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Sie ist der Grund, weshalb Frauen singen wollen – zum Tod von Aretha Franklin

Sie starb am 16. August, wie Elvis Presley. Es ist, als habe der Tod dieses Datum abwarten wollen. Anfang des Monats hatte es Gerüchte, dann erste Falschmeldungen gegeben, aber Aretha Franklin lebte, und noch drei Tage zuvor hatte Stevie Wonder sie am Krankenbett besucht. Nun ist sie tatsächlich gestorben, in ihrem Haus in Detroit, am gleichen Tag wie Elvis, die andere überragende Stimme der Popgeschichte.

Wie er war Aretha Franklin ein Kind des Südens, geboren in Memphis, Tennessee. Schon früh siedelte ihr Vater, der wortmächtige Baptisten-Prediger Clarence LaVaughn Franklin, damals ein Popstar unter den Predigern, seine sechsköpfige Familie in den Norden um, in die Industriemetropole Detroit. Und so ist Aretha auch ein Kind zweier Städte, die für die Entwicklung der amerikanischen Popmusik entscheidend sind: In Memphis wurde der Rock’n’Roll geboren, hier schlug das Herz des Southern Soul; in Detroit explodierte der Punk der Stooges zeitgleich mit dem Motown Soul. Das war 1967, und Aretha Franklin sang „Respect“ in Großbuchstaben, forderte „find out what it means to me”, und trotz der sexuellen Konnotationen verstand man sie richtig – hier ging es um die Emanzipation und Selbstbestimmung einer Frau, einer schwarzen Frau. „Wir schauen gerade ein zweites Mal in den Spiegel“, sagte die Sängerin damals. „Wir fangen an, uns so wie wir sind wertzuschätzen, uns in unser natürliches Ebenbild zu verlieben.“

Noch zehn Jahre zuvor hatte sie mit ihren Schwestern Gospel in der Kirche gesungen. Gospel zu singen ist harter Wettbewerb. Aber ein Wettbewerb war es gar nicht, und wenn, dann ein unfairer, denn Arethas Stimme umfasste vier Oktaven, sie war mächtiger als jede andere, und sie blieb es über Jahrzehnte. Im Haus der Franklins ging nicht nur die große Gospelsängerin Mahalia Jackson aus und ein, auch Martin Luther King war ein Vertrauter ihres Vaters. Dennoch tauschte Aretha „Jesus“ gegen „Baby“ und nahm 1960 erste Popsongs auf, harmlose, gefällige Lieder nach dem Geschmack der Zeit. Ihr Produzent John Hammond wusste nichts mit der Sängerin anzufangen, Bob Dylan stand ihm näher. Soul begann sich gerade aus dem Rhythm’n’Blues zu schälen, und es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis Aretha Franklin von Columbia zu Atlantic Records wechselte – wo man ihr überragendes Talent schließlich erkannte und sie ins Licht treten ließ.

Kooperation

Franklins Version von „I Say A Little Prayer“ zählt zum Besten, was je im Soul produziert wurde

„I Never Loved a Man The way I Love You“ war das erste Album, das zählt. Jerry Wexler hatte sie zu dem mit Soul erfahrenen Label gelotst, sie im Januar 1967 ins Muscle Shoals Studio nach Alabama gebracht, wo der Produzent mit dem nicht minder legendären Toningenieur Tom Dowd mit den Aufnahmen begann. Zu den Studiomusikern zählten Asse des Stax-Stalls, wie der Gitarrist Chips Moman, der Saxofonist King Curtis und Spooner Oldham an E-Piano. Endlich war hier ein Produzent, der verstand, was Aretha Franklin konnte und wohin es sie tragen würde. Oldham erzählte Jahre später, dass er von dem Augenblick an, als sich Aretha ans Klavier setzte, die ersten Takte anschlug und die Stimme erhob, wusste, dass sie einen Juwel gefunden hatten. Wexler wusste das auch. „Respect” ließ er sie in New York einsingen. Er hatte ein Gespür wie kaum ein anderer.

Es folgten gute und sehr gute Platten, viele auch sehr erfolgreich. „Lady Soul“ ist großartig, auch „Aretha Now“, beide Alben erschienen 1968, und auf letzterem singt sie die Burt-Bacharach-Komposition „I Say A Little Prayer“, von der ihr Schöpfer sagt, dass es nur eine definitive Version dieses euphorisierenden Sehnsuchtklassikers gäbe, nämlich Arethas. Und tatsächlich zählt die sich sanft einschunkelnde und in höchsten Höhen explodierende Aufnahme zu dem Besten, was im Soul produziert wurde.

Live, auf der Bühne, war es noch besser. Aretha Franklin, die wegen ihrer Flugangst seit den frühen 80er-Jahren nur noch in Nordamerika auftrat, zuletzt auch nur in kanadischen Casinos nahe ihres Wohnorts, brauchte eigentlich nichts außer ihrer Stimme und einem Flügel. Sie betrat die Bühne in einem sehr langen Pelzmantel und mit einer Handtasche, die an ihrem Handgelenk baumelte. Sie ließ den Pelzmantel von den Schultern gleiten und auf den Boden fallen, setzte sich auf ihren Klavierschemel, stellte die Handtasche neben sich auf die Dielen und fing an. „Sie ist der Grund, warum Frauen singen wollen“, sagte die Soulsängerin Mary J. Blige, als sie vor ein paar Jahren nach ihrem Vorbild gefragt wurde. „Aretha hat alles, die Kraft, die Technik, und wenn es darum geht, sich mit jeder Faser in seinen Song einzubringen, kann niemand anderes mithalten.“

Aretha Franklin 1969

1972 bekam sie ihren fünften von insgesamt 18 Grammys, für „Young, Gifted & Black“. Das Album war cool wie sein Titel. Und schon wenige Monate später veröffentlichte Aretha Franklin eine Doppel-LP, für die sie zwei Grammys bekam, die ihr meistverkauftes Album werden sollte, und die ein vielleicht noch größeres Statement war. Auf dem Cover von „Amazing Grace“ trägt sie ein kunstvoll aufgetürmtes Kopftuch und Schmuck, der irgendwo zwischen Hippie und Afrika entstanden sein muss. Es ist ein erschütterndes, forderndes, sinnliches Gospel-Album, in das die Künstlerin alles legt, was sie prägte. Die Songs schließen Baptismus und Bürgerrechtsbewegung kurz, versöhnen Tradition und Aufbruch. Sie sind zum Weinen schön. Sie lassen einen als glückliches Wrack zurück.

Ab Mitte der 70er-Jahre wurden Aretha Franklins Platten unaufregender, die ganz großen Songs waren geschrieben und gesungen worden. Anfang der 80er-Jahre bereitete Luther Vandross als Produzent Aretha den Übergang zu Fairlight-Synthesizern und Schulterpolstern. Kurioserweise feierte die „Queen Of Soul“ mit diesen heute etwas altertümlich, weil ganz in ihrer Zeit verhafteten Aufnahmen größte kommerzielle Erfolge, „Who’s Zoomin’ Who?“ schoss weltweit in die Charts. Sie sang mit George Michael, Elton John und Annie Lennox. 1987 nahm sie ein weiteres Live-Gospel-Album auf und gewann natürlich einen Grammy. Die Abstände zwischen den Veröffentlichungen wurden größer.

Ein Bild, das bleiben wird, ist Aretha Franklins Auftritt bei der Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten der USA. Ein Jahr später diagnostizierte man bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie nahm zwei weitere Platten auf. Der Tod musste warten. Bis zum 16. August, dem Sterbetag der beiden größten amerikanischen Stimmen. Aretha Franklin wurde 76 Jahre alt.

Michael Ochs Archives Getty Images

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