Show des Jahres: Bruno Mars im Olympiastadion
Die größte Show des Jahres? Bruno Mars liefert bei „The Romantic“ ein Comeback-Konzert im Olympiastadion
Am bisher heißesten Tag des Jahres wird das ausverkaufte Olympiastadion zum Endgegner. Die Sonne knallt in jeden Winkel, der Innenraum bleibt bis kurz vor der Stage Time von Bruno Mars erstaunlich leer, und tausende weichgekochte Hartschalensitze ebenso: Die Zuschauer auf den Rängen haben sich bis unters Dach verzogen und richten misstrauische Blicke auf das wabernde Plastik, auf dem sie gleich zwei Stunden lang sitzen sollen. Aus der Ferne glaubt man, tausende kleine Insekten über den Sitzen flirren zu sehen; tatsächlich sind es tausende Fächer, die die Zuschauer mitgebracht haben, um sich ein wenig Wind zu verschaffen.
Ist Bruno Mars der größte Pop-Entertainer unserer Tage? Von all den Großen ist er jedenfalls derjenige, der am wenigsten wie eine Industry Plant wirkt. Ein begnadeter Komponist, ein sehr guter Gitarrist und Pianist und natürlich Sänger. Gerade weil er derart talentiert ist, blieb etwa sein Auftritt bei den Grammy Awards 2017 in so unguter Erinnerung, als er dem verstorbenen Prince, seinem offensichtlichsten Vorbild, eins zu eins huldigte: Er trug ein lilafarbenes Kostüm über einem weißen Rüschenhemd, die schwarzen Haare zu einer Soul-Glo-Frisur getürmt. Mars spielte sogar Prince‘ weiße Cloud-Gitarre. Eine Hommage aus dem Uncanny Valley: technisch makellos, aber irritierend, weil Mars, ähnlich klein, ähnlich gebaut, offenbar möglichst exakt so aussehen wollte wie Prince. Ein Hit-and-Miss-Unterfangen, das im direkten Vergleich nur scheitern konnte. Mimikry auf Mini-Playback-Show-Niveau.
Das würde Bruno Mars heute nicht mehr passieren. Und er spürt Verantwortung für seine Fans! Das Konzert beginnt mit einem Videoleinwand-Einspieler, in dem er allein auf einer Kirchenbank sitzt, die Hände faltet und betet: „Lieber Gott. Bitte beschütze mein Publikum. Und sorge dafür … dass sie das beste Konzert ihres Lebens erleben dürfen.“ Noch nie etwas gesehen, das gleichzeitig derart geil wie bescheuert wirkt.
Bruno Mars und die Neuerfindung des Retro-Pop
In den 1970er-Jahren brachte Carlos Santana „hispanische“ Musik in den „westlichen“ Markt, in den 1980er-Jahren kamen britische Pop-Varianten wie Blue Rondo à la Turk hinzu. Was dagegen Bruno Mars, ein Amerikaner mit philippinischer Mutter und puerto-ricanischem Vater, schafft, ist nichts anderes als die Auflösung der Folklore: Retro-Soul, in dem Latin und USA gleichberechtigt existieren, wenn auch eher auf restaurative als auf entdeckende Weise. Im neuen Song „On My Soul“ schwingt Curtis Mayfields „Move On Up“ fortlaufend mit. Allerdings erhebt Mars das Stück über den Status einer Interpolation hinaus und macht daraus seine eigene Hymne über Liebe und Verzicht.
Das Konzert beginnt jedoch mit zwei anderen Stücken aus seinem Album „The Romantic“, „Risk It All“ und „Cha Cha Cha“, und einer gewaltigen Bläsersektion im Rücken. Bolero, Mariachi und Salsa im Olympiastadion, das den Schall allerdings so ungünstig weiterträgt, dass Musik und Videoübertragung über weite Strecken unsynchron wirken. Allein bei der Größe dieser Band – Mars wird auch von seinem Silk-Sonic-Partner Anderson .Paak begleitet – wäre es absolut wünschenswert gewesen, eine B-Stage in der Stadionmitte zu platzieren, damit wirklich alle im Publikum die gesamte Entourage sehen und gebührend feiern können.
Ein Gentleman alter Schule
Bruno Mars öffnet sein Hemd und zeigt ein wenig Brust. „Diese Tour heißt nicht umsonst ,The Romantic’“, ruft er und vergräbt sein Gesicht in einem Handtuch – auch, weil er lachen muss.
Wir leben in einer Zeit des Popstar-Kults, in der auch ältere Männer von deutlich jüngeren Frauen angeschmachtet werden. Der Schauspieler Pedro Pascal ist 51 Jahre alt und wird von kreischenden Twentysomethings auf Beatlemania-Niveau empfangen. Bruno Mars wird 41 und hat ähnlich junge Fans. Es ist schön, dass das heute normal ist – denn in den 1980er-Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass junge Menschen die Mittvierziger Mick Jagger oder Paul McCartney derart anschmachten.
Ein 1980er-Jahre-Gefühl entsteht eher in der nicht immer inklusiv wirkenden Vergötterung bestimmter Fans seines Publikums. Mars ist offenbar ein Lover und Gentleman alter Schule. Er lobt die „beautiful German girls“ und blendet zu „God Was Showing Off“ auf den Leinwänden Bilder seiner „Angel Baby Cam“ ein, die sich phänotypisch auf jüngere Frauen mit längeren Haaren festgelegt hat – Gott habe also angegeben, indem er genau diese Menschen erschaffen habe.
Künstler wie Harry Styles, Lady Gaga oder auch Bad Bunny arbeiten mit einer etwas umarmenderen Ansprache an Fans aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten.
Das Comeback ist gelungen
Das neue Album „The Romantic“ allerdings ist so gut, nicht nur so reich an Transpositionen der alten Meister in die Gegenwart, sondern auch so voller Bekehrungseifer eines hoffnungslosen Nostalgikers, dass man ihm diese Versäumnisse fast nachsehen will. Sein letztes Studioalbum liegt zehn Jahre zurück, und sein Comeback hat funktioniert – dreimal ausverkauftes Olympiastadion.
Am Montag spielen im Sechzehntelfinale auch die Deutschen. Die Menschen, die Bruno Mars am Montag sehen wollen, interessieren sich weniger für den verzweifelten Kampf der Nagelsmann-Elf. Und das ist wahrscheinlich gut so.
Das Konzert des Jahres? Vielleicht. Sicher aber die Show des Jahres.