Birgit Fuß fragt sich durch: Wer der Jugend hinterhertrauert, sollte noch mal Adeles Debüt „19“ anhören


von
Birgit Fuß
Birgit Fuß

Wenn dieser Artikel (aus der ROLLING-STONE-Ausgabe 12/21) erscheint, ist das neue, vierte Adele-Album schon veröffentlicht. Wir durften „30“ nicht vorab hören, weil die 33-Jährige (die sich in ihren Plattentiteln ja gern etwas jünger macht) längst ein Superstar ist und also höchste Geheimhaltung herrscht. Es war ein weiter Weg dahin – der nicht vorherzusehen war, als im Januar 2008 ihr Debüt, „19“, herauskam. Damals war Adele Adkins tatsächlich gerade noch 19, ihr enormes Talent erkennbar – doch ihre Musik war noch nicht auf die Charts zugeschrieben, kein Paul Epworth oder Ryan Tedder fummelte an ihren Liedern herum. „19“ hat sie fast komplett allein geschrieben, das Bob-Dylan-Cover natürlich ausgenommen.

Wenn man die Songs heute hört, fragt man sich: Wie schrecklich unglücklich war Adele damals eigentlich? Und sind nicht die meisten, die gerade dem Teenageralter entwachsen, genauso verzweifelt auf der Suche nach Liebe – während sie sich selbst meistens hassen oder zumindest nicht bedenken, dass sie ihr Glück vielleicht in der eigenen Hand haben könnten? Warum sehnen sich überhaupt so viele Leute nach ihrer Jugend zurück? Das war doch – bei aller überschießenden Energie – eine ganz schön harte Zeit damals.

Hören Sie mal zu, was Adele so alles erzählt: Im Auftaktsong, „Daydreamer“, singt sie von einem jungen Mann, bei dem ihr die Kinnlade runterfällt („a jawdropper“) – schwer zu fangen sei er, aber wenn es gelänge, würde das natürlich die ganze Welt verändern. Fast alle Lieder auf „19“ sind Aufforderungen an den Angehimmelten, doch endlich anzubeißen, ihr die Liebe zu gestehen: „You’re still not mentioning love/ What am I supposed to do to make you want me properly?“ („Best For Last“). In „Crazy For You“ beschwört sie, was sie alles für ihn tun würde, wenn er sie nur erhört („Tell me to run and I’ll race/ If you want me to stop, I’ll freeze“). Ständig ist da dieses Schwanken zwischen Verzweiflung („Cold Shoulder“, „Melt My Heart To Stone“) und Hoffnung – und das permanente Betteln um Zuneigung. Aber Betteln bringt’s nicht. Und all das Glück, das Selbstwertgefühl und den Lebenssinn an einen (potenziellen) Geliebten zu hängen ebenso wenig. Jeder Mensch braucht Resonanz, einen eigenen Platz im Leben aber auch.

Zwischendurch hat sie dann auch mal die Schnauze voll

Heute, mit 33 und nach einer Scheidung, weiß Adele das höchstwahrscheinlich. Auch der Hit, mit dem sich für Adele alles zu verändern begann, kreist um das Thema: „Should I give up, or should I just keep chasing pave ments/ Even if it leads nowhere?“ Tja, wer möchte ihr da einen klugen Rat geben, ohne den Typen zu kennen? Jemandem hinterherzulaufen (was „chasing pavements“ im übertragenen Sinn bedeutet) hat sich jedenfalls noch selten als gute Idee erwiesen.

Zwischendurch, in „First Love“ und „Right As Rain“, hat sie dann auch mal die Schnauze voll und keine Lust mehr. Doch da folgt schon eine verzehrende Coverversion von Dylans „Make You Feel My Love“. Dann ist sie „Tired“, träumt in „My Same“ allerdings wieder von der Vereinbarkeit aller Gegensätze – und kommt im Abschlusssong, „Home town Glory“, noch mal auf die Gehwege zurück, schlendert durch ihre Heimatstadt und sieht plötzlich die Wunder der Welt: Es sind die Menschen! Und ausnahmsweise ist es nicht nur der Eine. Das Ende als guter Anfang.