Q&A

Billy Joel im RS-Interview: Depressionen? Unsinn!

E-Mail
Q&A

Billy Joel im RS-Interview: Depressionen? Unsinn!

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Ihre Konzerte sind ausverkauft, Sie erleben einen späten Boom. Halten Sie sich eigentlich für einen begnadeten Songschreiber?
Jedenfalls bin ich kompetent in dem, was ich tue. Ich weiß, wie man einen Song schreibt. Ich weiß, wie man ihn spielt. Ich weiß, wie man ihn in der richtigen Tonart singt. Nur meine Stimme mag ich nicht. Na ja, einige Songs haben ihre Qualitäten, andere sind misslungen.

Aber für viele Menschen sind es die Soundtracks ihres Lebens.
Ich persönlich mag ja die obskureren Sachen lieber als die Hits. Ich hätte nie gedacht, dass „Piano Man“ ein Hit werden würde. Und „We Didn’t Start The Fire“ ist letztlich ein Novelty Song – ein Wegwerfprodukt, das sich nur aus der damaligen Zeit heraus erklärt.

Was geht in Ihrem Kopf vor, wenn Sie auf der Bühne „Piano Man“ singen?
„Zum Glück ist es gleich vorbei!“ Nein, im Ernst: Es ist ein gutes Gefühl, wenn Zuschauer deine Texte singen. Aber es geht weniger ums Denken als ums Fühlen, wenn man auf der Bühne steht und mit anderen Musikern kommuniziert.

Was ist Ihr liebster Billy-Joel-Song?
„New York State Of Mind“. Vermutlich weil er inzwischen ein Standard des amerikanischen Songrepertoires geworden ist, so was wie Hoagy Carmichaels „Stardust“ oder „Georgia On My Mind“.

Wie entspannen Sie am liebsten?
Ich habe eine Tochter, die jetzt 20 ­Monate alt ist. Meine Lieblingsfreizeitbeschäftigung ist, dabei zuzusehen, wie sich die Rädchen in ihrem Kopf zu drehen beginnen, wie sie die Welt erlebt und welche Schlüsse sie daraus zieht.

Welche Lektionen haben Sie als Vater denn schon gelernt?
Dass mein Vaterdasein die vermutlich wichtigste Erfahrung in meinem ganzen Leben ist. Damit habe ich auch viel kompensiert. Denn ich selbst wuchs ohne Vater auf – und es lag mir sehr am Herzen, meine Rolle als Vater besonders ernst zu nehmen.

Sind Sie je von Ruhm und Reichtum korrumpiert worden?
Ich habe mich früher zum Sklaven meiner Arbeit gemacht. Ich mag nicht glauben, wie extrem ich damals geschuftet habe. Und das hatte durchaus einen Einfluss auf mein Leben. Ich legte mir die Messlatte sehr hoch, und wenn ich an ihr scheiterte, ließ ich meine Wut an mir selbst aus – weshalb ich auch mit dem Songschreiben aufhörte.

Haben Sie denn noch immer Ideen, wenn Sie sich ans Klavier setzen?
Jeden Morgen. Schon wenn ich aus dem Bett steige, habe ich die Idee zu einem Song im Kopf. Na ja, wenigstens die Idee für eine Melodie oder für ein sinfonisches Arrange­ment. Ich habe nie aufgehört, Musik zu schreiben – ich schreibe eben nur keine Songs mehr.

Woher kommt der Drang, sich musikalisch auszudrücken?
Ich wuchs mit klassischer Musik auf. Neil Diamond sagte mal: „Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht Beethoven bin.“ Mein Problem ist, dass ich mich nie damit abgefunden habe.

Halten Sie sich für einen glücklichen Menschen?
Ich bin ein ausnehmend zufriedener Mensch. Ich lese immer wieder, dass ich mit Depressionen zu kämpfen habe. Unsinn! Ich habe ein paarmal über die Stränge geschlagen – aber dafür gab es immer einen Anlass. Und wenn ich mal den Blues habe, hält das nie lange an.

Ist es hilfreich, mit den Exfrauen in Kontakt zu bleiben?
Ich bin nicht der Typ, der Ressentiments kultiviert. Ich komme mit allen Ehemaligen klar. Ich bin wohl so was wie ein kleiner Heinrich VIII., denn das ist jetzt immerhin meine vierte Ehe. Auf dass es die letzte sein möge!

Haben Sie eine Ahnung, warum der TV-Moderator Bill O’Reilly, der Sie aus Ihrer Schulzeit kannte, Sie einmal als „Abschaum“ bezeichnete?
Kann gut sein, dass ich das aus seiner Perspektive tatsächlich war. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber wir kamen aus derselben Stadt. Und meine Gang hing immer in den angesagten Läden ab – wobei wir eher zur „Lovers“-Fraktion zählten und nicht zu den „Fighters“.

Für die Musikkritik waren Sie immer ein rotes Tuch, doch in den letzten Jahren attestiert sie Ihnen Coolness.
Was soll man da sagen? Wenn Donald Trump Präsident werden konnte, ist wohl nichts mehr unmöglich.

Wie kommen Sie denn mit Ihrem neuen Präsidenten klar?
Ich kann es noch immer nicht fassen. Aber ich halte mich aus der Politik heraus. Den meisten Beifall bekomme ich immer, wenn ich bei „Piano Man“ die Zeile singe: „They know that it’s me that they’re coming to see/ To forget about life for a while.“ Das Publikum steigt dann ein und singt aus vollem Hals das „Ahhh“ mit – woraufhin ich sie ermahne: „Okay, versprecht mir, diese Lektion nicht zu vergessen!“ Am königlichen Hof sind wir eben die Hofnarren und nicht die Philo­sophen.

E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
  • Glen Campbell 1975 (Photo by Chris Walter/WireImage)

    Glen Campbell: 10 essentielle Fakten zur Musiker-Legende

    „Wichita Lineman“ und „Rhinestone Cowboy“ gehören zu seinen größten Hits – aber Campbells Vita ist voller weiterer Höhepunkte. So sollte der Ausnahmegitarrist dem Kollegen Eddie van Halen Nachhilfe geben, vertrat Brian Wilson bei den Beach Boys – und gab im Kino, neben der Ikone John Wayne, den Cowboy. Zehn wichtige Fakten zu Glen Campbell.