Bundesvision Song Contest: Pest, Cholera oder doch ganz gut?


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Ohne Stefan Raab scheint in der Popwelt nix mehr zu gehen. Stars wie Jay-Z setzen sich in „TV Total“ auf die Couch und lassen sich im schlimmsten School English interviewen, Raabs Zöglinge fahren zum Eurovision Song Contest, nachdem sie vorher wahlweise per Fernsehshow gecastet oder mit Songs gefüttert werden und auch der von Raab ins Leben gerufene Bundesvision Song Contest erfreut sich größter Beliebtheit und bester Einschaltquoten. Das Prinzip ist dabei natürlich ähnlich: Ein Künstler tritt für ein Bundesland an, entschieden wird per Telefon-Voting in jedem Land. So wird der jeweilige Regionalstolz ebenso bedient, wie die Wünsche der Fans desweiligen Künstlers, die natürlich ihren Act als Sieger sehen woll. Überraschungen darf man dabei kaum erwarten: Im vergangenen Jahr wurden zum Beispiel Dirk Darmstaedter und Bernd Begemann Letzter und „Der Graf“ von Unheilig Erster. Das hätte man sich auch an den Plattenverkäufen ausrechnen können.

Aber es ist ja nicht alles schlecht: Immerhin verlässt man sich nicht nur auf Chartnasen und -Glatzen, sondern nutzt die große Produktion und die amtlichen Einschaltquoten auch als Sprungbrett für noch unbekanntere Namen. So trudeln in der Redaktion fast täglich Pressemails ein, die mal wieder einen Künstler anpreisen, der nach dem Sendetermin ganz sicher durchstarten wird. So was zum Beispiel:

Oder die eigentlich nicht unsympathischen, wenn auch peinlich braven Flimmerfrühstück, die schon mal einen schönen Song über das Hören von Charlie Parker-Platten geschrieben haben, aber leider für den Bundesvision Contest den Gefälligkeitsschlager „Tu’s Nicht Ohne Liebe“ parat haben:

Oder der von allerlei sogenannten Jugendsendern hochgepimpten Kraftclub, die zwar – was in der deutschen Poplandschaft nicht so oft vorkommt – textlich durchaus auch mit Ironie und amüsanter Boshaftigkeit umgehen können, musikalisch aber genauso austauschbar und ausgelutscht klingen, wie die Hipster-Bands, die sie in ihrem Beitrag besingen.

Diesen Frischlingen gegenüber stehen wie in jedem Jahr einige etablierte Künstler der deutschen Poplandschaft. In diesem Jahr sind es zum Juli, die schon lange nicht mehr die perfekte Chartwelle reiten, die „Geile Zeit“-Euphorie im Jugendzimmerschrank lassen und sich dem gepflegten Herzschmerz widmen.

Ebenso Bosse und Anna Loos, die hier musikalisch ihrer Band Silly fremdgeht und einen dieser Elternbesuche in der Provinz besingt, die ein Großteil der „Voter“, wie das ja heut so heißt, sicher kennen wird. Und Schnaps gibt’s auch im Song, was ja auch immer gut ankommt.

Auch die Newcomer von Frida Gold muss man wohl schon zu den Etablierten rechnen. Und man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass die Mischung aus Sexappeal und elektronischem Pop gut ankommen wird. Trägt Sängerin Alina Süggeler dann noch ein ähnliches Outfit wie das, das sie vor einigen Monaten beim Berliner Konzert (Foto) trug, dann hat sie zumindest das männliche Publikum im Sack.

Könnte aber ebenso sein, dass Jupiter Jones die Früchte ihrer Reise in die deutsche Emo-für-die-Massen-Lyrik ernten werden, was mit diesem Song durchaus klappen könnte:

Aber genug gestichelt und gefrotzelt. Es gibt immerhin auch Künstler, die wir gerne als Gewinner sehen würden. Die sich jahrelange den Hintern wund gespielt haben, dem Business anstelle von Frust und Karriereende ein eigenes Label entgegengestellt haben und die solch massenunkompatible Songnamen anführen, dass man ihnen Anbiederei mitnichten unterstellen kann. Und damit sind wir sozusagen bei unserem Mann für den Bundesvision Song Contest, der die Trophäe, wenn er sie denn gewinnen sollte, gerne mit zum Rolling Stone Weekender bringen darf, damit die Redaktion einen Schnaps drauf trinken darf. Die Rede ist von Thees Uhlmann. In diesem Sinne: Viel Glück, Thees!

Lesen Sie am Freitag bei uns: Den Nachbericht von Arne Willander, der sich des Phänomens Bundesvision Song Contest in seiner Kolumne „Willander Sieht Fern“ vornimmt.