Highlight: Die 50 besten Songs von Bruce Springsteen

Bruce Springsteen: Die besten Veröffentlichungen aus der „Archive Series“ (7): Capitol Theatre, Passaic, 19 & 20/09/78

Aktuell 43 Live-Mitschnitte, aufgenommen zwischen 1975 und 2013, bietet Bruce Springsteen auf seiner Website in der „Archive Series“ in verschiedenen Formaten zum Download an. In der Regel erscheint am ersten Freitag jedes Monats eine neu abgemischte Archiv-Show.

Welches Konzert hatte die schönste Setlist? Wo war der Sound am besten? Ein Springsteen-Guide als Serie, zum 70. Geburtstag des Musikers: Aufnahmen, die man kennen muss.

Die Autoren:

Lutz Göllner ist Redakteur im Medienressort der Berliner Stadtmagazine „zitty“ und „tip“. Bei einem USA-Aufenthalt hat er 1974 erstmals Springsteen gehört, fühlte sich als Kind und Jugendlicher immer wie ein Loser, bis er merkte: Er selber ist die Hauptfigur in Springsteens epischen Songtexten – über Loser. Er hält „Darkness On The Edge Of Town“ für die beste LP aller Zeiten.

Erik Heier ist stellvertretender Chefredakteur von „tip“ und „zitty“, erlebte 1988 in Weißensee sein erstes Springsteen-Konzert, musste aber 28 Jahre ausharren, bis er endlich seinen Lieblingssong „Backstreets“ bei seiner elften Show live zu hören bekam. Jetzt wartet er noch auf „Lost in the Flood“.

Bruce Springsteen: Die besten Veröffentlichungen aus der „Archive Series“ (7): Capitol Theatre, Passaic, 19 & 20/09/78

Bruce Springsteen

von Erik Heier

Mit einem wahren Springsteen-Fan willst du echt nicht ein paar Stunden in einen Raum gesperrt bleiben. Er wird dir die ganze Zeit über klarzumachen versuchen, warum der Boss, nun ja, immer noch der Boss ist, es schon immer war, es immer bleiben wird. Wieso am 28. Oktober alle ins Kino gehören, um den neuen „Western Stars“-Film zu erleben. Warum ein Springsteen-Konzert eine Mischung aus Gottesdienst, Katharsis, Kindergeburtstag, Tanzdemo und einem Kasten Bier auf einer Dodge-Motorhaube an einem warmen Samstagabend ist. Und irgendwo muss doch auch dieses barfüßige Mädchen herumlungern, das gefühlt dauernd durch Springsteen-Songs wandelt.

Ja, er wird nerven. Springsteen-Fans sind so.

Und irgendwann wird dieser Fan vielleicht bei dem brusttonüberzeugenden Bekenntnis angekommen sein, dass es zu den größten anzunehmenden Kicks in der Gemeinde der Springsteen-Wahnsinnigen gehört, einmal live ganz bestimmte Song-Paare in ihrer gottgegebenen, also von Bruce auf den jeweiligen Alben auserkorenen, Reihenfolge zu hören, back-to-back.

Die beiden vielleicht legendärsten Songkombinationen im Springsteen-Katalog sind dabei: zum einen das schwelgerische, West-Side-Story-hafte „Incident on 57th Street“, das auf dem zweiten Album „The Wild, the Innocent & the E Street Shuffle“ (1973) mit einem der berühmtesten Gitarrenriffs Springsteens in den furios feierbiestigen Standard-Setcloser der frühen Jahre, „Rosalita (Come out tonight)“, übergeht. Und zum anderen das introvertiert-angstzweifelnde „Meeting Across the River“ von „Born to Run“ (1975), dem das gigantische, fast zehnminütige New Yorker Gang-Großwerk „Jungleland“ mit dem besten Saxophon-Solo folgt, das Clarence Clemons je gespielt hat.

Und damit sind wir auf unserer Zeitreise im Jahr 1978 in Passaic gelandet, einer seinerzeit gut 50.000-Einwohner-Stadt im Norden New Jersey, im hoffnungslos ausverkauften 3.200 Plätze bietenden Capitol Theatre, einem ehemaligen Kino (heute steht an der Stelle ein Shopping Center), in dem in den 70er und 80er Jahren einige – auch dank des Inhouse-Video-Systems – ziemlich legendäre Konzerte stattfanden. Bette Midler, The Byrds, The Grateful Dead, Peter Gabriel.

Und, im September 1978, Bruce Springteen & The E Street Band.

Vor einer ekstatischen Crowd geben Bruce und die Jungs im September 1978 beim Three-Night-Stand beide Songkombis zum Besten. „Meeting“/„Jungleland“ und „Incident“/Rosie.
Allerdings an zwei verschiedenen Abenden. Dienstag und Mittwoch.

Dieser altgediente Fan hat mit ziemlicher Sicherheit in irgendeiner Form das erste der drei Passaic-Konzerte im Plattenschrank stehen, das seinerzeit vom Radiosender WNEW-FM New York und bei neun weiteren Sendern ausgestrahlt wurde. Eines der zahlreichen daraus hervorgegangenen Bootlegs, das Drei-LP-Set „Piece De Resistance“, dürfte eines der bestverkauften Springsteen-Alben aller Zeiten sein.

Zwei Konzerte wie zwei ungleiche Kameraden

Und das ist nicht der einzige Grund, der es dem Autor dieses Textes fast unmöglich macht, sich zwischen den beiden bisher veröffentlichten Passaic-Archives vom 19. September 1978 (das erst kürzlich, Anfang September, offiziell erschien) und vom Abend darauf, dem 20. September (der bereits Ende 2017 auf Springsteens Webseite angeboten wurde) zu entscheiden. Es sind zwei ungleiche Kameraden. Jeder für sich großartig. Im Doppel unbesiegbar.

Zwei Jahre hat Springsteen nicht mehr in seinem Homestate gespielt, als er, vom Ansager mit einem urschreihaften „The Boss comes home!“ angekündigt, die Bühne betritt. Was dann folgt, ist die intensivste, dichteste, kraftstrotzendste, großartigste erste Konzerthälfte der gesamten Live-Archive-Serie. „Hey Jersey, can you believe it?“, skandiert Springsteen. „Let’s go!“

Und wie es losgeht. „Badlands“, Opener des drei Monate zuvor erschienenen vierten Albums „Darkness On The Edge of Town“. „Streets of Fire“, die gitarrengewaltig losdonnernde, kurz und abrupt mit Danny Federicis Hammond-B3-Orgel abgebremste und sich dann wieder zum wütend-verzweifelten Chorus aufschwindende Entfremdungsorgie – mit dem unverständlichen, immer noch rätselhaften finalen Vers (der in den Lyrics zur Platte konsequenterweise auch fehlt) und Clarence „Big Man“ Clemons‘ in Jon Altschillers sorgfältig separiertem Mix sehr vernehmlichen Background-Gesang. „Prove It All Night“ mit dem extensiven bereits an andere Stelle (Roxy 1978) gerühmten Gitarrenintro. Ein leicht textschwankendes, dennoch majestätisches „Racing In The Street“.

So geht es Schlag auf Schlag und mit heiligen Ernst durch eine nahezu perfekt sitzende Setlist, erst nach „Thunder Road“ albert Springsteen ein bisschen herum. Und dann, „this is for Eddie and the guys in the Bronx“, spielt er eben das seltene „Meeting Across The River“, das zu Unrecht als das am unauffälligsten geltende Stück von „Born To Run“. Jenes Stoßgebet eines kleinen Straßenganoven vor einem letzten, großen Deal an besagten Eddie. Es ist übrigens einer der wenigen Songs im Springsteen-Katalog, wo keine Live-Version die magische Albumfassung toppen konnte – nicht zuletzt wegen der fanalhaften Studio-Trompete von Randy Brecker, die in den Live-Versionen lange fehlte (Curt Ramm sollte diesen Part drei Jahrzehnte später übernehmen).

Und „Jungleland“ gibt’s gleich hinterher. Mit einem Klavierintro statt der Eröffnungsvioline, die die Kurzzeit-E-Streeterin Suki Lahav im Studio dahingezaubert hat und an der in den letzten Jahren Soozie Tyrell ziemlich regelmäßig scheiterte. Wir fahren mit Magic Rat auf seiner Maschine aus Jersey rüber nach New York, der – da ist es wieder – das barfüßige Mädchen mitnimmt, das auf der Dodge-Motorhaube im Sommerregen warmes Bier trinkt. Und die Jagd auf den Rat und das Mädchen beginnt heute Nacht im Dschungelland. Und eskaliert. Noch ein Gitarren-Solo von „Miami Steve“ Van Zandt. Und dann dieses unfassbare Sax-Solo von Big Man.

„Outside the street’s on fire in a real death waltz
Between what’s flesh and what’s fantasy
And the poets down here don’t write nothing at all
They just stand back and let it all be.“

Danach haben alle die 20 Minuten Pause nötig. Bruce, die Band, die Fans. Durchatmen. Sich sammeln. Was bitte war das denn?

Auch die zweite Konzerthälfte ist voll von großartigen Versionen von „Kitty’s back“, von „Because the Night“, von „She’s the One“, das mit Buddy Hollys „Not Fade Away“ eingeleitet wird, von „Backstreets“ mit dem tourtypischen langen „Sad-Eyes“-Zwischenspiel bis hin zum finalen „Raise Your Hand“ mit Springsteens „Are you talkin‘ to me?“-Part am Ende. Eine Line, die drei Jahre zuvor – das ist auch eine dieser wahrscheinlich nicht stimmenden, aber zu wunderbaren Springsteen-Mythen – Robert De Niro bei einem Konzert hörte und daraufhin in seinen berühmten „Taxidriver“-Spiegelmonolog übernahm. (Den Wahrheitsgehalt dieser Schnurre konnten Springsteen und Martin Scorsese zuletzt auch vor einem halben Jahr bei einem Gespräch über den Film „Springsteen On Broadway“ nicht vollends klären).

Die Show des nächsten Abends, am 20. September 1978, ist nicht ganz von der halsbrecherischen Wucht des ersten Abends. Springsteen ist vom Beginn an („It’s just me and you tonight“) sonnig gestimmt, relaxter. Jux und Tollerei. Als müsste er nichts mehr beweisen. Das hat er am Abend davor ja auch zur Genüge getan.

Dafür ist dieses zweite Passaic-Konzert der Live-Archive-Serie voller lustiger Momente mit einigen interessanten Setlist-Twists – und dennoch erneut beseelten Songinterpretationen. Drei Tage vor seinem 29. Geburtstag wird Springsteen dauernd mit Geschenken beworfen („Is this from Care or what?“). Vor „Prove it all Night“ dankt er seinem Gitarrentechniker Phil Petillo ausführlich für zur Not auch nächtlichen Einsatz. Ein besonders ausdauernd songwünschender Fan wird mit dem eindrucksvollen, zum vorletzten Mal überhaupt gespielten Animals-Cover „It’s my life“ belohnt. Anschließend versemmelt Roy Bittan den Anfang von „Thunder Road“, weil er „Racing In The Street“ erwartet hat. Der zweite Teil („We got a surprise for you!“) beginnt mit einem Weihnachtslied (im September!), „Santa Claus is coming to Town“. Das neue „Point Black“ wird mit einem sphärischen Beginn weiterentwickelt. Und später kündigt der Boss mit „This is for all the folks throwing stuff at me!“ das frenetisch gefeierte „Incident on 57th Street“. Und mit dem anschließenden „Rosalita“ gibt es auch hier vollends kein Halten mehr.

Die Show vom 19. September ist sicher die marginal noch bessere Performance, ein Abend von geradezu hermetischer Intensität. Das zeitlich zuerst in der Live-Series veröffentlichte Konzert glänzt allerdings mit einem diesmal von Bob Clearmountain gemixten Sound, der einer der besten aller bisher veröffentlichten Shows ist. Beide Konzerte sind seit Jahren in körniger Schwarz-Weiß-Qualität vom Inhouse-Videosystem im Internet zu finden (übrigens auch die allererste bekannte, faszinierende Soundcheck-Aufnahme des späteren „The River“-Songs „The Ties that bind“, die mit der veröffentlichten Albumversion herzlich wenig gemein hat, aber leider nicht im offiziellen Live-Mitschnitt enthalten ist).

Mit diesen nun in bestechender Multi-Track-Qualität vorliegenden offiziellen Konzertversionen bleibt eigentlich nur eine Frage offen. Wieso um alles in der Welt konnte das Springsteen-Camp mehr als 40 Jahre diese mitreißenden Aufnahmen unter Verschluss halten? Waren die noch ganz bei Trost?

Und das, mein Freund, jawohl, genau das wird dich vielleicht auch der mit dir eingeschlossene Fan irgendwann fragen, und zwar mit zornesbebender Stimme. Denn für den echten Springsteenianer war der Boss nie besser als 1978. Dafür hat der Fan viele Gründe. Passaic zum Beispiel. Unter anderem. Er erläutert sie dir gern. Sehr gern. Schon mal von Winterland gehört?

Wenn du ganz viel Glück hast, kommt in diesem Moment irgendjemand und schließt die Tür wieder auf.

SETLIST 19.9.78

BADLANDS / STREETS OF FIRE / SPIRIT IN THE NIGHT / DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN / INDEPENDENCE DAY / THE PROMISED LAND / PROVE IT ALL NIGHT / RACING IN THE STREET / THUNDER ROAD / MEETING ACROSS THE RIVER / JUNGLELAND / KITTY’S BACK / FIRE / CANDY’S ROOM / BECAUSE THE NIGHT / POINT BLANK / NOT FADE AWAY – SHE’S THE ONE / BACKSTREETS / ROSALITA (COME OUT TONIGHT) / 4TH OF JULY, ASBURY PARK (SANDY) / BORN TO RUN / TENTH AVENUE FREEZE-OUT / DETROIT MEDLEY / RAISE YOUR HAND

SETLIST 20.9.78

GOOD ROCKIN‘ TONIGHT / BADLANDS / SPIRIT IN THE NIGHT / DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN / INDEPENDENCE DAY / THE PROMISED LAND / PROVE IT ALL NIGHT / IT’S MY LIFE / THUNDER ROAD / JUNGLELAND / SANTA CLAUS IS COMIN‘ TO TOWN / FIRE / CANDY’S ROOM / BECAUSE THE NIGHT / POINT BLANK / KITTY’S BACK / INCIDENT ON 57TH STREET / ROSALITA (COME OUT TONIGHT) / BORN TO RUN / TENTH AVENUE FREEZE-OUT / DETROIT MEDLEY / TWIST AND SHOUT

Bobby Bank WireImage


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Aktuell 43 Live-Mitschnitte, aufgenommen zwischen 1975 und 2013, bietet Bruce Springsteen auf seiner Website in der „Archive Series“ in verschiedenen Formaten zum Download an. In der Regel erscheint am ersten Freitag jedes Monats eine neu abgemischte Archiv-Show. Welches Konzert hatte die schönste Setlist? Wo war der Sound am besten? Ein Springsteen-Guide als Serie, zum 70. Geburtstag des Musikers: Aufnahmen, die man kennen muss. Die Autoren: Lutz Göllner ist Redakteur im Medienressort der Berliner Stadtmagazine „zitty“ und „tip“. Bei einem USA-Aufenthalt hat er 1974 erstmals Springsteen gehört, fühlte sich als Kind und Jugendlicher immer wie ein Loser, bis er merkte: Er selber ist…
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