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Highlight: Die 50 besten Songs von Bruce Springsteen

Bruce Springsteen: Die besten Veröffentlichungen aus der „Archive Series“ (8): 24/6/1993, Brendan Byrne Arena, East Rutherford, NJ

Aktuell 43 Live-Mitschnitte, aufgenommen zwischen 1975 und 2013, bietet Bruce Springsteen auf seiner Website in der „Archive Series“ in verschiedenen Formaten zum Download an. In der Regel erscheint am ersten Freitag jedes Monats eine neu abgemischte Archiv-Show.

Welches Konzert hatte die schönste Setlist? Wo war der Sound am besten? Ein Springsteen-Guide als Serie, zum 70. Geburtstag des Musikers: Aufnahmen, die man kennen muss.

Die Autoren:

Lutz Göllner ist Redakteur im Medienressort der Berliner Stadtmagazine „zitty“ und „tip“. Bei einem USA-Aufenthalt hat er 1974 erstmals Springsteen gehört, fühlte sich als Kind und Jugendlicher immer wie ein Loser, bis er merkte: Er selber ist die Hauptfigur in Springsteens epischen Songtexten – über Loser. Er hält „Darkness On The Edge Of Town“ für die beste LP aller Zeiten.

Erik Heier ist stellvertretender Chefredakteur von „tip“ und „zitty“, erlebte 1988 in Weißensee sein erstes Springsteen-Konzert, musste aber 28 Jahre ausharren, bis er endlich seinen Lieblingssong „Backstreets“ bei seiner elften Show live zu hören bekam. Jetzt wartet er noch auf „Lost in the Flood“.

Bruce Springsteen: Die besten Veröffentlichungen aus der „Archive Series“ (8): 24/6/1993, Brendan Byrne Arena, East Rutherford, NJ

von Erik Heier

Bruce Springsteen

Und dann bricht es mit einem Mal los. Das Dröhnen, das Rauschen, das Toben. Erstaunlich, dass das Hallendach in den Meadowlands das überhaupt aushält.

Die Show ist fast vorbei an diesem Junitag des Jahres 1993 in Springsteens 20.000-Plätze-Mehrzweckhallen-Wohnzimmer in East Rutherford, New Jersey. „Tenth Avenue Freeze-out“ läuft, dieser Song über den Gründungsmythos der E Street Band, die letzte, die finale Strophe. „When the change was made uptown, and the Big Man joined the band “, singt Bruce. Aber um ihn herum steht keine E Street Band. Er hat sie vier Jahre zuvor (zeitweilig) aufgelöst und eine neue Backing-Band formiert, für es nicht einmal einen Namen gibt. „The Other Band“ werden die Fans sie nennen. Als wären es Aliens.

Und es passiert tatsächlich. Clarence Clemons schreitet auf die Bühne, the Big Man joins the Band. Dunkler Anzug, heller Hut, in der Hand das mächtige Saxophon. Die Brendan Byrne Arena, wie sie in dieser Zeit heißt, sie explodiert. Steven van Zandt ist auch da, er war ein paar Songs zuvor gekommen. Später wird noch Max Weinberg vorbeischauen. Es ist fast ein bisschen wie: früher. In den Glory Days.

Komische Zeit, das. 1989 hatte Bruce Springsteen zum Telefonhörer gegriffen und den E-Street-Kollegen eröffnet, dass es vorbei sei, erst mal jedenfalls. Sie hatten doch alles erreicht. Schon die „Tunnel of Love Express-Tour“ hatte sich 1988 seltsam angefühlt. Er war dann abgetaucht, hatte erst eine Schreibblockade, dokterte dann ewig an einer neuen Platte herum. Das Ergebnis, „Human Touch“, war 1992 zu einer merkwürdigen, oft grotesk überproduzierten Schlaglochpiste geraten, mit einigen tatsächlich wieder großartigen Songs (der Titelsong, „I Wish I Were Blind“), aber anderen geradezu rufschädigenden Tracks (die machodampfende Synthie-Scheusslichkeit „Real Man“ gilt als das schlechteste offiziell veröffentlichte Springsteen-Lied aller Zeiten). Das zeitgleich veröffentlichte Zwillingsalbum „Lucky Town“, binnen weniger Wochen quasi im Alleingang eingespielt, gelang deutlich erfreulicherer, hatte aber textlich auch manchen üblen Aussetzer (eine Passage in „Leap of Faith“ mutet wie eine Hommage an einen Coitus Interruptus in der Badewanne an!).

Roy Bittan hält die Dinge zusammen, so gut es eben geht

Die „andere Band“, mit der Springsteen ein Jahr lang tourt, hat sehr lange gebraucht, um tatsächlich als Band zu funktionieren. Sie besteht zum Beispiel aus dem Gitarristen Shane Fontaye, der zu dieser Zeit wie Slash ohne Hut aussieht und auf der Bühne beständig komische Verrenkungen vollführt, als täte ihm irgendetwas weh. Drummer Zachary Alford schlägt sich wacker, zeigt aber mitunter größere Tempoprobleme, als sie Max Weinberg selbst in seinen schwierigen Phasen je hatte. Dazu ein schüchternder Bassist namens Tommy Sims. Die multitalentierte Sängerin, Percussionistin und Gitarristin Crystal Taliefero, die immerhin auch, allerdings nur bei „Born To Run“, ein Saxophon bedienen kann. Und ein Backroundchor. Nur an den Tasten steht der altgediente E Streeter Roy Bittan und hält die Dinge zusammen, so gut es eben geht.

Die ein Jahr dauernde „Human Touch“/„Lucky Town“-Tour ist an diesem Junitag 1993 bereits drei Wochen zu Ende, da spielen Bruce und die Band noch einmal ein Benefiz-Konzert für die „Food & Hunger Hotline“ und die „Community Food Bank of New Jersey“. Es ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Konzert.

Manche Klassiker werden auf dieser Tour interessant umarangiert („Thunder Road“, „Atlantic City“). Andere klingen eher ratlos („Badlands“ mit einem seltsamen Gitarrenpart, wo Big Mans Saxophon hingehört). Einige gitarrenlastigere neue Stücke spielen erst live ihr auf Platte nicht eingelöstes Potenzial aus („Souls of The Departed“, „Livin‘ Proof“, beide von „Lucky Town“). Auch „Born In The U.S.A.“ klingt anders als je zuvor und danach, mit ebenfalls stärkerer Gitarren-Untermalung und zudem mehr gesungen als gebrüllt (die hier vorliegende Version ist von besonders merkwürdiger, aber durchaus interessanter Phrasierung), eingeleitet wird es übrigens in einer an Jimi Hendrix gemahnenden Version des „Star-Spangled Banner“. Und Springsteen haut sich als Frontman mit allem rein, was er hat. Er hat ja keinen Big Man, der ihm den Rücken freihält.

 

Die „andere Band“ wird im Verlauf der Tour tatsächlich besser und besser. Aber es ist eben nicht die E Street Band. Keine Band der Welt kann sie ersetzen. In seiner Autobiografie „Born To Run“ schreibt Springsteen von einem Konzert in Deutschland, bei dem er am Rande eines Amphitheaters (es kann sich eigentlich nur um die Waldbühne handeln) einen einsamen Fan entdeckt, der ein Schild hoch hält. Und auf dem Schild steht nur: „E Street“.

Die Show in Meadowlands beginnt mit einer sakral orgelhaften Version von Woody Guthries „I Ain’t Got Now Home“ und dem ersten Gast, Kumpel Joe Ely. Es folgt der überwiegend akustische Drei-Song-Block, den Springsteen Ende März zum dritten und letzten Teil der Tour eingeführt hat. „Seeds“ klingt in der Soloversion entschieden interessanter als der stupide Stampfer, den er auf der „Born In The U.S.A.“-Tour debütiert hat. „Adam Raised A Cain“ ist auch solo von unruhiger Eindringlichkeit. Das darauf folgende fantastische „Born In The U.S.A.“-Outtake „This Hard Land“ hat Springsteen auf dieser Tour zum ersten Mal live gespielt.

Dann geht es rockig weiter mit „Better Days“, „Lucky Town“ und „Atlantic City“. „57 Channels (And Nothin‘ On)“, auf „Human Touch“ ein Talking Blues mit simplen Basslauf, rumpelt live im gewöhnungsbedürftigen, von Steven Van Zandt umarangierten Riot-Rap-Design mit Samples und schweren Gitarren drauflos. Zwischendurch kommt mit der beseelten Gountry-Gospel-Nummer „Satan’s Jeweled Crown“ von den Louvin Brothers andächtige Ruhe in die Hütte.

Im zweiten Teil nach der Pause, der mit einem soloakustischen „Does This Bus Stop At 82nd Street“ vom 1972er Debütalbum „Greetings From Asbury Park N.J.“ startet, beginnt dann auf der Bühne der Tag der Offenen Tür. Patti Scialfa kommt für den „Tunnel Of Love“-Song „Brilliant Disguise“ und für „Human Touch“ an die Seite ihres Gatten. Richtig heiter wird es aber nach dem Setcloser „Light Of Day“, den Springsteen von der „Tunnel of Love-Express-Tour“ von 1988 herübergerettet hat. Joe Ely kehrt für sein eigenes „Settle for Love“ zurück. Steven Van Zandt, der 1984 für seine Solokarriere als Little Steven aus der E Street Band ausgestiegen ist, gastiert bei einem sehr beschwingten „Glory Days“ und, gemeinsam mit Southside Johnny und den Miami Horns, auch beim wechselstimmigen „It’s Been A Long Time“, das Van Zandt für Southside Johnnys formidables Album „Better Days“ (1991) geschrieben hat. Clarence Clemons bleibt nach „Tenth“ noch für ein allerdings ärgerlich verschlepptes „Born To Run“ („Can’t have the Big Man without doing this“). Joe Ely und Springsteen brauchen eine Weile, bis sie bei einem weiteren Woody-Guthrie-Song, „Blown Down This Road“, ein auskömmliches Tempo finden. Max Weinberg setzt sich für Tom Waits‘ „Jersey Girl“, dem Springsteen eine neue Strophe hinzugefügt hat, an die Drums.

Aber der Moment dieses Konzerts, dank eines exzellenten Mixes in all seiner Magie zu erleben, bleibt der Augenblick, als Clarence Clemons, der 2011 versterben würde, die Bühne betritt (Der Fauxpas, dass ausgerechnet in diesem Moment sein Saxophon-Mikrofon aussetzt, ist in der Nugs-Version dezent korrigiert worden.) Es gibt nicht wenige Boss-Kenner, die sagen, es wäre der lauteste, frenetischste Jubelsturm gewesen, den sie je bei einem Springsteen-Konzert vernommen hätten. Und dieses Dröhnen, dieses Rauschen, dieses Toben, das wird es erst dann wieder geben, wenn, ja: wenn der Big Man wieder zur Band hinzustößt.

Wann immer das sein wird.

Wie hat es doch Bruce in seiner Ein-Mann-Revue „Springsteen On Broadway erzählt: „Wenn ich ein Mystiker wäre, würde mich die Freundschaft zu Clarence glauben lassen, wir hätten in älteren Zeiten zusammengestanden, in anderen Leben, an anderen Flüssen, in anderen uralten Städten, in anderen Feldern, Seite an an Seite im Sonnenuntergang arbeitend, unsere bescheidene Version von Gottes Arbeit verrichtend“. Und dann sagt er mit brüchig-bebender Stimme: „See you in the next life, Big Man.“

Bei „Tenth Avenue Freeze-out, natürlich. Was sonst?

Setlist:

I AIN’T GOT NO HOME (with Joe Ely) / SEEDS / ADAM RAISED A CAIN / THIS HARD LAND / BETTER DAYS / LUCKY TOWN / ATLANTIC CITY / 57 CHANNELS (AND NOTHIN‘ ON) / BADLANDS / SATAN’S JEWELED CROWN / MY HOMETOWN / LEAP OF FAITH / MAN’S JOB / ROLL OF THE DICE / DOES THIS BUS STOP AT 82ND STREET? / BECAUSE THE NIGHT / BRILLIANT DISGUISE (with Patti Scialfa) / HUMAN TOUCH (with Patti Scialfa) / THE RIVER / WHO’LL STOP THE RAIN / SOULS OF THE DEPARTED / LIVING PROOF / BORN IN THE U.S.A. / LIGHT OF DAY / SETTLE FOR LOVE (with Joe Ely) / GLORY DAYS (with Steven Van Zandt) / THUNDER ROAD / IT’S BEEN A LONG TIME (with Southside Johnny, Steven Van Zandt, and The Miami Horns) / TENTH AVENUE FREEZE-OUT (with Clarence Clemons, Steven Van Zandt, and The Miami Horns) / BORN TO RUN (with Clarence Clemons and Steven Van Zandt) / MY BEAUTIFUL REWARD / BLOWIN‘ DOWN THIS ROAD (with Joe Ely, Soozie Tyrell, and Patti Scialfa) / HAVING A PARTY (with Southside Johnny, Steven Van Zandt, Patti Scialfa, and The Miami Horns) / JERSEY GIRL (with Max Weinberg and The Miami Horns) / IT’S ALL RIGHT (with Southside Johnny, Steven Van Zandt and The Miami Horns)

Patti Ouderkirk WireImage


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