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Neunte Kunst

Cartoon-Klassiker „Krazy Kat“: Ziegelstein-Romantik

Als Pablo Picasso, James Joyce und Charlie Chaplin ihre Verehrung für einen Zeitungsstrip öffentlich machten, in dem es um eine schwarze Katze geht, die in eine ziemlich wehrbereite weiße Maus namens Ignatz verliebt ist, waren Comics noch weit davon entfernt, als Neunte Kunst anerkannt zu werden. Für die meisten Menschen waren die Zeichnungen auf den hinteren Seiten der Tageblätter nicht mehr als eine freundliche Einladung, für einen Moment schnell losprusten zu können.

George Herrimans „Krazy Kat“, zum ersten Mal 1913 erschienen und bis 1944 (dem Todesjahr ihres Schöpfers) publiziert, macht es dem Leser auf den ersten Blick nicht leicht, zu erkennen, worin der geradezu revolutionäre Impuls bestand, wie hier aus einem Standard der Situationskomik (Katze liebt Maus, bekommt mit dem Ziegelstein eine übergebraten, was Hunde-Sheriff und Katzenliebhaber Offissa Pupp auf den Plan ruft) ein Panorama zur Weltdeutung werden konnte. Eine Feier der Vielfalt im Einfachen.

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Natürlich bezieht der Cartoon seine verquere Spannung, heute darf man mit Nachdruck sogar von verqueerer Dramatik sprechen, aus der Mutation der bekannten Klischees fürs große Publikum anthropomorphisierter (Haus-)Tiere. Die Kleinen tragen dank Witz und Scharfsinn den Sieg gegen die Großen davon, das offene weibliche Prinzip verdrischt kopflose männliche Logik. Dabei steht der Kater hier eben nicht fürs Feiste (Kater Karlo) oder Dummdödelige (Sylvester). Vielmehr gebärdete sich Krazy als geschlechtslose, von den Belastungen des Lebens unberührte Projektionsfigur für den „einfachen Menschen“. Einer der Stinktieren Märchen vorliest und den rabiaten Wurf von Ziegelsteinen an den Hinterkopf als Liebeserklärung missinterpretiert.

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Alles steht Kopf

„Krazy Kat“, nach Angaben des Autors aus purer Langeweile ins Leben gerufen, nutzte die gestalterischen Freiräume der erodierenden Disziplinargesellschaft. Die Wirtschaftskrise war noch weit entfernt, die Prämisse kapitalistischer Verhältnisse konnte und wollte aufgerissen werden. Als Micky Maus in den Zwanzigern auf den Plan trat, wurden noch viel größere Katzen angegriffen, Mäuse landeten nicht im Gefängnis (Ignatz muss mehrfach bluten, weil Hundeliebe nun einmal mehr wiegt als Ziegelsteinwürfe). Aber der selige Disney-Nager verwandelte sich schnell zur anämischen Gutmaus, vom neurotischen Enterich Donald Duck und seiner Barks-Sippe spätestens in den 40ern als Langweiler enttarnt.

Da gab es „Krazy Kat“ schon nicht mehr, aber das Vermächtnis schien groß: die Kinderzimmer waren voll mit „Krazy Kat“-Stofftieren, es gab Zeichentrickfilme, sogar ein eigenes Ballett. Zum großen Geniestreich wandelte sich der Strip erst mit den schließlich auch farbigen Sonntagsseiten, die ihren Weg ins hohe Feuilleton fanden und mit zahlreichen weiteren Nebenfiguren und raffinierten Variationen der Grundidee (nun tritt beispielsweise ein Hund auf den Plan, der Ziegelsteine zum Verkauf feilbietet, damit es mehr gewinnbringende Beulen gibt; die Abenteuer der Tiere finden in einer surrealistisch anmutenden Varieté-Parallelwelt namens Coconino County statt) den narrativen Quantensprung wagte, der schließlich später für hellsichtige Zeichner und Autoren wie Charles M. Schulz („Peanuts“) und Bill Watterson („Calvin And Hobbes“) zur Selbstverständlichkeit ihres Schaffens wurde.

Trotz der verblassten Liebe für ein in die Jahre gekommenes Gesamtwerk, das ein nicht mehr ganz in die Gegenwart zu übertragenes archetypisches Szenario ausrollt, schimmern die Referenzen noch. Der Verachtung des Bildungsbürgertums für die vermeintlich banalen Bildergeschichten setzte Herriman früh den Einsatz einer in jeder Hinsicht diversen, beziehungslosen Sprache entgegen, die Zuordnungen bewusst erschwerten und als intellektuelle Herausforderung bestens funktionierten. Wildgewordene Onomatopoesien, auffällige Alliterationen, Immigrantenslang, Theaterrezitationen und eine Art Kunstsprache, die Ignoranten und Proleten imitierte, durchziehen den Strip. Mit wachsendem Erfolg wurde „Krazy Kat“ immer komplexer, so dass selbstverständlich die Kritik an dem kulturelle Brüche offenlegenden Cartoon immer lauter wurde.

Der Anspielungsreichtum, der tagesaktuelle politische Themen ebenso mit einschloss wie die Abbildung der Segregation der amerikanischen Gesellschaft (inklusive deutlicher Spiegelungen der Navajo-Kultur; Herriman ließ sogar die Panels nach Teppichmustern des Indianerstamms ausrichten), stand schließlich trotz der Filterung vermittels einer abstrakten Bild- und Schriftsprache sowie einer von Vaudeville und Slapstick verstärkten Erzählhaltung für sich. Verleger-Tycoon William Randolph Hearst sorgte höchstselbst dafür, dass in jeder seiner vielen Zeitungen im Land „Krazy Kat“ zu lesen war (was allerdings nicht für die Sonntagsseiten galt!), auch wenn Werbekunden drohten und unzählige Leserbriefe zeigten, dass der Cartoon eben nicht nur überzeugte Leser an sich band.

Was bedeutet uns der Cartoon im 21. Jahrhundert – was hat er (noch) zu erzählen?

Schon allein wegen dieses kulturgeschichtlichen und medienhistorischen Ballasts ist „Krazy Kat“ – als Sammlung der kompletten Sonntagsseiten von 1935 bis 1944, in Farbe und mit umfangreichen essayistischen Anmerkungen versehen, soeben im Taschen-Verlag erschienen (632 Seiten, 150 Euro) – nicht so entspannt und unschuldig lesbar, auch im Sinne sich längst verlaufener Fährten, die heute verloren scheinen. Mehr als 1.500 Sonntagsseiten und über 8.000 Tagesstrips sind natürlich ein Pfund von einem Schatz, der erst einmal wieder gehoben werden muss. Ältere, leider längst vergriffene Carlsen-Ausgaben deckten hier einen Großteil ab.

Die trotz der Limitierung auf die Sonntagsstrips voluminöse Taschen-Ausgabe ist nun auch eine späte, keineswegs nostalgiegetrübte Erinnerung an eine hier zu einer ihren vielen Blüten gelangten literarisch-künstlerischen Ausdrucksform, die akut bedroht erscheint. Sinkende Zeitungsauflagen, schwächelnde Werbeumsätze für Verlage, gesteigertes Interesse an politischer Korrektheit und der Widerwille, sich mit naturgemäß ambivalenten satirischen Fragestellungen auseinanderzusetzen, machen es dem Zeitungsstrip, ja dem Cartoon generell, schwer, neue Leser oder Freiheiten für außergewöhnliche Erzählmodelle zu finden.

Überall mag es witzig zu gehen, natürlich vor allem im Internet, aber „Mad“ wird verschwinden, die „New York Times“ zeigt keine Karikaturen mehr und Volker Reiche darf schon seit Jahren seine genialen „Strizz“-Striche nach Spardiktat bei der F.A.Z. nicht mehr täglich machen. Da ist es auch kein Trost, dass sich Jim Davis‘ „Garfield“, dieser andere große naive Kater des Genres, immer noch eines großen Publikums und unbescholtener Produktion erfreuen kann. Denn sein Erfolgskonzept ist die Verherrlichung der Einfältigkeit.

Krazy Kat
George Herriman. Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935–1944
Alexander Braun
TASCHEN
632 Seiten, Leinen gebunden
150 Euro

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