CGI-Schimpansen und eine Welt ohne Janet: Der Faktencheck zum Michael-Jackson-Biopic
„Michael“ weicht erwartungsgemäß weit vom historischen Geschehen ab – und streicht gleich drei der neun Jackson-Geschwister aus der Geschichte.
Das Team hinter dem neuen Biopic „Michael“ hatte sich einiges vorgenommen, als es das Projekt vor einigen Jahren in Angriff nahm. Regisseur Antoine Fuqua, Drehbuchautor John Logan und die Produzenten Graham King, John Branca und John McClain wollten für Lionsgate jede Menge Geld einspielen, das Michael-Jackson-Estate durch eine ordentliche Portion Nostalgie für die Glanzjahre des Sängers bei Laune halten, jeden Hinweis auf die erschreckenden Missbrauchsvorwürfe, die ihn in seinen späteren Jahren verfolgten, wegwischen – und möglicherweise den Grundstein für ein erweitertes Jackson-Family-Filmuniversum legen. (Wie lange dauert es noch, bis wir „Control: The Janet Jackson Story“ bekommen?)
Was sie dabei offenbar nicht sonderlich beschäftigt hat, ist die Treue zum historischen Geschehen. Aber das ist, ehrlich gesagt, auch nicht die Aufgabe eines Biopics. Wie wir bereits in Faktencheck-Artikeln zu Filmen über Queen, Elton John, Mötley Crüe, Amy Winehouse, Bob Dylan und die Sex Pistols festgestellt haben: Wer etwas über Musikgeschichte lernen will, greift zum Buch oder schaut eine Doku.
Der Bruce-Springsteen-Film „Deliver Me From Nowhere“ ist eine seltene Ausnahme – doch dort war historische Genauigkeit leichter zu erreichen, weil der Film sich auf kaum mehr als zwölf Monate zwischen 1981 und 1982 beschränkt. „Michael“ setzt 1966 ein und spult bis 1988 vor. Zu viel Zeit für bloß 140 Minuten. Große Ereignisse müssen komplett übersprungen, andere in Sekunden abgehandelt werden – und die Chronologie wird dabei ziemlich dehnbar.
Erfunden und verzerrt
Und ganz in der großen Tradition des Biopics wurden andere Dinge schlicht erfunden oder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. (Wenn einer der Produzenten selbst als Figur im Film auftaucht – wie in „Michael“ und im Brian-Wilson-Film „Love and Mercy“ –, kann man damit rechnen, dass er als makelloser Halbgott dargestellt wird.) Hier ist ein nicht abschließender Leitfaden zu den sachlichen Fehlern in „Michael“.
Rebbie Jackson existiert
Als der Film 1966 beginnt, ist das älteste Jackson-Geschwisterkind Rebbie 16 Jahre alt, besucht noch die Schule und lebt noch zu Hause. Am Esstisch taucht sie nicht auf, im Wohnzimmer während der Bandproben auch nicht – und sonst nirgendwo in dem engen Jackson-Haushalt. Vielleicht war sie in diesen Szenen immer gerade bei Freunden, aber es sieht stark danach aus, als wäre ihre Existenz in dieser Geschichtsversion einfach getilgt worden.
Randy Jackson auch
Randy Jackson, der jüngste der sechs Jackson-Brüder und das zweitjüngste Geschwisterkind insgesamt, war fünf Jahre alt, als der Film beginnt. Ab 1971 trat er live mit den Jackson 5 auf, wurde im Wesentlichen zum sechsten Mitglied, übernahm 1975 eine größere Rolle, als die Gruppe Motown verließ und Jermaine ausstieg – und co-schrieb sogar „Shake Your Body (Down to the Ground)“ von 1979. Zumindest in der Realität. Im Film wurde er schlicht nie geboren.
Wo bist du, Janet?
Als der Film in das Jahr 1968 springt, müsste Michael eine kleine Schwester namens Janet haben. Sie ist das jüngste der neun Jackson-Kinder, zog 1970 mit der Familie nach Kalifornien, trat ab 1974 live mit ihnen auf, gab im Jahr darauf ihr TV-Debüt, spielte ab 1977 in „Good Times“ mit und veröffentlichte 1982 ihr erstes Album. Doch im Universum von „Michael“ ist La Toya die einzige Tochter – Janet wird mit keiner einzigen Silbe erwähnt. „Ich wünschte, alle wären im Film“, sagte La Toya gegenüber „Variety“. „Sie wurde gefragt und hat freundlich abgelehnt, das muss man respektieren.“ (Randy Jackson managt Janet heute, und die beiden sind in ihrer Haltung zum Film vermutlich einer Meinung.)
Gladys Knight war nicht dabei
Die Jackson 5 eröffneten im Juli 1968 nicht für Gladys Knight and the Pips
Wie der Film zeigt, traten die Jackson 5 am 12. Juli 1968 im Regal Theater in Chicago auf. Im Film spielten sie als Vorgruppe von Gladys Knight and the Pips. In Wirklichkeit eröffneten sie für Bobby Taylor & The Vancouvers. Schauspielerin Liv Symone liefert eine prächtige Gladys-Knight-Imitation bei „I Heard It through the Grapevine“, und die Jacksons sollten Knight in Zukunft noch oft begegnen – nur eben nicht an jenem Abend.
Suzanne de Passe war auch nicht im Regal Theater
Während Colman Domingos Joe Jackson die Jackson 5 im Regal Theater beobachtet und nur auf den kleinsten Fehltritt wartet, um später eine Tracht Prügel zu rechtfertigen, tritt Motowns Suzanne de Passe (Laura Harrier) aus den Kulissen und reicht ihre Visitenkarte. In Wirklichkeit war es Headliner Bobby Taylor, der Motown auf die Gruppe aufmerksam machte und das Vorsingen arrangierte. Wohlgemerkt: De Passe spielte eine enorme Rolle beim Aufstieg der Gruppe – sie war nur nicht in jener Nacht im Regal. (Die Jackson 5 nahmen vor ihrem Vertrag bei Motown kurz auch für Steeltown Records auf. Der Film zeigt das nicht, widerspricht dem aber auch nicht explizit. Es ist eher eine Auslassung als eine Ungenauigkeit. Würden wir uns auf alle Auslassungen in „Michael“ konzentrieren, wäre dieser Artikel länger als „Krieg und Frieden“.)
„Off the Wall“ war nicht Michaels Solodebüt
Als der Film ins Jahr 1977 springt, will Michael (jetzt gespielt von Jaafar Jackson statt dem jungen Juliano Valdi) unbedingt Soloplatten aufnehmen. Er traut sich nicht, seinen Vater direkt zu fragen, und überredet zwei Plattenfirmenmanager, das für ihn zu übernehmen. Joe willigt ein – solange die Sessions nachts stattfinden und Michaels Arbeit mit seinen Brüdern nicht beeinträchtigen. „Er kann in seiner Freizeit machen, was er will“, sagt Joseph, „solange er weiter mit seinen Brüdern zusammenarbeitet. Von neun bis fünf gehört mir sein Hintern. Danach ist es seine Sache, ob er um Mitternacht ein Album aufnehmen will.“ Kein Wort über Michaels Solodebüt „Got To Be There“ von 1972, das kurz darauf folgende „Ben“, „Music & Me“ von 1973 oder „Forever Michael“ von 1975. „Off the Wall“ war tatsächlich sein fünftes Soloalbum – auch wenn es das erste für Epic war, nach der langen Zeit bei Motown.
Randys Rolle verschwiegen
Die Jacksons waren nach Jermaines Abgang kein Quartett
Nachdem „Off the Wall“ einschlägt und Michael zum echten Superstar wird, drängt Joe Jackson die Brüder, auf Tour zu gehen und den Erfolg zu nutzen. Einer fragt, wie sie ohne Jermaine touren sollen. „Euer Bruder hat seine Wahl getroffen, als wir Motown verließen und er blieb“, sagt Joseph. „Der Punkt ist: Wir müssen Michaels Album ausschlachten.“ Das klingt, als hätten sie seit Jermaines Abgang 1975 nicht mehr getourt und hielten es kaum für möglich. Doch Randy füllte die Lücke, und zwischen 1976 und 1978 gaben sie als Fünfer jede Menge Konzerte. Die Destiny-Tour 1979 war keine Premiere – und sie startete, bevor „Off the Wall“ überhaupt erschienen war. Der Film stellt sie als erste Tour seit Jahren dar und zeigt sie als Quartett, weil Randy im Film schlicht nicht existiert.
Bubbles kam erst später ins Bild
In einem der unfreiwillig komischsten Momente des Films überrascht Michael seine Familie irgendwann um 1979 damit, einen per CGI animierten Baby-Schimpansen namens Bubbles zu adoptieren. Bubbles wurde aber erst 1983 geboren. (Dass er mit Michael Twister gespielt hat, bezweifeln wir ebenfalls – aber das lassen wir mal durchgehen.)
Die Giraffe kam auch später
So abwegig es klingt: Michael Jackson hatte tatsächlich eine Baby-Giraffe auf dem Familiengrundstück in Encino, Kalifornien, bevor er nach Neverland zog. Das sorgte für einigen Wirbel, weil er keine Genehmigung für die Haltung eines Exoten besaß und das Tier in ein privates Tierheim abgeben musste. Das geschah aber erst 1986. Im Film ist die Giraffe gut sechs Jahre früher auf dem Grundstück zu sehen.
Branca als Retter
Michael feuerte Joseph früher als dargestellt
Im Film findet Movie-Michael einen selbstlosen Retter, als er John Branca (Miles Teller) als seinen Anwalt engagiert. (Rein zufällig produziert Branca auch den Film.) Brancas erste Amtshandlung: Joseph per Fax als Michaels Manager zu entlassen. Das Dokument im Film ist auf 1981 datiert. In Wirklichkeit trennte sich Michael zwei Jahre früher von seinem Vater – kurz nachdem er 21 geworden war.
Den Titelsong zu „Thriller“ hatte nicht Michael die Idee
„Michael“ widmet der Entstehung von „Thriller“ viel Zeit, und Jackson heftet Songtitel Stück für Stück an die Wand, während das Album Form annimmt. Er besteht darauf, dass noch ein letzter Song fehlt. Die Inspiration für „Thriller“ kommt ihm zu Hause beim Anschauen alter Horrorfilme. Doch Michael Jackson hat „Thriller“ nicht geschrieben. Der Song ist ausschließlich Rod Temperton zugeschrieben.
„Ich lernte Michael kennen“, erzählte Temperton 2012 dem Magazin „M“ – und erwähnte, dass er den Song ursprünglich „Starlight“ genannt hatte. „Er liebt Filme, also kam mir die Idee, etwas wirklich Theatralisches zu schreiben … Das war so eindeutig eine große Produktion, dass es der Titeltrack sein musste – aber es gab noch keine Lyrics, und ‚Starlight‘ reichte einfach nicht. Es musste geheimnisvoll sein, passend zu Michaels sich wandelnder Persona. Jeden Abend ging ich ins Hotel zurück und fing an, Titel zu schreiben. Eines Nachts kam mir ‚Midnight Man‘. Quincy sagte, ich sei auf dem richtigen Weg, aber es stimmte noch nicht. Am nächsten Morgen fiel es mir ein – aber es war ein wirklich bescheuertes Wort zum Singen: ‚Thriller‘. Es klang schrecklich! Doch wir brachten Michael dazu, es ein paarmal ins Mikrofon zu spucken, und es funktionierte.“
MTV-Chronologie falsch dargestellt
Die MTV-Chronologie stimmt überhaupt nicht
Sobald der Film die „Thriller“-Ära erreicht, verliert man den Überblick über die Zeitlinie. Irgendwann nach dem Dreh des „Thriller“-Videos im Oktober 1983 besucht Michael den CBS-Records-Präsidenten Walter Yetnikoff (herrlich gespielt von Mike Myers) in seinem New Yorker Büro. Jackson drängt ihn, MTV zu überreden, seine Videos zu spielen. „MTV spielt fast nie Black Artists“, sagt Yetnikoff. „Ich weiß nicht warum. Vielleicht wollen sie die weißen Kinder in den Vororten nicht erschrecken.“
Es stimmt zwar, dass MTV anfangs überwiegend weiße Künstler spielte und R&B oder Soul kaum Platz einräumte – aber das Ausmaß davon wurde im Laufe der Jahre maßlos übertrieben. Selbst in den frühesten Tagen liefen Eddie Grant, die Specials, Donna Summer, Musical Youth und andere Black Artists regelmäßig im Programm.
Im Film ruft Yetnikoff MTV-CEO Bob Pittman an und brüllt ihn an. „Wenn ihr ‚Billie Jean‘ nicht in den nächsten zehn Minuten spielt, ziehe ich jeden CBS-Künstler aus eurem Programm“, sagt er. „Bruce Springsteen, Cheap Trick, Charlie Daniels, Billy Joel. Cyndi Lauper, Bob Dylan. Ihr könnt sie alle in einen Plastikbeutel stecken, den Beutel in Crisco tunken und euch dann in den Arsch schieben.“
Das ist eine Geschichte, die Yetnikoff gerne erzählte, und irgendeine Version davon hat sich vielleicht tatsächlich so zugetragen. Aber nicht zu diesem Zeitpunkt. MTV begann am 10. März 1983 mit der Ausstrahlung von „Billie Jean“, am 31. März folgte „Beat It“. Als das „Thriller“-Video im Oktober gedreht wurde, war Michael längst das Gesicht von MTV. Die mussten nicht mit dem Verlust ihrer Charlie-Daniels-Videos bedroht werden, um seine Sachen zu spielen – sie zählten die Sekunden, bis sie „Thriller“ erstmals zeigen und danach gefühlt 50.000-mal wiederholen konnten.
Die Victory Tour mit allen Geschwistern
Auf der Victory Tour standen alle sechs Jackson-Geschwister auf der Bühne
Der letzte Akt von „Michael“ dreht sich um Josephs verzweifelte Versuche, Michael nach dem Erfolg von „Thriller“ zu einer Tour mit seinen Brüdern zu überreden. Wie der Film zeigt, war Don King als Promoter dabei und holte Pepsi als Sponsor an Bord. Auch Jermaine kehrte für die Tour zurück. In Wirklichkeit waren aber alle sechs Geschwister dabei. Im Film sieht man nur fünf, weil Randy in der Handlung schlicht nicht vorkommt. Der Film endet allerdings mit einem deutlichen Hinweis auf eine Fortsetzung. Die wird heikel, wenn sie in die Neunziger kommen – mit dem ersten Missbrauchsvorwurf 1993. Sollte das passieren, darf man eine deutlich längere Liste an sachlichen Korrekturen erwarten als diese hier.