Billy Corgan: MTV und die CIA haben den Rock vernichtet

Corgan behauptet, die CIA habe MTV genutzt, um Rock zu schwächen – dabei war Rock Ende der Neunziger quicklebendig.

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Letzte Woche stellte Billy Corgan in seinem Podcast „The Magnificent Others“ eine kühne These auf: „Ich glaube – und ich sage das ganz offen –, ich glaube, dass Rock absichtlich aus der Kultur herausgedreht wurde.“

Er führte diesen Gedanken weiter aus und erklärte, wer seiner Meinung nach Rock die Luft abgelassen hat: „Wenn man 1997, ’98 bei MTV oder in deren Umfeld war, haben sie plötzlich entschieden, Rock sei out – obwohl Rock zu diesem Zeitpunkt noch sehr, sehr weit oben war –, und er wurde durch Rap ersetzt, oder?“ sagte er. „Ihre Standards and Practices verschoben sich schlagartig. … Manche behaupten, die CIA war in all das verwickelt, was wiederum über meiner Gehaltsklasse liegt, aber ich habe es beobachtet. Ich war dabei, als es passierte.“

Abgesehen von der augenbrauenhebenden These, die CIA habe mit MTVs Mutterkonzern Viacom kooperiert, um die Allgegenwart von Rock zu beenden, scheint Corgan entweder die Fakten falsch zu haben oder sich an die Neunziger nicht so gut zu erinnern, wie er glaubt.

Was die Zahlen sagen

Schaut man sich etwa eine beliebige Ausgabe von Billboards „Video Monitor“-Chart vom November 1998 an, findet sich in MTVs Top 10 dieses Monats jede Menge Rock: Videos von Alanis Morissette, Barenaked Ladies, Korn und Hole. Knapp ein Jahr später, im Oktober 1999, listete derselbe Chart eine MTV-Top-10 mit Limp Bizkit, Bush, Kid Rock und den Offspring. Der Nummer-eins-Song der Woche war Blink-182s „All the Small Things“. Rock war also mitnichten weg.

Zweitens muss Corgan ein paar bittere Pillen schlucken. Eine davon: MTVs Programm richtete sich, wie das der meisten TV-Sender, schon immer mehr oder weniger nach den Wünschen der Werbewirtschaft. (Ja, offenbar schauen tatsächlich so viele Menschen „Ridiculousness“.) Um Werbung zu verkaufen, brauchte Viacom Musikvideos, die Konsumenten zwischen 12 und 24 Jahren ansprachen – was bedeutete, sich ständig mit der Zeit zu verändern.

Musikfans, die 1993 als 16-Jährige dabei waren, als die Pumpkins den Sound des Alternative Rock mitprägten, waren 23, als die Band im Jahr 2000 „Machina/The Machines of God“ veröffentlichte – und für MTVs Bilanz schon längst zu alt. Warum hätte man Fred Durst nicht mehr Sendezeit geben sollen, der die Fantasie von Teenagern mit der Frage beflügelte, ob eine rote Baseballkappe beim Anbaggern hilft?

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Und damit zusammenhängend: Corgan muss akzeptieren, dass die späten Neunziger-Alben der Smashing Pumpkins schlicht nicht besonders gut sind. Der Aufstieg der Band zu Rock-Größen früher im Jahrzehnt war perfekt getimed: MTV hatte seinen Rock-Scheinwerfer gerade von glatt produzierten Gruppen wie Cinderella und Poison auf eine klare Alternative gerichtet – die rohen Sounds von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden, die vielleicht nicht nach Primetime-Stoff aussahen, aber genau zur richtigen Zeit kamen.

Pumpkins auf dem Abstellgleis

Die Pumpkins ritten diese Welle 1993 bewundernswert: mit dem Faux-Optimismus von „Today“ und „Cherub Rock“ und dem melodramatischen Wunden-der-Kindheit-Pathos von „Disarm“. Corgan betrat die Bühne, blökte eine Ballade ins Mikro, die wirklich bewegend war – und die Leute wollten sie hören. „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ war 1995 bombastischer (Streicher!), faux-nostalgischer („1979“) und schwerer („Zero“, „Bullet With Butterfly Wings“) – und trotzdem ziemlich großartig, auch wenn das Album zwei Stunden lang war.

Dann aber schienen sie in den folgenden drei Jahren den Faden zu verlieren, was im lahmen, vergesslichen vierten Album „Adore“ gipfelte. Corgan scheint vergessen zu haben, dass er auf „Perfect“ einen Trip-Hop-Beat einsetzte – wie viele Rockbands damals, die versucht hatten, hip zu bleiben – und auf „Ava Adore“ einen Hip-Hop-Groove. Die Songs wurden keine Hits, weil ihnen schlicht die Hooks fehlten, die die großen Pumpkins-Hits definiert hatten. „Die Pumpkins haben es aufgegeben, eine Rock Band zu sein, und sich stattdessen einem Pop-Projekt verschrieben“, schrieb der SPIN in einem Review.

Der ROLLING STONE nannte die Platte später „eine Niete“. Und über das schlecht abgemischte, pompöse „Machina“ lässt sich am besten wenig sagen. „Die knapp 70 Minuten von ‚Machina‘ reduzieren sich auf eine Handvoll wiederkehrender Ideen: Liebe ist gut, Drogen sind schlecht, Gott ist überall – und ernsthaft – danke fürs Zuhören“, schrieb der ROLLING STONE in einem Review. Die Magie war einfach weg.

Als MTV also 1997 die Backstreet Boys mit „Everybody (Backstreet’s Back)“ testete und 1998 Britney Spears‘ „…Baby One More Time“ und dabei eine positive Resonanz von Teenagern erntete, die sich für Designer-Imitat-Parfums oder was auch immer MTV gerade bewarb interessierten, ergab es nur noch mehr Sinn, dass der Sender Platz für Artists schaffte, die mehr Eindruck hinterließen. Sehr zu Corgans Verdruss bedeuteten weniger Rockvideos mehr Raum für die Macarena, Aaliyah und all die Frauen, für die Lou Bega ein kleines bisschen Zeit hatte.

Reaktionen aus der Branche

Als Corgans Theorien diese Woche in den sozialen Medien kursierten, kommentierte MTV-Veteran Kurt Loder schlicht: „Sicher.“ Filmmaker Joseph Kahn, dessen Videografie 1998 Clips für Brandy und Monica, aber auch Rob Zombie umfasste, lieferte seine eigene Theorie: „Rock starb, als er sich vom Sex trennte“, schrieb er. „Ich drehte ein Video für eine große Rockband, und sie stritten über den ‚Male Gaze‘. … Musik wird letztlich von geilen Teenagern angetrieben, und die liefen zum Rap über.“

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass jemand bei der CIA (selbst in der aktuellen Ausprägung der Behörde) so besorgt über den Zustand der Popmusik gewesen wäre, dass er Ende der Neunziger den kulturellen Diskurs zu steuern versucht hätte. Die CIA war wohl eher damit beschäftigt, den Krieg im Kosovo zu verfolgen und einen saudi-arabischen Dissidenten namens Osama Bin Laden zu jagen. Aber gleichzeitig liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Rock & Roll ins Visier genommen haben, wohl auch nicht bei exakt null – schließlich haben sie einmal die volle Wile-E.-Coyote-Nummer abgezogen und versucht, Fidel Castro eine Zigarre zum Explodieren zu bringen.

Wie auch immer: Die CIA reagierte nicht auf die Anfrage des ROLLING STONE zu Corgans Behauptungen. Sollte er in einigen Jahren durch einen Freedom of Information Act-Antrag recht behalten, der eine Kollusion zwischen MTV und der CIA enthüllt, spendiert der ROLLING STONE Corgan gerne eine Cola.

Ähnliche Beobachtungen haben andere in weniger verschwörungstheoretischem Ton gemacht, etwa Garbages Shirley Manson, die es letztes Jahr so formulierte: „Radio spielte nur wirklich einen bestimmten Sound – eine sehr beruhigende, ungefährliche, lustige Stimmung –, und diese sehr wilden Frauen aus den Neunzigern verschwanden einfach“, sagte sie und verwies auf die Jahre nach dem 11. September. „Das war der Moment, als wir den Aufstieg des echten Mega-Kapitalisten-Pop beobachteten. Diese Sounds überschwemmen uns jetzt seit gut 20 Jahren.“

Nostalgie als Geschäftsmodell

Dabei hat Corgan heutzutage eigentlich wenig zu beklagen, denn die Smashing Pumpkins profitieren gut von der Neunziger-Nostalgie. Auch wenn ihre Alben nach den Neunzigern meist gemischte Kritiken eingeheimst haben, kann eine Reunion mit drei Vierteln des klassischen Lineups noch immer das Madison Square Garden headlinen und mit Neunziger-Rock-Kollegen Green Day auf einer Stadiontournee touren.

Dass all das Corgan herzlich wenig interessiert, versteht sich von selbst – er ist immer noch darauf erpicht, die Leute davon zu überzeugen, dass „Machina/The Machines of God“ 74 Minuten ihrer Zeit wert ist. Letztes Jahr tourte er als Soloact namens Billy Corgan and the Machines of God und spielte eine Auswahl von Songs dieses Albums, gespickt mit „Mellon Collie“-Favoriten. Doch egal in welcher Spielstätte Corgan auftritt – er scheint dazu verdammt zu sein, sich wie eine Ratte im Käfig zu fühlen. Und das ist kein CIA-Psyop.