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Neunte Kunst

Comic-Wunder „Am liebsten mag ich Monster“: Einmal Hölle und zurück

Wie bei allen anderen Künsten auch gibt es in der Welt der Comics nur alle paar Jahre ein Werk, das andere ganz und gar überstrahlt und zu der bass erstaunten Frage führt: Wie hat das der/die AutorIn nur gemacht? „Am liebsten mag ich Monster“, das Debüt der 57-jährigen Zeichnerin Emil Ferris, ist solch ein geheimnisvoller Monolith – auf jeder einzelnen Seite ein Ereignis, von dem man sich nicht so schnell erholt.

Als die Graphic Novel 2017 in den USA erschien (nach einer gruseligen Verzögerung: Die gedruckten Bände versandeten im Panamakanal, weil die chinesische Druckerei Pleite ging), sorgte es in der gut vernetzten Comicszene für einige Aufregung. Kaum einer kannte die Schöpferin dieser eigenwilligen, graphisch höchst anspruchsvollen Genremutation, die alles auf einmal sein will: Coming-Of-Age- und sexuelle Erweckungsgeschichte, queere Biographie, B-Movie-Parodie, Familiendrama, Detektivroman, Schauerromantik, Kunstpastiche, psychoanalytische Fabel, feministische littérature engagée, Tagebuch, freigeistiges Notiz- und Zeichensammelsurium, historischer Abriss, subtile Amerikakunde, Holocaust-Albtraum.

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Klingt mutig? Ist es auch – und der ganz große Wurf einer Künstlerin, die ein halbes Leben lang im Schatten arbeitete, als Illustratorin und Spielzeugdesignerin für McDonalds. „Am liebsten mag ich Monster“ erzählt auf über 400 Seiten von der zehnjährigen Karen Reyes, die im Chicago der 60er-Jahre groß wird und sich gleich auf den ersten Seiten in einen Werwolf verwandelt. Natürlich ist sofort klar, dass dieses altkluge, neugierige Kind alles andere als eine zuverlässige Erzählerin ist. Sie bekommt mit, wie ihre reichlich seltsame Nachbarin Anka tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird. Eine Person, vor der sie ihre krebskranke Mutter immer gewarnt hat – und die auf ihren geliebten Bruder Deeze, ein sensibler Frauenheld und hingebungsvoller Künstler, der Karens  Talent zur Phantasterei fördert, eine beunruhigende Anziehung ausübt.

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Von der Hölle in der Nonnenschule zur Hölle im KZ

Anka hat sich, so viel ist schnell entdeckt, nicht wie zunächst behauptet das Leben genommen und Deeze scheint in das Drama, das den Rahmen für diese in Worten schwer zusammenzufassende Handlung bildet, schicksalhaft verwickelt. Eine Story, die mit geschickt montierten, symbolhaften Bilderserien immer wieder aus jedem gerade erst etablierten Schema ausbricht und derart anspielungsreich ihre Einflüsse von EC Comics, „Tales Of The Crypt“, „Black Hole“ und „Fun Home“ bis hin zu Francisco de Goya und Hieronymus Bosch sichtbar macht, dass einem ganz schwindlig werden kann.

Während Karen sich auf die Suche nach Anhaltspunkten macht, wie die vom diabolisch anmutenden Vermieter des Hauses argwöhnisch beäugte Anka zu Tode gekommen ist, taucht sie tief in deren Biographie ein und lernt eine jüdische Frau kennen, die ein wahrhaft monströses Leben geführt haben muss, das sie von Bordellen im von den Nazis gebrochenen Berlin der frühen 30er bis hin ins Konzentrationslager und zurück führte. Karen erhält dabei Hilfe von einer Freundin, für die sie zarte Gefühle entwickelt hat, und muss sich zahlreicher abgrundtief böser Männer erwehren, die nichts lieber täten, als ihr zu Leibe zu rücken.

Das erstaunliche an dieser unerschöpflichen Ideensammlung, die ganz konkret wie ein Pennäler-Notizbuch daherkommt, in das Kritzeleien verewigt wurden, ist die Schönheit der Erkenntnisse, welche die Protagonistin ihrer rauen Umwelt abtrotzt. Sie steht im flirrenden Gegensatz zu der bewusst realistischen Darstellung des Hässlichen. Es verbirgt sich dahinter nicht das Schlechte und Unwahre, sondern es dient als abstoßendes, aber darum umso geschützteres Versteck für alles Andersartige.

Natürlich sind Karens Gedankengänge kaum mit den Reflexionen einer echten Zehnjährigen zu vergleichen, zu intellektuell und unbequem erscheinen sie. Doch diese forsche Dehnung der psychologischen Realität sollte niemanden abschrecken, sich in diese blutunterlaufende, düster-magische Biographie zu vertiefen. Sie beschenkt die konzentrierten LeserInnen mit unerwarteten Wendungen. Sie betört mit protzigen, ja verschwenderisch einfallsreich gestalteten Panels, aus denen die Schrift mal hinausläuft, mal kraftvoll hineingepumpt wird, um die Geschichte voranzubringen. Gefühlszustände gibt Ferris kräftig Raum zu atmen: Die zaghaft amouröse Begegnung der Mädchen wird zur symbolischen Umarmung zwischen Wolf und Vampirin, der Besuch im Museum wird zum Close Reading großer Kunstwerke mit einfallsreichen (persönlichen) Interpretationen. Also auch eine Fluchtgeschichte, in der Kunst und Liebe wahrlich noch Leben rettet.

Ein monströser Comic über Monster (und solche, die es werden wollen)

Natürlich gerät hier auch vieles einmal ins Stocken. Das letzte Viertel des Comic-Romans, der aus zwei Bänden besteht (der zweite ist in Deutschland noch nicht erschienen), kann nicht ganz mithalten mit der Geschwindigkeit und Tiefe des Vorangegangenen. Ohnehin schwankt die Darstellung zwischen visionärer visueller Erzählhaltung und postmoderner Offenlegung der eigenen kreativen Mittel.

Geschenkt, denn Emil Ferris graphischer Trip in eine bisher noch nie gesehene, referenzgesättigte Unterwelt ist in erster Linie der mutige Versuch, als Comic selbst wie ein Monstrum zu erscheinen. Dazu gehören auch fiktive Abbildungen von Horror-Comic-Covern als Einleitung für jedes Kapitel und zahlreiche Anspielungen auf das Gruselgenre. Es mag Boris Karloff, Edgar Allan Poe und Bernie Wrightson neue Fans bescheren. Zugleich wird der Horrorkosmos einmal mehr als schwarzer Spiegel für unterdrückte Gefühle in Augenschein genommen.

Natürlich hält „Am liebsten mag ich Monster“ deshalb auch eine melancholische Botschaft bereit: „Wir sind die Monster. Ja, ich glaube, dass wir das sind und ich bin nicht unglücklich darüber, dass mir dieser Fakt bewusst ist.“ (Emil Ferris)

So erscheint die kleine Karen, die sich so sehr herbeiwünscht, für immer ein Monster zu sein und deren Fantasiewelt mitunter einmal zu oft auf die triste Alltagsrealität aufprallt, schlussendlich wie ein selbstbewusstes Licht in einer sich grausig wandelnden Welt. Eine moderne Pipi Langstrumpf mit Fell und fletschenden Zähnen.

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Panini
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Der österreichische „Titanic“-Zeichner und Cartoonist Nicolas Mahler ist in erster Linie bekannt für seine brillanten Comic-Fassungen großer literarischer Klassiker. Kein anderer hätte sich wohl an „Der Mann ohne Eigenschaften“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gewagt, ohne Schelte vom Feuilleton fürchten zu müssen. Dabei hilft ihm sein absurder, umstandsloser Stil, der zunächst naiv anmuten mag - aber erst durch seine radikale (manche nennen sie kafkaeske) Vereinfachung dazu einlädt, vermeintliche Gewissheiten in einem neuen Licht zu sehen. Eine der Leidenschaften Mahlers ist es aber nach wie vor, pointierte Cartoons zu kleineren und größeren Alltagsthemen zu zeichnen. Neben Anekdoten übers…
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