Avantgarde-Rock: Ai Wei Wei – „The Divine Comedy“


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Ai Wei Wei ist nicht der berühmteste Künstler Chinas. Zumindest nicht in China. Er ist auch nicht der radikalste. In Europa, wo die Feindbilder sich längst nicht mehr so leicht einkreisen lassen wie ein diktatorischer Einparteienstaat, wollen das viele jedoch gerne glauben.

Ai Wei Wei ist aber sicherlich der chinesische Künstler mit der größten Klappe. Kein anderer reckt seinen Mittelfinger so konsequent in Richtung Regierung. Zudem ist er einer der wenigen, der sich mit salzigen Fingern an die nie verheilten Wunden der Kulturrevolution wagt. Er hat die Unterdrückung selbst erfahren, einmal als Kind und einmal als Erwachsener.

Im Video zum Song „Dumbass“ stellte er seine Tage in Gefangenschaft nach. Wirkungsvoll ausgeleuchtet, beklemmend und ein bisschen surreal. Ansonsten formuliert Ai Wei Wei seinen Protest gegen Ungerechtigkeiten gerne klar und verständlich wie in der Ausstellung „Evidence“ im Berliner Gropiusbau oder auf dem im letzten Jahr veröffentlichten Rockalbum „The Divine Comedy“.

„The Divine Comedy“ war Ai Wei Weis Debüt im Medium Musik, eine Anklageschrift aus Elektro-Loops, Ziehharmonika und Krachgitarren. Der Mitstreiter des Projektes, Zuoxiao Zuzhou, hat in den 90er Jahren mitgeholfen, Avantgarde-Rock in China zu etablieren. Dunkel und dynamisch inszenierte er die sechs Songs, ließ sie bombastisch ausufern („Laoma Tihua“) oder als hinterhältige Nine-Inch-Nails-Drohnen („Chaoyang Park“) über den Köpfen der Zuhörer schweben.

Höchst gewöhnungsbedürftig und wohl auch der Hauptgrund, warum das Album schnell wieder in Vergessenheit geriet ist die Stimme von Ai Wei Wei. Deren leichte Schieflage ist aber nicht nur einer gewissen Unmusikalität geschuldet, sondern vor allem den vier verschiedenen Tönen der chinesischen Sprache. Den für westliche Ohren krumm anmutenden Singsang findet man nicht nur in Peking-Opern wieder, sondern auch bei bekannten chinesischen Rockbands wie Second Hand Rose oder PK 14.

Laut Eigenaussage lernte Ai Wei Wei im Exil in den USA Mitte der 80er, was Protest ist. Er selbst ist mittlerweile zu einer Art Protestsong geworden, sein Lied vom verfolgten Künstler wird weltweit nachgesungen, in einer Tonlage, die in den Ohren vieler Chinesen schrill klingt. Würde man Ai Wei Wei noch zuhören, wäre er in New York geblieben und nie nach China zurückgekehrt? Er will sichtbar bleiben, und so paradox es klingt, gelingt ihm das wohl am besten in chinesischer Gefangenschaft, im Hausarrest.

Das gesamte Album „The Divine Comedy“ kann man auf seiner Webseite anhören. Auch die Texte liegen dort in englischer Sprache vor.

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