„Michael“: Warum es so lange dauerte, Michael Jacksons Geschichte zu verfilmen

Von Jacksons eigenem Widerwillen bis zu den Missbrauchsvorwürfen – das sind die Gründe, warum das offizielle Biopic so lange auf sich warten ließ.

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Das Michael-Jackson-Biopic „Michael“ endet im Jahr 1988: Jackson gleitet über die Bühne eines Londoner Stadions, tritt in dem weißen T-Shirt und der schwarzen, mit Reißverschlüssen besetzten Jacke auf, während Fans vor ihm in Tränen ausbrechen. Doch was ist mit dem Rest der Geschichte? Wie ROLLING STONEs David Fear in seiner Kritik anmerkte, werden die zahlreichen Missbrauchsvorwürfe, mit denen Jackson in den folgenden Jahren konfrontiert war, mit keinem Wort erwähnt. Diese Auslassung – oder eben das Fehlen – ist einer von vielen Gründen, warum es so lange dauerte, die (partielle) Lebensgeschichte des King of Pop auf die Leinwand zu bringen.

Variationen der MJ-Geschichte wurden zwar über die Jahrzehnte immer wieder erzählt – in TV-Serien wie „The Jacksons: A Family Dynasty“, in Jacksons eigener Autobiografie „Moonwalk“ und in Interviews wie dem Oprah-Winfrey-Special, das auf Jacksons berühmter Neverland Ranch gedreht wurde. Doch die erste Ankündigung eines ausgewachsenen Biopics liegt vier Jahre zurück. „Als ich im Dodger Stadium die Victory Tour sah“, erklärte Produzent Graham King, der zuvor das erfolgreiche Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ verantwortet hatte, „hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich fast 38 Jahre später das Privileg haben würde, Teil dieses Films zu sein.“ Das war vor Jahren. Hier sind sechs Gründe, warum der Film erst jetzt in die Kinos kommt.

1. Michael Jackson selbst scheute es, seine Geschichte zu erzählen.

In „Moonwalk“ (1988), das seine Freundin Jacqueline Kennedy Onassis mitlektorierte, bekannte Jackson seinen Widerwillen, jeden Detail seines Lebens preiszugeben. Er schaue Menschen in der Öffentlichkeit nicht gern in die Augen, schrieb er, denn „es gibt so wenig Privatsphäre in meinem Leben, dass ein kleines bisschen von mir zu verbergen eine Möglichkeit ist, mir selbst eine Auszeit zu gönnen.“ Wie das „New York Times Magazine“ kürzlich in Erinnerung rief, vertiefte Jackson diesen Gedanken in einem „People“-Artikel von 1984 über seine Begegnung mit Bruce Springsteen hinter der Bühne während der Victory Tour der Jackson-Brüder.

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Als Springsteen erzählte, seine Fans „drehen durch“, wenn er redet, antwortete Jackson: „Oh, das könnte ich nie. Es fühlt sich an, als würden die Leute etwas über dich erfahren, das sie nicht wissen sollten.“ In einer Notiz zur „Moonwalk“-Ausgabe von 2009 schrieb Co-Lektorin Shaye Areheart, Jackson habe das Projekt nach der Durchsicht eines Exemplars beinahe abgebrochen. „Ich glaube, er fühlte sich plötzlich schrecklich bloßgestellt“, schrieb sie. „Würde er sich damit wohlfühlen, dass die Welt seine Gefühle und Gedanken kennt? Schließlich beruhigte er sich, ließ es los, und wir starteten die Presse.“

2. Zu Lebzeiten war Hollywood zögerlich, Filme mit Jackson zu drehen.

Jackson hatte bereits die Vogelscheuche in „The Wiz“ (1978) gespielt und die Titelrolle in „Captain EO“ (1986) übernommen, einem Kurzfilm von Francis Ford Coppola, der in Disney-Themenparks gezeigt wurde. Er wollte mehr Filme drehen und engagierte Ende der 1980er-Jahre sogar den erfahrenen Filmproduzenten Sandy Gallin als seinen Manager. „Er bewunderte Elvis Presleys Karriere sehr und war der Meinung, seine eigene Karriere sollte sich daran orientieren“, sagte „Captain EO“-Produzent Rusty Lemorande.

„Er glaubte, Elvis Presley werde wegen seiner Filme mehr in Erinnerung behalten als wegen seiner [musikalischen] Auftritte.“ Doch viele Studios wollten nicht mit ihm arbeiten – und wurden dabei mitunter richtig unverschämt: „Wann immer er einen Film drehen wollte, war es unmöglich“, sagte Howard Rosenman, der „Father of the Bride“, den originalen „Buffy the Vampire Slayer“-Film und andere Produktionen verantwortet hatte. „Wie soll man dieses Gesicht auf einer 18 Meter hohen Leinwand zeigen, mit dieser Nase und dieser Haut? Er sah aus wie das Phantom der Oper.“

3. Nach Jacksons Tod war sein Nachlass mit anderen Projekten überhäuft.

Der erste posthume MJ-Film, „This Is It“, war eine Dokumentation über Jacksons Vorbereitung auf seine geplante letzte Konzerttournee – in rund acht Monaten nach seiner Veröffentlichung spielte der Film laut „Billboard“ 72 Millionen Dollar in den USA, 188 Millionen Dollar im Ausland, 43 Millionen Dollar durch DVD-Verkäufe und 25 Millionen Dollar durch DVD-Verleihe ein. Danach generierte die MJ-Marke verlässlich riesige Einnahmen – von den auf Jacksons Musik basierenden Cirque-du-Soleil-Shows in Las Vegas und anderswo bis hin zum Broadway-Musical „MJ the Musical“. Wann genau Produzent Graham King die Leitung des Biopics übernahm, ist unklar, doch 2024 verriet er einem CinemaCon-Publikum, dass er sich sieben Jahre lang auf den Film vorbereitet habe – ein Prozess, der Interviews mit Hunderten von Menschen umfasste.

4. „Leaving Neverland“ schreckte Filmemacher davon ab, mit Jacksons Nachlass zu arbeiten.

Die HBO-Dokumentation von 2019 porträtierte Wade Robson und Jimmy Safechuck, die Jackson als Kinder kannten und Klagen gegen seinen Nachlass einreichten, in denen sie ihm sexuellen Kindesmissbrauch vorwarfen – die Aussagen waren so eindringlich, dass das Sundance-Publikum in jenem Jahr sichtlich erschüttert wirkte. Allein dieser Inhalt hätte Hollywood davon abbringen können, Jacksons Leben zu mythologisieren. Doch nach der Veröffentlichung von „Leaving Neverland“ verklagte Jacksons Nachlass HBO wegen der Ausstrahlung und behauptete, der Sender habe eine Vereinbarung gebrochen, den Künstler niemals zu „verunglimpfen“. 2020 gab ein Gericht dem Nachlass recht und verwies den Fall in ein Schiedsverfahren. (Der Film ist auf offiziellen Streamingdiensten nicht mehr verfügbar.) Das „Times Magazine“ deutete zudem an, dass die Vorstellung, eine ähnliche Verbotsklausel wie die HBO-betreffende zu entdecken, jedes Netzwerk davon abhalten könnte, ein künftiges Jackson-Projekt anzugehen.

5. Ein längst zurückliegender Vergleich mit Jacksons erstem Ankläger zwang „Michael“ zu einer Notfallüberarbeitung.

Ursprünglich sollte sich das geplante Jackson-Biopic laut mehreren Berichten zumindest teilweise mit den Missbrauchsvorwürfen von 1993 befassen. Regisseur Antoine Fuqua inszenierte sogar die damalige Polizeirazzia auf der Neverland Ranch nach, bei der Beamte Jackson zwangen, sich zu entkleiden, um seine Genitalien mit den Beschreibungen des 13-jährigen Anklägers Jordan Chandler zu vergleichen. Jackson einigte sich schließlich mit Chandler auf einen Vergleich zu nicht genannten Bedingungen – doch spät im Produktionsprozess von „Michael“ stießen die Anwälte des Nachlasses auf eine Klausel in diesem Vergleich, die festlegt, dass kein Film Chandler jemals darstellen oder auch nur erwähnen darf.

Das löste eine Last-Minute-Überarbeitung und Nachdrehs aus, die den Film so weit entschärften, dass seine zentrale Spannung nun zwischen Michael und seinem missbräuchlichen, kontrollierenden Vater Joseph liegt. Der Film hätte eigentlich vor einem Jahr Premiere feiern sollen, wurde aber wegen dieser kurzfristigen Änderungen zweimal verschoben – zu einem gemeldeten Kostenaufwand von mindestens 10 bis 15 Millionen Dollar.

6. Der Palisades-Brand traf es buchstäblich zu Hause.

Das Haus von Drehbuchautor John Logan wurde bei diesem Brand beschädigt, wie „Variety“ berichtete – genau in dem Moment, als die Filmemacher an einem neuen Ende feilten. So endet der Film statt auf einer düsteren Note – der Polizeirazzia von 1993 – mit einem triumphalen Auftritt zu „Bad“.