Rush, Night Two: Die Fifty-Something-Tour ist ein Rock-Wunder
Geddy Lee und Alex Lifeson übertrafen ihre Tourpremiere mit einer überwältigenden zweiten Show – das komplette „2112“ live war nur einer der Höhepunkte.
Im Kern waren Rush immer eine Band der glorreichen musikalischen Maßlosigkeit – sie stopften regelmäßig mehr Riffs und Taktarten in einzelne Songs, als manche Bands auf ganzen Alben unterbrachten. Und so sehr die Band Ende der Siebziger die Lektionen von Punk und New Wave aufgesogen hatte, war da stets auch das Bekenntnis zur sichtbaren Anstrengung: hart erarbeitete Spieltechnik, literarische Lyrics, unmenschliche Bühnenpräzision.
Insofern sollte es vielleicht nicht überraschen, dass die zweite Nacht in Los Angeles‘ Kia Forum – im Rahmen von Rushs erster Tour seit 2015 – so unglaublich hart einschlug und die bereits spektakuläre Tourpremiere noch übertraf. Als erste Show ohne den 2020 verstorbenen Drummer und Texter Neil Peart seit 1974 war der Auftakt von kaum zu fassender Emotion durchdrungen, auf der Bühne wie im Publikum. Lee versagte hörbar die Stimme während einzelner Songs, Fans weinten offen bei den Peart-Tributes. Night Two war ebenso sehr eine Hommage an Peart – aber auch die Gelegenheit, die Feuerkraft des neu aufgestellten Rush voll zu entfesseln: mit der überragenden Tourdrummerin Anika Nilles und dem ersten externen Keyboarder in der Bandgeschichte, dem Tourmusiker Loren Gold.
Nach Jahren, in denen es so schien, als würden sie nie wieder spielen, scheinen Geddy Lee und Alex Lifeson entschlossen, das Beste aus einer zweiten Chance zu machen – und liefern mehr, als Fans zu hoffen wagten. Zum ersten Mal in der Tourgeschichte der Band unterschied sich die Setlist von Night Two radikal von der des Vorabends: zehn Songs, die auf dieser Tour noch nicht gespielt worden waren, dazu das komplette „2112“ – nicht nur ein Ausschnitt, sondern die ganze Seite, erstmals seit 1997. Auch die Reihenfolge wurde umgestellt: „The Spirit of Radio“ donnerte als zweiter Song los, statt erst am Ende des ersten Sets.
(Eines der Tour-Debüts, „The Trees“, ist zufällig der Lieblings-Rush-Song einer Künstlerin, die am Dienstagabend ebenfalls im Forum war: Sabrina Carpenter hatte gegenüber ROLLING-STONE-Redakteurin Angie Martoccio in einem Cover-Story-Interview im vergangenen Jahr ihre Rush-Begeisterung offenbart – von ihrem Vater geweckt – und ihre besondere Zuneigung zu genau diesem Song.)
Lee, der die Fans am ersten Abend mit seinen alten Höhen beruhigt hatte, klang in der zweiten Nacht noch stärker und stürzte sich mit sichtlicher Freude in die anspruchsvollsten Winkel ihres Katalogs. Befeuert von jüngstem Gesangscoaching wagte er sich sogar an das in die Stratosphäre reichende „Anthem“ von 1975er „Caress of Steel“ heran – witzelte danach allerdings, es habe ihn in eine „Micky-Maus“-Tonlage getrieben.
Nachdem Nilles die Feuerprobe der ersten Nacht bestanden hatte – sie hat wohl den härtesten Job im gesamten Live-Musikbetrieb gerade –, wirkte sie in der zweiten Show entspannter, fand noch tiefer in den Groove mit Lees nach wie vor außergewöhnlichem Bass und streute eigene Akzente in ihre Interpretationen von Pearls Parts. Im Instrumentalteil von „Limelight“, der im Grunde simultane Schlagzeug- und Basssolos unter Lifesons stets galaktischen Gitarrenausflügen vereint, war Nilles vollständig angekommen und hielt irgendwie mit dem fünf Jahrzehnte alten Telepathie-Einvernehmen ihrer Tourpartner Schritt. „Tom Sawyer“ mit seinen halsbrecherischen Feinheiten und legendären Fills meisterte sie zum zweiten Mal in Folge – das sichtliche Aufatmen am Ende sprach Bände.
Als Rush zum Tour-Debüt von „The Analog Kid“ aus dem 1982er Album „Signals“ ansetzten, geschah das im exakten Original-Tempo des rasanten Songs – mit einer 43-jährigen Drummerin weigern sich die 70-something-Gründer, dem üblichen Alterungsprozess von Bands nachzugeben und auch nur ein einziges BPM zurückzuschrauben. Doch ein anderer Hochgeschwindigkeitssong, „Headlong Flight“ von 2012, demonstrierte die Möglichkeiten der neuen Besetzung am eindrücklichsten: Nilles schien die anschwellende Wucht von Pearls Schlagzeugkompositionen regelrecht zu genießen, und Lees wiederhergestellte Stimmkraft trat besonders deutlich hervor. Lifeson antwortete mit einem entfesselten, Wah-getränkten Solo – eine Erinnerung daran, wie stark er Metallicas Kirk Hammett beeinflusst hat. „I wish I could live it all again“, sang Lee, während seine Band genau das auf irgendwie unerklärliche Weise vollbrachte.
Als die Band ihr zweites Set mit dem kompletten „2112“ eröffnete – einer ganzen Albumseite –, gingen den Fans die Superlative aus. Dann übertrafen sie sich beinahe selbst mit einer grandiosen Version eines Tracks von der zweiten Seite des „2112“-Albums: „A Passage to Bangkok“, der Bandhymne auf die Jagd nach dem potentesten Gras der Welt.
In der Mitte des zweiten Sets, nachdem Aimee Mann – zum zweiten Abend in Folge – für den Backing-Vocal-Part bei „Time Stand Still“ auf die Bühne geholt worden war, stellte Lee dem Publikum eine Frage: „Should we keep going?“ Auf die Antwort musste er nicht warten.
Setlist:
Set 1:
„Xanadu“
„The Spirit of Radio“
„The Analog Kid“
„Freewill“
„Subdivisions“
„Bravado“
„Leave That Thing Alone“
„The Trees“
„Headlong Flight“
„Limelight“
Set 2:
„2112 Part I: Overture“
„2112 Part II: The Temples of Syrinx“
„2112 Part III: Discovery“
„2112 Part IV: Presentation“
„2112 Part V: Oracle: The Dream“
„2112 Part VI: Soliloquy“
„2112 Part VII: Grand Finale“
„Animate“
„Closer to the Heart“
„A Passage to Bangkok“
„Time Stand Still (with Aimee Mann)“
„YYZ“
„Anthem“
„Red Barchetta“
„Witch Hunt“
„Tom Sawyer“
Encore:
Finding My Way
Working Man