Auf der Höhe seiner Zeit: Vor 35 Jahren erschien „McCartney II“

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Auf der Höhe seiner Zeit: Vor 35 Jahren erschien „McCartney II“

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Ende Mai 1980. John Lennon ist auf dem Weg zu seinem Domizil in Cold Spring Harbor, dem Städtchen auf Long Island, das einem Roman von Richard Yates und einem Billy-Joel-Album den Titel gab. Sein Assistent und Chauffeur Frederic Seaman hat das Radio eingeschaltet, und die Stimme des Sängers, der dort gerade zu hören ist, kommt Lennon bekannt vor. „Mach mal lauter“, bellt er nach vorne. „Oh, mein Gott, das ist ja Paul!“ Was singt er da? „You want some peace and understanding so everybody can be free. I know that we can get together. We can make it, stick with me.“ Das ist doch eindeutig an ihn gerichtet!

Zugegeben, seit Lennon die Beatles verlassen hatte, weit bevor sein alter Freund Paul mit melodramatischem Aplomb dasselbe tat und die Bombe platzen ließ, um sein erstes Soloalbum zu promoten, war er immer ein bisschen paranoid, wenn es um McCartney ging. Als sie im Januar das letzte Mal gesprochen hatten, hatte Paul ihm erzählt, er werde während der Wings-Tour durch Japan in der Präsidentensuite des Okura Hotels in Tokio absteigen, und Lennon war empört gewesen, denn das war die Suite, in der auch er immer mit Yoko abstieg, das war seine Suite! Diebisch hatte er sich zwei Tage später gefreut, als der japanische Zoll McCartney direkt am Flughafen wegen Drogenbesitzes festgenommen und zehn Tage in einer Zelle gesperrt hatte. So blieb die Präsidentensuite seine Suite. Sie hätten ihn noch ein paar Tage länger im Knast lassen können, um ihm seine gute Laune und seinen Optimismus auszutreiben. Oder hatte er es am Ende darauf angelegt, um endlich von seinem Image als „der nette, aber auch ein wenig harmlose Paul“ wegzukommen? Der alte Bastard. Die alte Paranoia.

Wenn Paul in der Lage ist, eine relevante Platte zu machen, dann musste er es auch sein.

Aber, verdammt, dieses neue Liedchen ist leider schon sehr gut, klingt wie nichts, was er zuvor gemacht hat, ja, ist sogar irgendwie auf der Höhe der Zeit, erinnert ein bisschen an die B52s, die Lennon so mag. Wenn Paul in der Lage ist, eine relevante Platte zu machen, dann musste er es auch sein.

Paul McCartney 1980 (Photo by Michael Ward/Getty Images)
Paul McCartney 1980 (Photo by Michael Ward/Getty Images)

Am nächsten Tag schickt Lennon Seaman in die Stadt, um das neue McCartney-Album und eine Musikanlage zu kaufen. Die lässt er sich in seinem Schlafzimmer aufstellen. Glücklicherweise ist nicht alles gut auf der Platte, aber es reicht, um ihn zu neuen Songs zu inspirieren. Zunächst lernt er „Coming Up“ auf der Gitarre, improvisiert darüber einen eigenen Text, dann beginnt er, eigene Sachen zu schreiben. Soweit sie sich auch voneinander entfernt haben, ist McCartney immer noch der einzige, der ihn zu neuen Großtaten treiben kann. Im August 1980 steht Lennon zum ersten Mal seit 1974 wieder in einem Tonstudio, um ein neues Album aufzunehmen.

Ein Album, das John Lennon zum Schreiben und mich zum Tanzen bringt kann so schlecht nicht sein

September 2004. Eine Tanzmusik-bekloppte Freundin hat mich in einen Münchner Club geschleppt. DJ Hell legt auf. Pflichttermin, sagt sie. Also gut. Sie tanzt, ich trinke ein überteuertes Weizenbier. Als ich mit dem zweiten Glas Richtung Terrasse gehe, höre ich vertraute Klänge: ein leicht nerviges Synthesizer-Motiv, das so klingt, wie man sich in der Vergangenheit die Zukunft vorgestellt hat. Dann eine Stimme „Mister Marks can you find for me someone strong and sweet fitting on my knee?“ Das ist doch – Paul McCartney! „Temporary Secretary“ heißt das Lied.

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Mir war bekannt, dass Hell auf Retro-Sounds aus den Achtzigern steht, aber das er diesen Schatz gehoben hat, von dem ich dachte, er wäre meiner allein, ist doch erstaunlich. Ich sprinte auf die Tanzfläche, um mich bewegungstechnisch dem Rhythmus im Rahmen meiner Möglichkeiten anzunähern und dazu – unter Freunden der elektronischen Musik ist das wohl eher unüblich – den Text zu skandieren. Die perplexe Freundin probiert derweil von meinem Weizenbier, weil sie darin psychoaktive Substanzen vermutet und zieht nach negativem Befund enttäuscht eine Schnute.

Ein Album, auf dem sich Songs befinden, die John Lennon zum Schreiben und mich zum Tanzen bringen – also sowohl Handlungen von denkbar kleinster und denkbar größter popkultureller Relevanz anstoßen können –, kann so schlecht nicht sein, auch wenn die Kritik seinerzeit anderer Meinung war. Das Werk trägt den Titel „McCartney II“. Es ist tatsächlich das zweite Soloalbum von Paul McCartney („Ram“ von 1971 lief unter der Autorenzeile Paul & Linda McCartney, danach hob er mit den Wings ab), und wie bei seinem ersten – „McCartney“ von 1970 – spielte er alle Instrumente selbst auf diesen Stücken, stöpselte sie, ein Mischpult umgehend, direkt in eine 16-Spur-Machine.

 Mischung aus den B52s und Yoko Ono

Im Sommer 1979 hatte er sich auf seine Farm in Schottland zurückgezogen. Er wollte ein wenig ausbrechen aus den Bandroutinen, bevor im November die Tour zum gerade erschienenen und von der Kritik nicht besonders gnädig aufgenommenen Wings-Album „Back To The Egg“ begann, kaufte sich Sequenzer und Synthesizer und probierte in Heimarbeit ein wenig damit rum.

(Photo by David Harris/Keystone/Getty Images)
(Photo by David Harris/Keystone/Getty Images)

In Verbindung mit den Rauchwaren, die ihm später in Japan zum Verhängnis werden sollten, ließ er sich vom neuen Instrumentarium zum fantastischen Stoner-Elektro-Stückchen „Check My Machine“ inspirieren. Zwei Monate später hatte er in seinem kleinen Klanglabor an die 20 neue Tracks entwickelt, die unterschiedlicher nicht sein konnten– irgendwie fernöstlich anmutende Elektronik, Brian-Eno-artiges Ambientzeug, New Wave, verhallten Blues, albernen Boogie, ein feministisches Traktat titels „Mr. H Atom“, das klang wie eine Mischung aus den B52s und Yoko Ono (auch wenn McCartney es mit den Worten „the Shangri-Las versus The Village People“ ankündigte), zwei umwerfende Balladen, die ihm selbst denn gelangen, wenn er nur ein bisschen rumdaddelte, sowie eben „Temporary Secretary“, eine Erkundung der Arbeitswelt im Stil von „Paperback Writer“ oder „Lovely Rita“, bei der McCartney sich als amerikanischer Manager alten Schlags ausgab, der auf der Suche nach einer Sekretärin war, und die Fortsetzung seines offenen Briefes an John Lennon vom „Band On The Run“-Album, „Let Me Roll It“, die jeder für einen Hit hielt, dem er die neuen Stücke vorspielte: „Coming Up“.

Je länger McCartney im Januar 1980 im japanischen Knast saß, desto sicherer war er sich, dass seine Verhaftung ein Zeichen war, ja, dass er selbst die Tour unbewusst sabotiert hatte, weil ihm die Wings, die in all der Zeit aufgrund der vielen Umbesetzungen nie zu einer richtigen Band geworden waren, mittlerweile über waren. Er beschloss, die Heimstudiospielereien zu seinem nächsten Album zu machen, und so das neue Jahrzehnt mit einem Alleingang zu beginnen. Am Ende hatte er leider ein wenig Angst vor der eigenen Courage und nahm einige der abenteuerlichsten Tracks nicht aufs Album – neben „Check My Machine“ und „Mr. H Atom“ etwa das grandiose zehnminütige Ambient-Jazz-Hybrid „Secret Friend“ und das chillige „Blue Sway“, das schon auf „Rushes“ verwies, das fantastische zweite Album seines Ambient-Techno-Projektes The Fireman aus dem Jahr 1998. (Deshalb lohnt es, sich ein Re-issue von „McCartney II“ mit Bonus-Tracks zuzulegen. Dort findet man auch eine interessante, von Richard Niles für großes Orchester arrangierte Version von „Blue Sway“, die man allerdings nur aushält, wenn man zeitgeistigen Kitsch zu einem gewissen Grad tolerieren kann.)

Im Video zu „Coming Up“ spielte McCartney – neben Linda – dann auch gleich alle Musiker selbst. Das hätte er bei den Beatles sicher auch am liebsten getan, wird Lennon wohl gedacht haben, und vielleicht ist der Clip tatsächlich neben einer Hommage an die dargestellten Künstler ein selbstironisches Tribut an die eigene Kontrollsucht. Tatsächlich tauchte McCartney hier nicht nur in Verkleidung von Sparks-Keyboarder Ron Mael, Manfred Mann und Shadows-Gitarrist Hank Marvin auf, sondern auch als Beatle Paul mit geschütteltem Pilzkopf. Und – Paranoia hin oder her – Zeilen wie die folgenden waren sicher auch an Lennon gerichtet: „You want a better kind of future/ One that everyone can share/ You’re not alone, we all could use it/ Stick around we’re nearly there.“


Doch es kam anders, denn die Zukunft war dunkel. Lennon wurde am 8. Dezember, kurz nach der Veröffentlichung seines Comeback-Albums „Double Fantasy“, in New York erschossen, McCartney verschwand aus der Öffentlichkeit, gab die Wings und das Touren auf, und kam zwei Jahre später mit einem geradezu beatlesken Album zurück, das George Martin produziert hatte: „Tug Of War“. Sein alter Freund John, dem er den Song „Here Today“ widmete, hatte ihn wohl zu diesem Meisterwerk inspiriert.

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