Bob Dylan spielt „I Shall Be Released“ zum ersten Mal seit 2008
Es ist der dritte Basement-Tapes-Song, den er innerhalb einer Woche ausgegraben hat – nach „Baby, Won't You Be My Baby“ und „You Ain't Goin' Nowhere“.
Es ist offiziell der Sommer der „Basement Tapes“. Der Reigen begann am 4. Juni in Troutdale, Oregon, als Bob Dylan den obskuren Basement-Tapes-Tiefschnitt „Baby, Won’t You Be My Baby“ zum ersten Mal spielte, seit er ihn vor 59 Jahren im Keller von Big Pink aufgenommen hatte. Am 6. Juni in Woodinville, Washington, eröffnete er den Abend mit dem ersten „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ seit 2012. Und am 9. Juni in Eugene, Oregon, sorgte er für Schnappatmung beim Publikum, als er die Show mit dem ersten Live-Take von „I Shall Be Released“ seit 2008 beschloss.
Dylans Long Hot Summer Tour ’26 umfasst bislang vier Konzerte – und bei dreien davon tauchten überraschend Basement-Tapes-Songs auf. (Beim zweiten Abend in Woodinville ließ er die Rarität aus.) Hält er dieses Tempo bei den verbleibenden 31 Shows durch – was höchst unwahrscheinlich ist –, kommen noch 23 weitere Basement-Tapes-Nummern dazu.
In seiner gesamten Live-Karriere hat Dylan gerade einmal zehn Basement-Tapes-Songs auf die Bühne gebracht: „Million Dollar Bash“, „Tears of Rage“, „Yeah! Heavy and a Bottle of Bread“, „Crash on the Levee (Down in The Flood)“, „This Wheel’s on Fire“, „Don’t Ya Tell Henry“, „Quinn The Eskimo“, „Minstrel Boy“, „I Shall Be Released“ – und jetzt neu: „Baby, Won’t You Be My Baby“. Dass dieser Trend den ganzen Sommer anhält, ist schwer vorstellbar. Aber nach dem Coup mit „Baby, Won’t You Be My Baby“ scheint plötzlich alles möglich. (Zwischen Aufnahme und Live-Premiere lag übrigens die mit Abstand längste Lücke seiner Karriere.)
Basement Tapes im Fokus
Was Dylan dazu bewogen hat, ausgerechnet jetzt die Basement Tapes zu entstauben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber es gibt durchaus Vorläufer für solche Setlist-Themen innerhalb einzelner Tourphasen. Im Herbst 2023 huldigte er Städten und lokalen Helden, indem er etwa „Kansas City“ in Kansas City spielte, John Mellencamps „Longest Days“ in Indianapolis, Dwight Yokams „South of Cincinnati“ in Cincinnati und gleich zwei Chuck-Berry-Songs in St. Louis.
Anfang desselben Jahres spielte er so viele Grateful-Dead-Songs – „Stella Blue“, „Truckin’“, „Brokedown Palace“, „West L.A. Fadeaway“ –, dass Fans bereits spekulierten, er arbeite an einem ganzen Album mit Dead-Covern. Das Projekt kam nie, und in den letzten zwei Jahren hat er keinen dieser Songs mehr gespielt. Auch der Städte-Tribut verlief im Sand, gerade als er für die Fans so richtig spannend zu werden drohte.
Wahrscheinlich wird auch dieses Basement-Tapes-Revival bald wieder abebben. Genießen wir es, solange es dauert – und hoffen weiter auf das Live-Debüt von „Goin‘ To Acapulco“. Wenn es jemals passieren soll, dann jetzt.