Beatles: The „long and winding road“ to iTunes

Es ist schon erstaunlich, wie diese Meldung Wellen schlägt. Die Beatles gibt es nun also auch im größten Downloadstore – und die virtuelle Welt, die Ex-Beatles und Ex-Beatles-Witwen sind in hellem Aufruhr. Sir Paul McCartney lässt verlauten: „Wir sind wirklich begeistert, die Musik der Beatles auf iTunes zu bringen,“ sagt Sir Paul McCartney. „Es ist fantastisch zu beobachten, wie die ursprünglich auf Vinyl veröffentlichten Lieder nun auch in der digitalen Welt mit genauso viel Liebe gehört werden, wie bei deren Erstveröffentlichung.“

Eine steile Einschätzung, die man am Tag nach der offiziellen Verkündigung nur schwerlich belegen kann. Ringo Starrs Kommentar ist da schon treffender: „Es freut mich besonders, dass ich in Zukunft nicht mehr gefragt werde, wann die Beatles endlich in iTunes verfügbar sein werden,“ so Ringo Starr. „Zu guter Letzt, wenn man es möchte – kann man es jetzt bekommen: The Beatles von Liverpool bis heute! Peace and Love, Ringo.“

Yoko Ono gibt sich derweil salbungsvoll und meint: „Im Geiste von ‚Give Peace A Chance‘ halte ich es für sehr passend, dies im Jahr des 70ten Geburtstags von John zu tun“. Fehlt natürlich noch der CEO von Apple himself, Steve Jobs: „Wir lieben die Beatles, fühlen uns geehrt und sind begeistert, sie bei iTunes willkommen zu heißen. Es war eine ‚long and winding road‘ bis hier her. Dank den Beatles und EMI wird nun ein Traum für uns wahr, den wir seit dem Start von iTunes vor zehn Jahren hatten.“

So weit also die offiziellen Stimmen der Beteiligten. Bevor man sich nun der Frage nähert, wie diese Meldung popkulturhistorisch zu werten ist, macht iTunes erst einmal das, was es oft macht: Es versucht, mit exklusivem Material zu punkten. Hier hat man das zu bieten: „Das besondere ‚Beatles Box Set‘ für 149 Euro enthält die 13 geremasterten Studioalben inklusive iTunes LPs und alle Mini-Dokumentationen, ‚Past Masters‘ und den Konzertfilm ‚Live at the Washington Coliseum, 1964‘ – ein weltweit exklusiv über iTunes erhältliches Video, das das allererste US Konzert der Beatles komplett zeigt. Darüber hinaus können Fans der Beatles den Konzertfilm ‚Live at the Washington Coliseum, 1964‘ für den Rest des Kalenderjahres kostenlos über iTunes streamen und sich ansehen.“

>>>> Hier gibt’s besagten Stream.

Die Gründe, warum das denn nun alles so lange gedauert hat, sind vielfältig. Zum einen lagen Apple Corps Ltd. der Beatles und Steve Jobs‘ Apple Inc. seit Jahren im Rechtsstreit um Namenrechte und Logos, zum anderen hörte man von Streitigkeiten der Ex-Beatles und Erben der toten Bandmitglieder über das Thema iTunes & Co. Im vergangenen Jahr äußerte Paul McCartney dann einmal, er sähe die Probleme auch im Hause EMI, wo es „all sort of reasons“ dafür gäbe.

Bleibt die Frage, die McCartney mit seinem Statement aufwirft: Werden die Beatles in der digitalen Welt nun mit genauso viel Liebe gehört werden, wie bei deren Erstveröffentlichung? Puristen, Sammler und treue Langstreckenfans werden bei diesen Worten sicherlich aufschreien und dies ganz klar verneinen. Die Beatles sind und bleiben natürlich eine Vinylband für all jene, die das Medium Schallplatte kennen und schätzen oder die im passenden Alter sind, dass die Beatles in dem ihnen angestammten Format in ihr Leben treten konnten. Und natürlich weiß man um den ursprünglichen Sound der klassischen Produktionen von z. B. George Martin auf „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und „Abbey Road“ und „Revolver“. Daran wird nie eine Remastered-CD heranreichen können. Deshalb wird dieses Angebot von den langjährigen Beatles-Fans wohl allerhöchstens dafür genutzt, sich das Gesamtwerk auch noch einmal ohne viele Mühe auf den iPod zu ziehen. Und dafür investiert man sicher nur zu gerne in das virtuelle Box-Set, das einen zudem noch mit Bonusmaterial ködert, das jeder Sammler eh haben MUSS. An dieser Stelle kann man sich hochrechnen, dass die Überlegung, die Beatles nun digital in den Handel zu bringen, eine für alle Beteiligten ertragreiche ist.

Aber es wäre zu zynisch, hier alleine den finanziellen Aspekt in den Vordergrund zu rücken, und nicht einzugestehen, dass die Bereitstellung der Beatles-Songs für die jüngeren Musikhörergenerationen längst überfällig war. Nick Hornby sagte einmal: „Machen wir uns nichts vor: Die jüngeren haben keinen Bezug mehr zu Tonträgern. Sie hören ihre Musik auf iPods und auf ihren Handys. Und sie wirken nicht unbedingt unglücklich dabei.“ Was hier im Rahmen eines Interviews zu seinem letzten Roman „Juliet, Naked“ gesagt wurde, mag eine schlichte Feststellung sein, aber sie trifft die Sache. Die Möglichkeit, jederzeit an jeden Song heranzukommen und ihn sich für den Preis eines Überraschungseis einzeln herunterzuladen, hat zwar auch im Falle der Beatles das bekannte Risiko, dass man vielleicht nie das Gesamtkunstwerk eines Albums erkennt, die Songkomposition, die sich wiederholenden Motive, den besonderen Reiz, den zwei aufeinanderfolgende Songs ausmachen können – aber dennoch muss man attestieren, dass in der Popmusiksozialisation jüngerer Hörer nun endlich nicht mehr der riesige Krater klafft, den das Fehlen der Beatles hineingeschlagen hat. Und im Idealfall könnten die Downloads nun noch einmal zeigen, wie stark die einzelnen Singles oder Albensongs noch heute sind. Wer weiß, vielleicht schafft es ja „Hey Jude“, „She Loves You“, „A Hard Day’s Night“, „Ticket To Ride“ oder „Let It Be“ gar noch einmal via Download in die Singles-Charts, um dort ein weiteres Mal ihre Zeitlosigkeit und ihre Größe zu beweisen. Wer weiß, vielleicht gar zu Weihnachten in England? Eine schöne Idee – gleich mal eine Facebookgruppe gründen…

Daniel Koch


Video-Interview: „Ghost“ unmasked – Teil 2

Neulich in Berlin: Tobias Forge betritt die Büroräume seiner Plattenfirma. Er trägt: Chucks, graue Jeans, T-Shirt, schwarze Jeansjacke. Am Abend wird er mit Ghost das Metallica-Konzert im Olympiastadion eröffnen und dabei selbstverständlich im Gewand der Kunstfigur Cardinal Copia agieren. Zuvor aber legt Forge die Maske ab – zum bislang erst zweiten Mal überhaupt und exklusiv für den deutschen ROLLING STONE. Zu besprechen gibt es viel: Nach einigen EPs und zwei Alben war Ghost 2015 mit „Meliora“ der endgültige Durchbruch gelungen. In den USA erreichte die Band damals die Top Ten der Billboard Charts, es gab einen Grammy für die »Best…
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