Campino: Warum er sich manchmal wie ein Getränkelieferant fühlt

Ein Auszug aus der Titelgeschichte des ROLLING STONE, ab Freitag (29.5.) am Kiosk

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Auf ihrem letzten Studioalbum geben Die Toten Hosen noch einmal alles. Der ROLLING STONE hat schon viel mit den Düsseldorfern mitgemacht – und in unserer neuesten Titelgeschichte sprechen wir mit Campino über Druck und Dankbarkeit, Peinlichkeiten und Pathos, einen Abschied in Würde – und was vielleicht doch noch passieren könnte …

Ein kleiner Auszug aus dem Gespräch, in dem es über den neuen Song „Kein Blatt zwischen uns“ geht.

In „Kein Blatt zwischen uns“ bedankt ihr euch bei all den Menschen, die sich für ein besseres Zusammenleben engagieren. Im Album-Booklet steht, bei einem regulären Album wäre der Song wahrscheinlich aussortiert worden. Warum? So ein Solidaritäts-Lied passt doch gut zu euch.

Ja, es ist ein Solidaritätslied, aber es ist schwierig, dass man dabei nicht vom Pathos überrollt wird, wenn man das singt. Gleichzeitig war es uns ein Bedürfnis, das mal so auszudrücken. Mein Gott, es ist unser letztes Album, da ist egal, wenn Leute uns unterstellen, dass wir immer mit dieser Gutmensch-Attitüde um die Ecke kommen. Das ist uns diesen Preis wert, den wir sicherlich bezahlen werden.

Doch ich gebe zu, ich hätte das Thema eher vertagt, wenn es nicht unsere letzte Scheibe wäre. Bei Themen, die einen berühren oder die ans Eingemachte gehen, ist die Linie zum Pathetischen oder leicht Peinlichen ganz schnell überquert – das ist immer ein Balanceakt. Bei einem lustigen Song wie „Lass mal nicht machen“ gibt es so etwas nicht. Entweder hast du ein paar treffende Zeilen oder nicht, aber du kannst nicht abstürzen mit so einem Lied. „Kein Blatt zwischen uns“ ist aus dem gefährlichen Kasten, da musst du aufpassen.

Für alle, die hier nicht schweigen/ Haltung und Courage zeigen/ Dies ist für euch!

Dem Wutbürgertum und dem Zynismus etwas entgegenzusetzen ist aber doch grundsätzlich gut.

Es muss für alles Platz sein – auch für Wut und auch mal für eine zynische Bemerkung, das muss raus, und dann ist es auch gut. Wenn man diese Gefühle aber zu sehr in sich behält oder damit als Grundhaltung durchs Leben rennt, ist das falsch, und auf Dauer vergiftest du dich selbst damit. Das ist meine feste Überzeugung.

Auch fünf Freunde sind nicht immer einer Meinung

Gibt es bei solchen Liedern dann mehr Diskussionen mit den anderen Bandmitgliedern? Oder machst du das trotzdem mit dir selbst aus?

Das ist nicht einfach. Wenn es für die anderen ganz unerträglich wird, dann sagen sie: Das geht so nicht. Oder: Lass mal nicht machen … Aber im Prinzip vertrauen sie mir, dass etwas Vernünftiges dabei rauskommt – obwohl sie wahrscheinlich heimlich oft die Hände falten und rufen: „Oh Herr, lass ihn das nicht versemmeln!“ Wenn einer Probleme hat mit bestimmten Worten oder Zeilen, versuche ich darauf einzugehen. Das ist auch meistens lösbar. Wenn jemand Schwierigkeiten hat mit dem ganzen Thema von einem Song und es überhaupt nicht versteht, dann ist das natürlich eine größere Baustelle. So etwas kommt aber nicht oft vor. Du kannst nicht erwarten, selbst bei fünf Freunden, dass immer alle einer Meinung sind und keine Kompromisse gemacht werden müssen.

Texte-Schreiben bei den Toten Hosen ist ein bisschen so wie mit dem Getränkelieferanten: Den bemerkst du gar nicht. Nur wenn die Getränke plötzlich nicht mehr da sind, dann sind alle stinksauer und schreien: „Was soll das?!“ Aber ansonsten heißt es nur: „Jaja, okay, stell es da drüben in die Ecke, tschüs!“

Das komplette Interview mit Campino und einen Einblick in die Albumcover-Gestaltung mit Andi Meurer plus die weltexklusive Vinyl-Single „Immer nur geliebt (mit Sven Regener von Element Of Crime) / Liebeslied (Live 2025)“ – nur im ROLLING STONE. Die Juli-Ausgabe gibt es ab dem 29. Mai überall, wo es Zeitschriften gibt. Oder einfach bestellen unter musik-magazine@medienexpert.com oder hier.