Prozess begann 2005, dauerte drei Monate und endete mit Jacksons Freispruch in allen Punkten.

Dann, 2013 und 2014 – mehrere Jahre nach Jacksons Tod – klagten Wade Robson und James Safechuck gegen den Jackson-Nachlass und beschuldigten den Popstar, sie als Kinder sexuell missbraucht zu haben. Beide Klagen wurden 2017 abgewiesen, weil sie außerhalb der Verjährungsfrist lagen; eine Änderung des kalifornischen Rechts im Jahr 2020 führte jedoch zu ihrer Wiederaufnahme. Nach einer Reihe von Berufungsverfahren ist ihr gemeinsamer Fall nun für November dieses Jahres zur Verhandlung angesetzt. (Robson und Safechuck waren auch die Hauptpersonen der Dokumentation „Leaving Neverland“ von 2019.)

Zuletzt klagten im Februar vier erwachsene Geschwister – Frank, Dominic, Marie-Nicole und Aldo Cascio – gegen den Jackson-Nachlass und bezeichneten Jackson als „seriellen Kinderpredator, der über mehr als ein Jahrzehnt jeden der Kläger betäubte, vergewaltigte und sexuell misshandelte, wobei einige von ihnen erst sieben oder acht Jahre alt waren“.

Film endet vor den Vorwürfen

Anstatt sich mit alldem auseinanderzusetzen, endet „Michael“, das nun endlich am Freitag in die Kinos kommt, auffällig im Jahr 1988 – mitten auf der „Bad“-Tour und Jahre bevor die ersten Anschuldigungen laut wurden. Die ersten Kritiken fallen nicht günstig aus: „Das ist kein Biopic“, schrieb ROLLING STONE-Filmkritiker David Fear. „Das ist die Passion des Heiligen Michael, dargeboten mit großer Treue und Nachdruck auf Jacksons unleugbarem Leid wie auf seinem ebenso unleugbaren Talent.“

Doch die Begeisterung der Fans für Jackson ist ungebrochen. Frühe Einspielergebnis-Prognosen deuten darauf hin, dass „Michael“ ein Kassenschlager wird – und dafür sorgt, dass der King of Pop weiter regiert.

Jon Blistein schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil