Checker Tobi im ROLLING-STONE-Interview: „Der Boden ist ein echtes Wunderwerk“
„Der Boden ist ein echtes Wunderwerk“: Checker Tobi über Abenteuer, Kinderfilme, Umweltbildung und ökologische Verantwortung.
Tobi Krell alias Checker Tobi ist der wohl populärste Dokumentar- und Wissenschaftsfilmemacher des Landes – und seine Zielgruppe sind überwiegend Kinder. Der Moderator und Namensgeber von „Checker Tobi“, das seit 2013 wöchentlich im KiKA und im Ersten ausgestrahlt wird, geht in seiner Sendung verschiedenen Fragen nach („Wie kommt der Strom in die Steckdose?“, „Was ist Krebs?“). In seinem dritten Kinofilm „Checker Tobi 3: Die Heimliche Herrscherin der Erde“ (ab 8. Januar 2026 im Kino) bereist der 39-Jährige die Welt mit der Frage: „Wer hinterlässt die mächtigsten Spuren im Erdreich?“
Wie bist du auf die Frage gekommen: „Wer hinterlässt die mächtigsten Spuren im Erdreich?“
Zunächst einmal planten wir, etwas zum Thema Boden zu machen. Dann haben wir uns sehr früh schon überlegt, dass es cool wäre, wenn der achtjährige Tobi in diesem Film auftaucht – dass ich als Kind mit mir selbst in Interaktion treten sollte. Ein halbes Jahr lang haben wir an diesem Drehbuch geschrieben, uns immer wieder im Writers’ Room getroffen. Und diese Frage hatte x verschiedene Varianten. Für uns ergab es Sinn, nach etwas zu suchen, das viele verschiedene Antwortmöglichkeiten zulässt, aber am Ende auch auf unsere Idee von dem Twist einzahlt, den wir am Schluss bringen wollten. Also: Die Frage, die am Anfang steht – die wussten wir eigentlich erst ganz am Ende.
„Die Frage wussten wir eigentlich erst ganz am Ende“
Macht ihr dann auch mal so etwas wie einen Test, dass ihr die Frage jemandem aus dem Team stellt oder im Privaten? Ob es vielleicht zu einfach ist, darauf zu kommen? Weil: Wir haben auch überlegt – wir sind nicht draufgekommen.
Ja, wir haben ganz viel getestet. Die ersten Testleute waren unsere Produzenten. Wir haben das im Writers’ Room geschrieben, und dann kamen immer am Ende von so einem drei- bis viertägigen Entwicklungsblock die beiden Produzenten des Films hinzu. Da haben wir viel herumgetestet. Und bei der Frage, als wir die dann mal hatten, bin ich auch in den Wochen danach – immer, wenn ich irgendwo Kinder getroffen habe – einfach hingegangen und habe gefragt. Und da habe ich gemerkt, dass diese Frage gut funktioniert, weil die unterschiedlichsten Antwortmöglichkeiten kamen. Also von Regenwurm über Dinosaurier bis hin zum Menschen – alles kam irgendwann mal vor.
Ihr könnt ja mal sagen, was eure Antwort wäre, wenn ihr nur die Frage hören würdet: Wer hinterlässt die mächtigsten Spuren im Erdreich? Was wäre eure Antwort?
Also ich hatte am Anfang gedacht: die Menschen. Weil ich die ganze Zeit an U-Bahn-Stationen dachte.
Cool, gute Idee.
Abenteuerlust zwischen Indiana Jones und Monkey Island
Du hast früher Indiana-Jones-Videospiele gespielt. Hat dich das beeinflusst in deiner Idee als Filmemacher, exotische Orte zu besuchen?
Ja. Ich habe als Kind schon Indiana-Jones-Filme geguckt – und wahrscheinlich war ich eigentlich ein bisschen zu jung dafür –, aber ich fand die fantastisch. Ich habe, glaube ich, nicht alles verstanden, aber ich fand das richtig cool: aufregende, abenteuerliche, spannende Filme.
Und ich bin ja in der Zeit geboren – also als ich ein Kind war, als ich so acht war –, da kamen Computerspiele überhaupt erst so langsam auf. Und es gab eine Spielereihe, die hieß Monkey Island. Die war der Hammer. Da war ich so sechs, sieben.
Und dann kam von der gleichen Firma, die auch Monkey Island gemacht hat, mein absolutes Lieblingsspiel: Indiana Jones and the Fate of Atlantis. Das war ein Computerspiel, das ich in den 90er-Jahren gespielt habe und geliebt habe.
Man sagt über Fate of Atlantis, das sei besser als so manche Indiana-Jones-Filme
Da ist wohl was dran.
Kinder oder Erwachsene – wen muss man erreichen?
Wenn es darum geht, ökologisches Bewusstsein zu fördern: Differenzierst du, ob es wichtiger ist, Kinder zu erreichen oder Erwachsene?
Also ich würde sagen, Best Case wäre beides. Und ich würde auch sagen, beide Zielgruppen sind gleichermaßen wichtig – aus verschiedensten Gründen. Kinder natürlich sind noch viel länger auf dieser Welt, haben noch viel länger mit der Klimakrise, mit ökologischen Fragen und mit Artensterben und so weiter zu tun und werden mutmaßlich Dinge erleben, die wir als erwachsene Menschen nicht mehr erleben werden.
Wenn man sich wissenschaftliche Berichte durchliest, wie das Jahr 2100 aussehen könnte – das erleben Kinder, die jetzt geboren werden, ja noch. Und dann weiß man, dass das ein Thema ist, das sie ungleich mehr betreffen wird als uns. Deswegen ist es natürlich wichtig, dass Kinder sich mit dem Thema sehr gut auskennen. Aber – und das finde ich ein großes Problem an unserer Gesellschaft insgesamt – Kinder haben eben noch nicht so richtig eine Lobby und auch keine große Stimme, die von der Politik gehört wird.
Verantwortung, Politik und Vorbilder
Aber die großen Hebel, die haben Verantwortliche – zum Beispiel in der Politik. Und deswegen ist es eben wichtig, dass auch Erwachsene sich wieder mehr – muss man ja sagen, das war vor sechs Jahren schon mal anders, dann gab es so einen Backlash – sich wieder mehr mit dem Thema auseinandersetzen.
Und wenn der Weg ist, dass Kinder feststellen: „Das ist ein wichtiges Thema“, und dann mit ihren Eltern darüber reden, dann bin ich damit total einverstanden.

Kanalisation, Ratten und Olivenöl
Was war das Verrückteste, was du je als Checker gemacht hast?
Ich habe ja schon eine Menge verrücktes Zeug gemacht. Also ich habe jede Art von Insekt irgendwann mal gegessen, bin aus dem Flugzeug gesprungen, bin Bungee gesprungen – viel Zeug. Die verrückteste Sache … also eine Sache, an die man auch nicht so denkt: Es gab mal einen Moment vor vielen Jahren – das ist sicher zehn Jahre her –, da haben wir den Ungeziefer-Check gedreht.
Wir waren in einer Kanalisation in Augsburg. Und dort wollten wir unbedingt auch eine Kanalratte finden. Aber es gab dort keine Kanalratte. Zum Glück hatten wir aber einen Tierarzt dabei. Und der hat gesagt: „Dann machen wir das jetzt einfach so: Da oben gibt es ein Geschäft, da holen wir uns jetzt einfach eine Ratte, setzen die hier hin und sammeln die danach wieder ein. Das macht gar nichts.“
Dann hatten wir eine Ratte in die Kanalisation gebracht. Aber die war noch nicht kanalrattig genug. Und dann kam irgendwann noch die Idee auf, dass man die doch vielleicht hier und da noch mit ein bisschen Pflanzenöl einreiben könnte, damit sie ein bisschen fettiger aussieht.
Und der Tierarzt sagte: „Das passt schon, das ist alles okay, wir waschen die nachher.“
Dann haben wir uns irgendwann einfach in einer Augsburger Kanalisation wiedergefunden und eine mitgebrachte Ratte mit Olivenöl eingerieben.
Redaktionelle Recherche und echte Expertise
Wenn es um die Konzeption der Sendung geht: Wie erarbeitest du mit der Redaktion zum einen, wie du im Ausland Leute triffst, die Deutsch sprechen – wie jetzt im Film – und wie sucht ihr genau die Experten aus, die das wissenschaftlich untermauern, was ihr da untersucht?
Das sind beides ganz klassische Recherchearbeiten, würde ich sagen. Also im Fall der Kinofilme ist es so, dass Antonia Simm, die Regisseurin des Films, natürlich Teil des Writers’ Rooms ist und sich die Filmhandlung gemeinsam mit uns überlegt. Zusammen mit ihrer Regieassistentin – und die beiden sind keine klassischen Filmregisseurinnen, sondern Journalistinnen, die viele Checker-Folgen gemacht haben und aus dem redaktionellen Arbeiten kommen – recherchieren sie dann auch das Dokumentarische.
Die beiden wussten zum Beispiel: Wir brauchen eine deutschsprachige Madagassin, die sich im besten Fall mit der Biologie dort vor Ort auskennt. Und dann beginnt eine Recherche: über Institute, über Forschungsprojekte – vielleicht gibt es ein deutsches Forschungsprojekt in Madagaskar –, dann lernt man da jemanden kennen, und so haben sie diese Person gefunden.
Bei den Filmen ist das Tolle, dass wir die Expertinnen und Experten viele Wochen oder sogar Monate treffen, bevor wir drehen. Und dadurch, dass sie eine viel tiefere Kenntnis von den Orten haben als wir, kommt ganz viel von dem, was später im Film landet – und was so aussieht, als hätten wir es uns ausgedacht – tatsächlich von ihnen.

Das finde ich eigentlich den schönsten Prozess: dass dann zum Beispiel Malte, der Geologe aus Spitzbergen, der dort seit 20 Jahren lebt, sagt: „Aber ihr müsst doch ins Bergwerk. Permafrostboden – wo kann man denn mehr darüber erfahren?“ Und plötzlich haben wir dieses ganze Bergwerk-Abenteuer mit dabei und kommen auf diese Art und Weise zu den Fossilien, was vorher gar nicht so geplant war.
Orte, die unter die Haut gehen
Welcher Ort im Film hat dich am meisten beeindruckt?
Wahrscheinlich das Bergwerk in Spitzbergen. Also da unter Tage zu sein und zu wissen: Über mir sind jetzt 400 Meter Felsgestein, und ich bin hier irgendwo mittendrin. Man konnte nicht stehen, man musste sich bücken. Wir sind ja auch mit diesem Liegendwagen da reingefahren.
Und dann diese Maschinen zu sehen, die wie so Science-Fiction-Insekten aussehen, die da irgendwo herumfahren und die Kohle rausnehmen – das war überwältigend.
Was sind Abenteuer, die du dort erlebst, die richtig anstrengend sind? Wo du denkst: Oh Gott, jetzt mit dem Jeep irgendwie den Berg hoch … was sind so die typischen Herausforderungen in diesen exotischen Locations?
Hitze und Kälte und Vegetation, würde ich sagen. Ich habe jetzt echt für diese drei Filme schon viel in Urwäldern und Dschungeln gedreht. Und es ist einfach immer heiß, es gibt Mücken, es gibt Insekten. Ich bin nicht so ein Fan von großen Krabbeltieren und so weiter.
Und ich bin auch eine Frostbeule. Deswegen ist so etwas wie Spitzbergen für mich extra anstrengend. Ich kann dann irgendwann nicht mehr sprechen, dann friert mein Kiefer ein, und dann rede ich nur noch so … das ist ein bisschen ungünstig.
Hitze, Kälte und körperliche Grenzen
Was aber diesmal wirklich eine krasse Herausforderung war, war Madagaskar. Das Land ist eines der allerärmsten Länder der Welt. Es gibt fast keine Infrastruktur, und man kann das nicht vergleichen mit Ländern wie Brasilien, Mexiko oder auch der Mongolei. Madagaskar ist sehr viel strukturschwächer. Und wir mussten einmal, um von einem Drehort zum anderen zu kommen, drei Tage lang mit Jeeps über Buckelpisten fahren – in der Hitze.
Uns war allen schlecht. Wir waren nach diesen drei Tagen völlig durch, weil wir einfach zwölf Stunden pro Tag gefahren sind, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das war wirklich absolut anstrengend.
Gab es dort eine wichtige Information für dich, die du vorher nicht wusstest?
Das Thema des Films – der Boden oder die Erde – das ist wahrscheinlich von allen Elementen das, womit ich mich vorher am wenigsten auskannte oder worüber ich mir vorher am wenigsten Gedanken gemacht habe. Ich dachte immer so: Ja gut, da kann man ein bisschen Landwirtschaft mitmachen und so weiter.
Aber jetzt im Laufe dieses Films – und auch schon vorher bei der Recherche – festzustellen, was für ein Wunderwerk der Boden ist: Dass dort unsere Lebensmittel wachsen. Wie wir mit ihm umgehen müssen. Dass Archäologen darin forschen. Dass der Permafrostboden unser gesamtes Weltklima zusammenhält. Und dass er gleichzeitig wie ein Tresorkühlschrank für Samen funktioniert. All diese Dinge wusste ich vorher nicht.
Warum Dokumentarfilme für Kinder selten sind
Die Förderung von Film- oder Fernsehprojekten für Kinder – gerade mit Auslandsreisen, Weltreisen – das gibt nicht mehr oft. Wie schwierig ist es, so etwas finanziert oder gefördert zu bekommen, also Umweltaufträge fürs Fernsehen?
Wir sind natürlich in einer Nische. Auf der einen Seite sind wir mit dem Checker-Universum eine starke Marke im Kindersegment. Deswegen bekommen wir Fördersummen, um unsere Filme zu machen. Deshalb unterstützt uns die ARD auch mit viel Geld für so einen Kinofilm. Gleichzeitig machen wir aber trotzdem einen Dokumentarfilm fürs Kino. Und diese Kombination ist – zumindest in Deutschland – ziemlich einmalig.

Andere Kinofilme wie Die drei Fragezeichen oder Die Schule der magischen Tiere kosten viele Millionen Euro. Die bekommen dieses Geld, spielen es auch wieder ein und so weiter Aber einen Dokumentarfilm, der Kindern auf der großen Leinwand das echte Leben zeigt – das ist eine sehr enge Nische.
Ich weiß nicht, ob du den gesehen hast: Vor ein paar Monaten kam der Film Zirkuskind ins Kino. Das ist ein Dokumentarfilm für Kinder und die ganze Familie, in dem ein Kind aus einer Zirkusfamilie begleitet wird. Man sieht, wie es ist, mit einem Zirkus aufzuwachsen, ständig unterwegs zu sein und so weiter. Ein wunderschöner Film. Aber den zu machen – Freunde von mir haben den gemacht – war ein ziemlicher Act. Dafür Geld zu bekommen, ist extrem schwierig. Der Film wurde gefördert von der Initiative Der besondere Kinderfilm. Die gibt es seit sicher 13 Jahren. Und Zirkuskind war der erste Dokumentarfilm in diesen 13 Jahren, der diesen Titel bekommen hat.
Abschließende Gedanken
Was war deine Lieblings-Checker-Tobi-Folge?
Also die Folge, die mir mit Abstand am wichtigsten ist, ist der „Krebs-Check“. Der ist noch nicht so alt, vielleicht ein oder zwei Jahre. Wir haben versucht, das so zu erklären, dass Kinder es verstehen und dass Familien, in denen es vielleicht auch eine Krebserkrankung gibt, die Sendung zusammen schauen können und dann eine Möglichkeit haben, noch einmal anders darüber zu reden. Das ist auch keine Folge, in der Lustiges passiert. Ich treffe zum Beispiel ein Mädchen, das Krebs hatte und gerade in der Chemotherapie war.
Hatte eine bestimmte Folge Einfluss auf dein Leben?
Ich mache Checker Tobi ja schon seit 2013, also seit fast 13 Jahren. Und eine meiner ersten Folgen, die ich gedreht habe, war der „Leben-und-Sterben-Check“, also die Sendung zum Thema Tod. Ich habe damals mit einem Mann gedreht, der im Hospiz war. Der wusste, dass er sterben würde, weil er sehr krank war. Mit ihm zu sprechen und Zeit zu verbringen – ich war damals 26 Jahre alt oder so – war meine erste echte Begegnung mit dem Tod überhaupt. Ich habe mich danach viel mehr getraut, über das Thema zu sprechen.
Die Fragen stellte Ted Niasseri.