Kann der lokale Aufruhr über Rechenzentren die Midterms kippen?

„Angesichts so vieler politischer Gräben scheint der Widerstand gegen Rechenzentren gerade das Einzige zu sein, das die Amerikaner eint“ – wie ein Nischenthema zum Wahlkampfknaller wird.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Hunderte von Milliarden Dollar fließen durch die KI-Branche, und neue Tools schießen scheinbar überall aus dem Boden – doch die meisten Amerikaner stehen dem Ganzen skeptisch gegenüber. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat ein negatives Bild von künstlicher Intelligenz, und sieben von zehn Amerikanern wollen kein Rechenzentrum in ihrer Nähe. Der Kampf um den Bau dieser Anlagen hat in den letzten Monaten an Schärfe gewonnen – und der Widerstand dagegen ist auffällig parteiübergreifend.

Von roten Bundesstaaten wie North Carolina bis hin zu blauen wie Oregon stemmen sich Gemeinden mit Nachdruck gegen Pläne für neue Rechenzentren. Anwohner äußern Bedenken wegen steigender Strompreise, hohen Wasserverbrauchs, Luft- und Wasserverschmutzung, Steuergeschenken für Investoren und vertrauter Landschaften, die von der Infrastruktur großer Technologiekonzerne vereinnahmt werden.

In Maine legte Gouverneurin Janet Mills, eine Demokratin, letzten Monat ihr Veto gegen ein Gesetz ein, das als erstes bundesstaatliches Moratorium für Rechenzentren gegolten hätte – mit der Begründung, sie wolle ein Rechenzentrum-Projekt in der Stadt Jay nicht gefährden. Maine State Rep. Melanie Sachs (D-Freeport) hatte dieses Gesetz eingebracht und sagt gegenüber ROLLING STONE, sie habe es aufgrund von Sorgen vorgelegt, die sie von Einwohnern des Bundesstaats gehört hatte.

„Gouverneurin Mills hat im Dezember 2024 eine KI-Taskforce ins Leben gerufen. Deren Bericht erschien im Oktober 2025 und thematisierte die Ängste der Bürger Maines vor Rechenzentren – wegen ihres Energieverbrauchs und ihrer Umweltauswirkungen. Außerdem sprach er von der Notwendigkeit eines klaren Regelwerks“, sagt Sachs.

Moratorium statt Verbot

Sachs will Rechenzentren nicht dauerhaft verbieten, findet aber, der Staat müsse erst einmal durchatmen, bevor irgendwo Bagger anrollen, und herausfinden, was wirklich im Sinne der Bevölkerung ist. „Es gibt Studien, die zeigen, dass diese Anlagen keine Arbeitsplätze schaffen. Die Behauptung, sie würden Jobs bringen, ist ein Mythos“, sagt Sachs. „Ich habe immer wieder betont, dass es schlicht darum ging, uns Zeit zu verschaffen … denn die Auswirkungen dieser Projekte reichen weit über den jeweiligen Standort hinaus.“

Die Menschen in Maine sind unzufrieden mit Mills‘ Veto, sagt Sachs – sie fürchten steigende Stromrechnungen und Umweltschäden, sollten Rechenzentren tatsächlich gebaut werden. In einem Bundesstaat, der im Winter stark auf Heizung angewiesen ist, macht sich Sachs zudem Sorgen um die Stabilität des Stromnetzes.

Rechenzentren sind im Wesentlichen riesige Lagerhallen voller Spezialchips, die künstliche Intelligenz antreiben – und die ist extrem energiehungrig. Um diese Prozessoren zu kühlen, können Rechenzentren täglich Hunderttausende von Litern Wasser verbrauchen und benötigen Megawatt an Leistung. Ohne ausreichend neue Anlagen wird das Wachstum der Branche ausgebremst – daher der Druck, sie überall im Land hochzuziehen.

Was alle Amerikaner eint

Megan Mullin, Direktorin des UCLA Luskin Center for Innovation, erklärt, das Thema sei deshalb so parteiübergreifend, weil es etwas berühre, das allen Amerikanern am Herzen liege.

„Angesichts so vieler politischer Gräben scheint der Widerstand gegen Rechenzentren gerade das Einzige zu sein, das die Amerikaner eint“, sagt Mullin. „Es liegt nahe, diesen Widerstand auf eine wachsende Skepsis gegenüber der Technologie und den Konzernen zu schieben, die sie kontrollieren – doch in Wirklichkeit wurzelt er in etwas, das Amerikaner schon immer verbunden hat: unserer tiefen Verbundenheit mit dem Ort, an dem wir leben.“

Die Intensität des Widerstands gegen Rechenzentren – und gegen KI im Allgemeinen – hat manche Experten überrascht. Ben Green, Assistenzprofessor für Information und öffentliche Politik an der University of Michigan, hätte nicht erwartet, dass sich so viele Menschen so leidenschaftlich in diese Debatte einbringen würden.

Ein heißes Eisen

„Es ist schon erstaunlich, wie sehr das zum Reizthema geworden ist“, sagt Green. „Ich sehe es als eine Frage, die Menschen zusammenbringt, weil es so vieles daran abzulehnen gibt. Manche kommen aus einer Umweltperspektive, andere wollen nicht, dass eine externe Industrie ohne ihr Mitspracherecht einzieht, und wieder andere sorgen sich vor allem um Erschwinglichkeit und Strompreise.“

Green zufolge schadet es der KI-Branche zusätzlich, dass Menschen Rechenzentren als etwas wahrnehmen, das vor allem extrem reichen Technologiekonzernen nützt – die schon vor dem Zeitalter, in dem sie allen KI aufzwingen und mit Rechenzentren buchstäblich in die Nachbarschaft einziehen, nicht sonderlich beliebt waren.

Was noch offen ist: Wie stark wird dieser Gegenwind bei den kommenden Wahlen zu spüren sein? Die KI-Branche pumpt bereits viel Geld in Wahlkämpfe. Kandidaten von Virginia bis Wisconsin positionieren sich gegen sie. „Wir haben es mit den mächtigsten Unternehmen der Welt zu tun“, sagte Virginia Delegate John McAuliff letztes Jahr. „Wir müssen sicherstellen, dass die Virginier von dem profitieren, was diese Konzerne hier tun – und nicht nur dafür zahlen.“

Gradmesser für Kandidaten

Green glaubt, das Thema könnte wahlentscheidend werden – und Wählerinnen und Wähler könnten ihre Entscheidung daran knüpfen, wo Kandidaten in der Frage von KI und Rechenzentren stehen.

„Ich denke, der Effekt könnte in bestimmten Bundesstaaten oder sogar Regionen besonders ausgeprägt sein“, sagt er. „Die Menschen erkennen darin einen nützlichen Gradmesser für die Prioritäten und Überzeugungen von Politikern. Rechenzentren stehen in der Wahrnehmung vieler für den Kampf der Großindustrie gegen die lokale Gemeinschaft. Wer wissen will, ob ein Kandidat die Interessen normaler Menschen gegen die mächtige Lobby der Tech-Barone vertritt, schaut sich einfach an, wo er beim Thema Rechenzentren steht.“

Sachs ist überzeugt, dass das Thema in ihrem Bundesstaat künftig eine große Rolle spielen wird. Der demokratische Senatskandidat Graham Platner hat sich bereits für ein bundesweites Moratorium beim Bau von Rechenzentren ausgesprochen, und Gouverneurin Mills zog ihre Kandidatur für den Senat kurz nach ihrem Veto gegen Maines Moratorium-Gesetz zurück. In den Umfragen lag sie zu diesem Zeitpunkt deutlich hinter Platner.

„Ich hoffe, dass jeder Einwohner Maines seine Kandidaten zu diesem Thema befragt“, sagt Sachs. „Wo stehen sie? Wie haben sie sich zum Moratorium-Gesetz verhalten?“

Lackmustest für den Wahlkampf

Dieses Thema könnte im ganzen Land zum Lackmustest für Wählerinnen und Wähler werden. Auf der Linken scheint der Widerstand gegen Rechenzentren und KI stärker ausgeprägt zu sein als auf der Rechten – doch die Sorgen sind parteiübergreifend. Während Washington beim Thema Regulierung der KI-Branche auf der Bremse steht – und Präsident Donald Trump aktiv gegen jede Regulierung der finanzstarken Branche kämpft – sorgen Wählerinnen und Wähler dafür, dass ihre lokalen Vertreter wissen, wie sie über die Entwicklungen in ihren Bundesstaaten denken.

Thor Benson schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil