Anton Corbijn: Ausstellung in Berlin im Fotografiska
Die Schau „Corbijn, Anton" im Fotografiska Berlin zeigt 150 Arbeiten aus fünf Jahrzehnten – von Depeche Mode bis U2. Eröffnet mit Herbert Grönemeyer.
Im voll besetzten Veranstaltungssaal des privatwirtschaftlich betriebenen Foto-Kulturzentrums Fotografiska im Gebäude des ehemaligen „Tacheles“ wird laut gelacht.
Corbijn und Grönemeyer: Ein Gespräch über Freundschaft und Vertrauen
Bei der moderierten Plauderei zwischen dem 70-jährigen niederländischen Fotografen Anton Corbijn und dem ebenfalls 70-jährigen Musiker Herbert Grönemeyer reiht sich Witz an Ironie. Einmal verfällt der von Corbijn oft fotografierte Fan des VfL Bochum sogar ins Holländische.
Die Anekdote zum legendären Eisbär-am-Strand-Video zu Grönemeyers Mega-Erfolg „Mensch“ wird ebenso abgehandelt wie die noch von besetzten Häusern geprägten Lehrjahre des Fotografen im London der 1980er-Jahre. Die Konzeption zum „Mensch“-Clip entstand anhand eines Track-Entwurfs, der als „work in progress“ noch ohne Text daherkam – offenbar genug Inspiration für eine Ikone des damals noch existierenden Musikfernsehens.
Es entstand ein Dialog über Freundschaft, kreative Nähe und die besondere Rolle von Vertrauen in der künstlerischen Zusammenarbeit. Grönemeyer beschrieb eindrucksvoll, wie sein Freund und einstiger Londoner Nachbar Menschen nicht „abbildet“, sondern ihnen Raum gibt, sichtbar zu werden. Diese Ruhe und Zurückhaltung prägt auch Corbijn selbst: ein stiller Beobachter, dessen Bilder enorme emotionale Wucht besitzen.
Fünf Jahrzehnte Musik-, Film- und Bildgeschichte
Danach öffnete sich der Ausstellungsparcours, der sich nicht als bloße Retrospektive, sondern als Reise durch fünf Jahrzehnte Musik-, Film- und Bildgeschichte des bodenständigen Fotografen präsentiert.
Corbijn fand nach eigener Aussage aus Schüchternheit zur Kamera. Aufgewachsen als Sohn eines Pfarrers auf einer niederländischen Insel, wurde Musik für ihn früh zum Rückzugsort. Die Kamera wurde zum Werkzeug, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Der Wunsch zu fotografieren, so Corbijn, sei stärker gewesen als jeder Provinz-Minderwertigkeitskomplex.
Das körnige Schwarz-Weiß seiner Fotografien wirkt keineswegs nostalgisch oder überstilisiert, sondern roh und aus heutiger Perspektive zeitlos. Die Ausstellung versammelt rund 150 Arbeiten – von Depeche Mode über U2 bis hin zu Tom Waits, Nina Hagen, Grönemeyer oder den Einstürzenden Neubauten. Viele dieser Bilder gehören längst zum kollektiven Gedächtnis der Popkultur.
Besonders prägnant: die jungen Joy Division im runden Personentunnel der Londoner U-Bahn – ein Schnappschuss, der den Post-Punk früh auf den Punkt brachte.
Porträts in Zwischenmomenten
Glamour interessiert Corbijn allenfalls am Rande. Seine Porträts zeigen Menschen oft in Zwischenmomenten – häufig melancholisch. Besonders deutlich wird das in seiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit U2 und Depeche Mode, deren visuelle Identität er auch im Auftrag der Plattenfirmen entscheidend geprägt hat.

Einer der stärksten Momente der Ausstellung ist die Selbstporträt-Serie direkt am Eingang – die in anderer Form bereits in Tallinn zu sehen war. Corbijn posiert als Ian Curtis im Werk „a.somebody, strijen Holland“ von 2002 und inszeniert sich als Joy-Division-Sänger in der flachen Landschaft seiner niederländischen Heimat. Das Bild basiert nicht auf einer konkreten Fotovorlage von Curtis, sondern funktioniert als persönliche Erinnerung, als Echo kollektiver Musikbilder und als Reflexion über Vergänglichkeit.
Vom Foto zum Film: ein vielseitiges Werk
Die Ausstellung zeigt, wie vielseitig Corbijn gearbeitet hat. Neben den Fotografien reicht sein Werk von über 80 Musikvideos bis hin zu Dokumentar- und Spielfilmen. Der bekannteste, „Control“, zeichnet in Schwarz-Weiß die Manchesterjahre des jungen Ian Curtis nach.
„Corbijn, Anton“ zeigt, wie sehr Bilder unsere Wahrnehmung von Künstlern prägen – und man staunt, wen er alles vor der Linse hatte. Wie ein einst schüchterner Fotograf über Jahrzehnte das visuelle Gedächtnis mehrerer Generationen mitgestaltet hat.
Die Ausstellung läuft seit dem 9. Mai im Fotografiska in Berlin-Mitte und ist noch bis zum 20. September 2026 zu sehen.