Albumtitelsuche für Anfänger oder Buchtipps von Ozzy Osbourne


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Folge 20

Wenn David Bowie nicht gerade unerkannt und mit Einkaufstaschen bewehrt durch New York läuft, in teure Wintermäntel gewickelt Kunstausstellungen durchschlendert oder auf Liedern von Arcade Fire oder TV On The Radio mittut, liest er gerne. Dies ahnte man womöglich, seit ein paar Tagen aber weiß man es auch: Für eine Ausstellung namens „David Bowie Is“ haben die Kuratoren eine Liste veröffentlicht, auf der die 100 Lieblingsbücher des Musikers aufgeführt sind. Ich habe die Bücher alle seit gestern quergelesen, und es sind tatsächlich ein paar ganz interessante darunter.  Nun würde ich aber gerne auch die „Liste der 100 Lieblingsbücher von Rick Danko“ bekommen, die ich mir irgendwie spannender vorstelle. Abstand nehmen möchte ich hingegen von der „Liste der 100 Lieblingsbücher von dem Typen, der bei Revolverheld Bass spielt“. Ganz im Gegensatz übrigens zur „Liste der 100 Lieblingsbücher von Bez, dem ehemaligen Rumba-Nuss-Schüttler der Happy Mondays“.

Wenn ich aber ganz ehrlich bin, interessiert mich gar nicht so besonders, welche Bücher irgendein Musiker gelesen hat oder für lesenswert erachtet. Ich finde Buchtipps ohnehin eher anstrengend. Musik-Tipps hingegen sind mir meist willkommen. Das liegt vermutlich daran, dass ich bei einem Plattentipp relativ schnell abgleichen kann, ob ich mich mit der anempfohlenen Musik in Einklang zu bringen imstande sehe. Bei einem Buch aber brauche ich doch immer etwas länger, um zu merken, ob ein Werk nun etwas für mich ist oder nicht. Und es ist natürlich blöd, wenn man von jemandem unentwegt Bücher empfohlen bekommt, aber auf die Frage, ob es denn gefallen habe, stets antworten muss: „Na ja, geht so.“ Zumal wenn es David Bowie ist.

Kürzlich ist mir etwas aufgefallen. Ich habe die womöglich als sonderbar zu bezeichnende Angewohnheit entwickelt, Bücher nicht ganz zu Ende zu lesen. Bei den letzten zwanzig Büchern, die ich gelesen habe, bin ich etwa fünf Seiten vor Schluss ausgestiegen. Keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich hatte ich das Gefühl, alles sei gesagt gewesen. Bei den wenigen Malen, da ich mich zu dieser Schrulle im Freundeskreis bekannt habe, schlugen mir Fassungslosigkeit und Unverständnis entgegen. Mein Argument, dass man doch auch manchmal Alben nur bis zum elften Song  hört und die blöde wichtigtuerische Schlussnummer weglässt, wollte niemand gelten lassen.

Lieber als Buchtipps wären mir sowieso ganz andere Empfehlungen: „100 tolle Haushalttipps von David Bowie“, so etwas in der Art. „Mick Jaggers 99 Fitnesstricks“ vielleicht auch. Oder von Ozzy Osbourne: „77 Arten, Eier zuzubereiten“. Auch gut fände ich, ganz gleich von wem, eine Liste mit der Überschrift „100 Albumnamen, die nicht hätten sein müssen“. Darunter wäre mit Sicherheit das jüngste Placebo-Album, das den Titel „Loud Like Love“ trägt. Müssen/Dürfen/Sollten Alben im Jahr 2013 wirklich noch so heißen? Klingt ein bisschen, als hätte man kurz vor Bemusterung der Journaille bemerkt, dass kein ordentlicher Albumtitel vorlag und irgendein Produktmanager hätte, da Brian Molko nicht ans Telefon zu kriegen war, rasch irgendetwas aus der Schublade mit der Aufschrift „Albumtitel, falls mal gar nix mehr geht und der Künstler nicht ans Telefon zu kriegen ist“ gezogen.

Aber Titel sind ohnehin das Schwierigste. Ich behaupte hier schlicht mal, dass die Hälfte der Produktionszeit eines Albums dafür draufgeht, einen halbwegs brauchbaren Titel für das zu finden, was man da in irgendwelchen Studios in New York oder Nassau zusammenmusiziert hat. Mehr noch: Ich behaupte, dass es WISSENSCHAFTLICH ERWIESEN ist, dass mehr als die Hälfte einer Produktionszeit für die Titelsuche flöten geht. Oder glauben Sie etwa, Radiohead werkelten jahrelang an ihrer Musik herum. Papperlapapp: Die wird sportlich runtergerissen. Danach aber werden ausgedehnte Reisen in entlegene Andendörfer unternommen, wo auf langen gemeinsamen Fasten-Wanderungen dem angemessenen Titel nachgespürt wird. Und irgendwann hat man ihn dann und die einschlägigen Musikseiten dürfen fröhlich verkünden: „Radiohead kündigen neues Album „Absurdum Perplexum“ für Februar an“. Oder „Endlich: Revolverheld legen mit „Papperlapapp“ neuen Longplayer vor“. Bei Buchtiteln wie „Der Butt“, „Die vagen Ahnungen der Elfriede D.“, „Die Hupe“ oder „Die Schüchternheit der Steine“ dürfte es ähnlich sein: alles hart erkämpfte und erwanderte Titel. Manche müssen so einen Mumpitz aber nicht veranstalten, denen fällt immer schnell was ein. Es gab mal ein Best-Of-Album von Klaus Lage, das hieß „Beste Lage“.