Warum ihr die Michael-Jackson-Missbrauchsdoku „Leaving Neverland“ nicht mehr sehen könnt
Der brisante Film von 2019 über die Vorwürfe von Wade Robson und James Safechuck wurde nach einem Rechtsstreit zwischen HBO und dem Jackson-Nachlass aus dem Verkehr gezogen.
Als „Leaving Neverland“ 2019 Premiere feierte, schien der Film die Art, wie alle über Michael Jackson denken, für immer verändern zu wollen. Der zweiteilige, vierstündige Film dreht sich um Wade Robson und James Safechuck, die Jackson beschuldigten, sie als Kinder über viele Jahre hinweg sexuell missbraucht zu haben – oft in erschreckend konkretem Detail.
Der Jackson-Nachlass ließ den Film umgehend als „eine weitere reißerische Produktion in einem empörenden und erbärmlichen Versuch, Michael Jackson auszubeuten und zu vermarkten“ abtun. Robsons und Safechucks Aussagen seien „veraltet und widerlegt“. (Jackson selbst hatte alle Missbrauchsvorwürfe zu Lebzeiten stets bestritten.) Doch der Film erschien auf dem Höhepunkt der #MeToo-Bewegung und löste eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Jacksons Erbe aus: Einige Radiosender im Ausland strichen seine Musik aus dem Programm, Markenprojekte wurden beendet, und selbst eine „Simpsons“-Folge, in der Jackson 1991 mitgewirkt hatte, wurde aus dem Umlauf genommen.
Sieben Jahre später ist Jackson allerdings so populär wie eh und je. Das kürzlich erschienene Biopic „Michael“ gilt als sicherer Blockbuster. Und „Leaving Neverland“ – ein Dokumentarfilm von echtem Gewicht, der einen Emmy gewann und für einen Peabody nominiert wurde – ist auf keiner offiziellen Streamingplattform in den USA mehr zu sehen.
Klage gegen HBO
Noch vor dem Start auf HBO verklagte der Jackson-Nachlass den Kabelsender mit der Begründung, der Film verstoße gegen eine Nichtverunglimpfungsklausel in einem Vertrag von 1992 zwischen Jackson und HBO über „Michael Jackson in Concert in Bucharest: The Dangerous Tour“. Den Film zu stoppen gelang dem Nachlass zwar nicht, doch mit dem Versuch, HBO zur Schlichtung zu zwingen, verschaffte er sich vor Gericht Gehör.
Der Fall zog sich über mehrere Jahre hin und wurde schließlich im Oktober 2024 beigelegt. Beide Parteien einigten sich darauf, die Klage fallen zu lassen – und als Teil der Einigung erklärte sich HBO bereit, „Leaving Neverland“ von seiner Streamingplattform zu entfernen. Ein HBO-Sprecher teilte dem Magazin „Puck“ damals mit, die Angelegenheit sei „einvernehmlich gelöst“ worden.
Seitdem ist der Film nicht mehr verfügbar – und wird es noch mindestens einige Jahre bleiben. In einem Gespräch mit ROLLING STONE bezeichnete „Leaving Neverland“-Regisseur Dan Reed das Verschwinden des Films als „schmerzhaft“ und „einen Schlag in die Magengrube“. Reed war zwar über den Rechtsstreit informiert, aber nicht direkt daran beteiligt. Er lobte HBO dafür, den Film finanziert und die Ansprüche des Nachlasses jahrelang bekämpft zu haben – doch das Endergebnis, so Reed, spiegle bestimmte Themen wider, die „Leaving Neverland“ selbst verhandelt.
Macht, Einfluss, Anwälte
„Macht, Einfluss und skrupellose Anwälte können fast unvorstellbare Unterdrückungsleistungen vollbringen“, sagte Reed. „Die können alles zum Schweigen bringen. Sie haben Jacksons Kindesmissbrauch unterdrückt, solange er lebte. Sogar als er im Strafprozess vor Gericht stand. Er hätte damit nicht davonkommen dürfen – aber er tat es. … Das zeigt, dass man die Wahrheit mit Füßen treten kann, wenn man aggressive, schlagkräftige Anwälte und enormes soziales Kapital hat. Selbst Warner Bros. als Eigentümer von HBO war am Ende nicht in der Lage, sich gegen sie zu behaupten.“
Obwohl der Film derzeit faktisch gesperrt ist, wird „Leaving Neverland“ aller Voraussicht nach wieder zu sehen sein. Die Rechte fallen 2029 an Reed zurück, und er erklärte, er werde dafür sorgen, dass der Film „in Nordamerika gesehen werden kann“. Er betonte, es gebe „kein Problem und keinen Makel“ an dem Film: „Die Integrität und Wahrhaftigkeit des Films wurde in keiner Weise angefochten oder untergraben. Das ist eine rein technische Rechtseinigung, die mit einem Vertragsstreit zwischen HBO und jemandem zu tun hat, mit dem HBO vor langer Zeit einen Vertrag geschlossen hat.“
Im März 2025, kurz nachdem der ursprüngliche Film zurückgezogen worden war, veröffentlichte Reed eine Fortsetzung von „Leaving Neverland“, in der Robson und Safechuck die jüngsten Entwicklungen in ihrem Rechtsstreit gegen den Jackson-Nachlass sowie die Reaktionen auf den ersten Film besprechen. (Nach jahrelangen Berufungsverfahren wird die gemeinsame Klage von Robson und Safechuck im November vor Gericht verhandelt.) Reed veröffentlichte den Film auf YouTube, zeigte sich mit dem Ergebnis jedoch unzufrieden: YouTubes Algorithmus priorisiert Filme, die Themen wie sexuellen Kindesmissbrauch behandeln, nun mal nicht – und der Film war dem massenhaften Downvoting durch Jacksons treue Fangemeinde schutzlos ausgeliefert.
„Eine Verhöhnung der Wahrheit“
Was das Biopic betrifft, war Reed unmissverständlich. Der Film werde bei einer neuen Generation junger Zuschauer das Bild eines Jackson hinterlassen, „der ein sehr talentierter Performer war und Kindern gegenüber ziemlich nett“. Reed nannte das „eine Verhöhnung der Wahrheit“.
Er fuhr fort: „Junge Menschen kennen das Klischee des Film- oder Popstars, dessen Privatleben fragwürdig ist. Sie sind weder dumm noch naiv. Aber es ist ein Beweis für die Macht des Nachlasses und sein Gewicht in Hollywood, denn da ist dieses Realitätsverzerrungsfeld, das sagt: ‚Das ist Michael fucking Jackson. Wovon reden Sie? Nichts mit Ihrem Kindesmissbrauchs-Kram. Scheiß drauf. Das ist Michael fucking Jackson.‘ Das ist pures Geld. Purer Einfluss. Purer fucking Hollywood-Glanz. Und man schaut diese Leute an und denkt: ‚Haben Sie nicht einen Funken … Haben Sie Kinder? Sind Sie jemals Kindern begegnet?’“