Blur live in Berlin: Magische Songs, die Sie kennen lernen sollten

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Blur live in Berlin: Magische Songs, die Sie kennen lernen sollten

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Manchmal gibt es nichts Lustigeres als einen Briten, einen angetrunken wirkenden Briten, der ein deutsches „Jaaaaaa!“ ruft. Das klingt dann eher wie ein „Jooaaaaaahhr!“ und so, als hätte er mit den Deutschen und ihrer Sprache sehr viel Spaß. Damon Albarn, Sänger von Blur, ist so einer, der seine eigene Musik liebt, aber Darbietungen zum Glück nicht zu ernst nimmt. Er greift zur Bierflasche, geht das Publikum an, ruft „Börlin!“, und etliche Male wird er im Laufe des Abends ein „Come On“ hinterherschieben und sich breitbeinig anbieten.

Blur sind am Montag (20. April) in der Stadt um ihr Album „The Magic Whip“ vorzustellen, ihr erstes seit zwölf Jahren. Das Konzert findet vor ca. 300 Zuschauern im Berliner „Circus HalliGalli“-Studio statt, eine Stunde davor waren die vier Musiker in der Sendung zu Gast. Der Showcase bietet zwei seltene Gelegenheiten. Erstens, Songs der Platte in chronologischer Reihenfolge zu hören – auf keinem anderen, regulären Konzert würde die Band auf einen appellativen Opener („Lonesome Street“) gleich ein nachdenkliches, langsames Lied bringen („New World Towers“). Zweitens: Manche der neuen Stücke werden Blur hiernach wahrscheinlich nie mehr aufführen. Zu mehr als nur vereinzelten Auftritten, vor allem bei Festivals, wo natürlich die Hits gefragt sind, konnte die Band sich seit ihrer Live-Reunion von 2009 bislang nicht durchringen. Tourneen fördern Spannungen zutage, und die Chemie zwischen Albarn, Coxon, James und Rowntree ist nicht immer die beste gewesen.

Ihr Gig in Berlin stellt dafür die Klasse von „Magic Whip“ unter Beweis. Was für ein tolles Album, und wie viel besser gerade die – nach ihrer Videopremiere zunächst nüchtern aufgenommenen – vorab veröffentlichten Stücke sogar noch live sind. „Go Out“ wird zum echten englischen Pub-Thrasher, ganz Polo-Hemd, Fußballfernseher über der Theke und Bierpfütze, in bester Tradition von „Bugman“ (1999) und „Crazy Beat“ (2003). In „There Are Too Many Of Us“ wiederum präsentiert Albarn sich als beunruhigend ruhiger Prophet in stürmischen Zeiten, die Hände beim Singen zunächst in der Jackentasche, dann in ein Publikum voller Jünger gestikulierend, wie ein Fernsehprediger: „We pose this question to our children /That calls them all to stray /And live in tiny houses /Of the same mistakes we make.“

Die besten Momente des Konzerts finden sich dennoch in den leiseren Tönen. Im Krautrock von „Thought I Was A Spaceman“ etwa, der Einigkeit zwischen den einstigen Streithähnen Graham Coxon und Damon Albarn offenbart. Beide singen nacheinander den Chorus, „digging up my heart“, eine selten zu hörende Dopplung im Arrangement von Blur-Liedern. „Ghost Ship“ handelt von Hong Kong, man denkt dabei vielleicht auch an Tokio und „Lost In Translation“-Atmosphäre, an die Einsamkeit von Touristen in Hoteldach-Bars, den Blick auf eine beleuchtete Skyline. Albarn wird hier tatsächlich zum Crooner, er erinnert an Barry Manilow und dessen „Copacabana“. Coxon spielt dazu eine im Blur-Kosmos sonst nie zu hörende Disco-Gitarre, manchmal verwischt er die Töne (natürlich absichtlich!).

Für Albarn sind solche Songs über fremde Umgebungen, das wollte er auch mit seinem letztjährigen Solo-Album „Everyday Robots“ unter Beweis stellen, Ausdruck einer kosmopolitischen Haltung; die Band Blur macht daraus druckvollen Pop, der nach Briten klingt, die unerwarteten Genres huldigen. Das ist die Klasse von „The Magic Whip“: Graham Coxon, Alex James und Dave Rowntree kleiden den Sänger in ihr Gewand, halten ihn in seinen Ambitionen aber nicht zurück.

Dennoch gehören die „Magic Whip“-Kompositionen ganz klar auch dem Gitarristen Coxon. Er veredelt jeden einzelnen Song, verleibt ihn sich ein, und oft klingen seine Melodien so, als hätte er sie erst am Schluss der Aufnahmen hinzugefügt, als wollte er halt das letzte Wort haben. Wenn Coxon wie in „There Are Too Many Of Us“ zum Feedback ansetzt, erinnert er an den Jungen, der seine Eltern ärgern will, indem er Rotwein auf den Teppich kippt.

Der Höhepunkt kommt noch, es ist der vorletzte Album-Track. „Ong Ong“ mit seinem „La La La“-Chorus singen seit einer Woche, seit der Premiere bei „Later … with Jools Holland“, alle Blur-Fans in jeder freien Minute vor sich hin. Wenn „The Magic Whip“ erst einmal erschienen ist, wird noch mehr über dieses Lied gesprochen werden. Eigentlich ist es ja jetzt schon der Hit des Frühlings. „Ong Ong“ vereint viel Gutes von den Kinks und den Beatles, und das Beste von Blur: Er erscheint uns als Pop-Song, der so selbstverständlich im Raum steht, als hätte es ihn schon immer gegeben. Wer „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ von den Beatles nicht mag oder wem bei Blurs „Coffee and TV“ der gute Refrain fehlt, der wird hier Frieden finden. Albarn greift zur Akustikgitarre, das hätte es als melodische Verstärkung zwar nicht gebraucht, unterstreicht aber, wie gerne er „Ong Ong“ selber spielt. Am Ende des Lieds gibt es ein kurzes Call-and-Response mit dem Publikum, das laut zurückruft – „I Wanna Be With You“. Klassiker-Test bestanden, und der Song ist noch nicht mal auf dem Markt. 

Die Stücke sind aufgeführt, Damon Albarn sagt: „That Was ‚The Magic Whip’“. Die vier Musiker bleiben auf der Bühne, es herrscht Stille. Stille wird zu geduldiger Stille. Geduldige Stille wird zu erwartungsvoller Stille. Albarn und Coxon nicken sich zu. Dann setzt der Gitarrist zu den berühmten rutschigen Akkorden von „Beetlebum“ an, dem Hit von 1997. Das Lied handelt von Heroin-Missbrauch, abgeschlossene Zeit für Albarn, und doch fügt es sich ohne Angeberei oder Gewohnheitsrecht ein in dieses Konzert voller neuer Kurzgeschichten. Genauso wie das darauf folgende, noch ältere, abschließende „Trouble In The Message Centre“, bei dem Blur wieder wie ganz früher die Three Lions rauskehren.

13 Songs abgeliefert heute, und alle gehören zusammen, wie Perlen auf einer Schnur. Am Freitag erscheint das Album.

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