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Berlin Series Festival 2020: „Eine Plattform zu bauen, die in Berlin fehlte, hat mich sehr gereizt“


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In diesen seltsamen Zeiten macht das Serien-Schauen mehr Spaß denn je: die Realität draußen lassen, sich in eine andere Welt versetzen, neue Perspektiven erforschen, manchmal auch einfach lachen oder weinen, je nach Bedarf. Das „Berlin Series Festival“ feiert seit vier Jahren diese Kunstform – und der künstlerische Leiter Mark Olan Dreesen lässt sich 2020 auch von Corona nicht davon abhalten. Das Festival findet vom 23. bis 29. September digital statt, ein bisschen abgespeckt, aber mit tollen Beiträgen („Unorthodox“! „La Linea Invisible“! „Sloborn“!) – und man kann per Stream über TaTaTu.com ganz einfach dabei sein. Das Programm ist unter www.tvseriesfestival.de zu finden.

Die Preise in den Kategorien Comedy und Dokumentation werden von internationalen Jurys vergeben, in der fürs Drama sitzt – neben Koryphäen wie dem zweifachen Oscar-Gewinner Nick Vallelonga („Green Book“) oder Autorin Annette Hess („Weissensee“) – auch ROLLING-STONE-Redakteurin Birgit Fuß.

Wir haben mit Mark Olan Dreesen über das Festival und seine Ideen und Herausforderungen gesprochen.

Wie kamst du auf die Idee zum „Berlin Series Festival“, und was machst du da genau?
Ich habe mich nun im vierten Jahr komplett der künstlerischen Leitung gewidmet, wobei ich noch anfänglich die gesamte Organisation und Logistik mit überblickt hatte. Ab einer gewissen Größenordnung kann man nicht mehr alles machen und baut das Team weiter aus. Ich darf nun den tollsten „Part“ bei einem Festival übernehmen, welches die neuesten Serien jeder Saison präsentiert und vorstellt: Premieren zuerst schauen, zeitgleich mit den Machern und dann noch im Fertigungsprozess, und zusätzlich eine Gruppe von supertalentierten Künstlern zusammenrufen, damit sie diese Serien und Episoden eben bewerten. Eine Plattform zu bauen, die in Berlin fehlte, hat mich sehr gereizt.

Wie wählt Ihr die Serien für das Festival aus der Masse an Neuerscheinungen aus?
Man weiß, aus welchen Häusern große High-end-Serien kommen, mit großen Budgets, die schlicht und ergreifend eine gewisse Qualität mitbringen. Vor allem aber ein recht starkes Ensemble, Cast und Crew sind meist weltbekannt, die Geschichte also oft spannend und originell. Man darf aber auch nicht die kleineren Projekte vergessen, die mit weniger Budget, aber dann vielleicht doch mit etwas mehr Herzblut und Leidenschaft durchgeboxt werden, weil die Geschichte den Machern äußerst viel bedeutet. Da greift man zum Hörer und telefoniert mit den Produzenten, Vertrieben oder Autoren, die man beim Festival Circuit jedes Jahr neu kennenlernt und tauscht sich halt aus.

Ein Festival bringt die Industrie zusammen, man findet neue Partner, kauft und verkauft „Content”, findet neue Geschichten und Talente und fördert sie und gibt ihnen eine Chance

Welche Serie hat dich persönlich zuletzt am meisten beeindruckt?
Unterhaltsam fand ich „The Boys“, beeindruckt jedoch war ich von „Succession“. Ich klebte regelrecht an meinem Fernseher, die „Story World“ war nichts Neues, aber das Schauspieltalent, die großartigen Dialoge, das gesamte Paket war erstaunlich gut. Außerdem hat „Atlanta“ von Donald Glover etwas Zeitloses. Ich weiß, dass ich die Serie in fünf, sechs Jahren noch mal anschauen kann und es noch mal genauso genießen werde wie beim ersten Mal.

Welche Preisverleihungen schaust du selbst gern – Oscars, Golden Globes, Emmys? Was kann man sich von denen abgucken?
Keine. Wenn man da sein darf, ist es schön. Jedoch, wer bei den Oscars war, weiß, dass die Show viel zu lang geht. Die Leute haben irgendwann Hunger und wollen trinken, das ist ganz normal zur späten Stunde. Bei unserer Gala sorgen wir auch für die richtige Atmosphäre, lieben die Emotionen auf der Bühne und das ganze Tamtam, das ist immer schön, und erst recht wenn man sieht, das sich die Talente wirklich über einen neuen Ehrenpreis so riesig freuen und die Luft springen. Ein gutes Zeichen. Meine Devise ist: Mit weniger Kategorien ist man auch schneller durch und mit dem Kopf wieder bei den nächsten Terminen für den morgigen Tag. Das ist wichtig bei einem Festival. Versteh mich nicht falsch, alle Kategorien haben ihre Berechtigung, aber ein Festival macht mehr, als nur Preise zu vergeben. Ein Festival bringt die Industrie zusammen, man findet neue Partner, kauft und verkauft „Content”, findet neue Geschichten und Talente und fördert sie und gibt ihnen eine Chance.

In diesem Jahr findet alles online statt. Was ist dabei die größte Herausforderung? Hoffst du, dass 2021 wieder alles im großen Rahmen stattfinden kann?
Die Herausforderung war eher die plötzliche Umstellung. Keine internationalen Gäste in Berlin, also weniger Leute, zudem Sicherheitsabstand, ein Hygienekonzept. Funktioniert denn überhaupt eine hybride Version? Und ich war generell gespannt, welches der Major Festivals, wie eben Venedig kürzlich, die Türen öffnen wird. Das ist sehr mutig, das bewundere ich. Wie fragten uns auch, was passiert da jetzt mit dem Event-Charakter, wenn der Festival-Spirit verloren geht? Alles komplett umkrempeln ist nie leicht, und deswegen muss man, wenn das Baby noch wächst, das Programm runterfahren, weniger anbieten und trotzdem die Qualität halten. Ich kaufe keinen Terminkalender, ohne den Teaser von 2021 gesehen zu haben! Ein Comeback in gewohnter Größe ist natürlich wünschenswert, es bringt einfach mehr Spaß für alle Beteiligten.


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