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Comic-Legende Robert Crumb wird 70

Der folgende Text von Frank Schäfer stammt aus der August-Ausgabe 2013:

Geiler Meister auf LSD

Es gibt eine schöne Zeichnung in Robert Crumbs „Sketchbooks“, die zeigt ihn in San Francisco an einer berüchtigten Kreuzung vor einer Schar „beautiful people“. Richard Brautigan, mit obligatorischem Seehundschnauz und Federhut gut zu erkennen, ist unter ihnen. Jerry Garcia sagt das, was man von ihm erwartet. „Acid, Speed, LSD …“ Ein durchgeknalltes Blumenmädchen, nur mit Sterntaler-Hemd bekleidet, das in die lokalen Freak-Annalen als die „Lebkuchenprinzessin“ eingegangen ist, starrt ihn verständnislos an. Und ihr schon etwas Dope-gebeugter Begleiter spricht die Worte, die ihr nicht über die Lippen kommen wollen. „Ein Comic?? Hm!“ Im Vordergrund nämlich steht der alles andere als hippieske Künstler, wie immer hochwasserhosig, im verschossenen Sakko, neben ihm seine vollschwangere Frau, und aus einem Kinderwagen heraus verkauft er die erste Nummer der „Zap Comix“. Die Überschrift changiert hübsch ironisch: „Haight-Ashbury, Frühjahr ’68 … und so wurde eine Legende geboren…“

Die Legende von Robert Crumb lehrt uns, was aus einem neurotischen Postkartenmaler eben auch werden kann. Wenn er nur die richtigen Drogen nimmt. Mit seinem ers­ten LSD-Trip 1965 „begannen für Mr. Bob Crumb die 60er-Jahre“, schreibt er selbst in einer seiner autobiografischen Reminiszenzen. Er verlässt bald darauf Cleveland und folgt dem Hippie-Trail nach Westen, vorerst nur, um etwas „freie Liebe“ abzustauben. Schließlich, um als großer Erneuerer des Comics dem Säuresumpf zu entsteigen.

Crumb ging nie ganz auf in der psychedelischen Szene. Habituell ein Konservativer, ein „nineteenth century guy“, wie er sich in Interviews gern bezeichnet, konnte er mit der Musik wenig anfangen, teilte auch nicht die naive Unbeschwertheit der Hippies. „Hoffentlich gehöre ich zur Lösung und nicht zum Problem!“, sinniert sein Alter Ego einmal in Erwartung der baldigen Revolution. Trotzdem ließ er sich mitreißen von Idealismus und Libertinage. Auch wenn er späterhin meistens ironisch, mitunter polemisch über Flower Power und seine Helden urteilte – ohne Haight-Ashbury, das musste er sich auch eingestehen, wäre die Legende vermutlich nicht geboren worden.

Hier gab es reichlich Anschauungsmaterial für seine Freak-Geschichten, ein adäquates Publikum, die Counterculture-Leserschaft, die auf eine solche aberwitzige Selbstbespiegelung nur gewartet zu haben schien. Und immer genügend wohltätige Chemie als Treibstoff. Seine berühmten Protagonisten sind ohne Ausnahme auf LSD entstanden: der geschäftstüchtige, durchtriebene Guru Mr. Natural, der archetypische WASP Whiteman, der geile Gnom Mr. Snoid, Bill the Pill, Cheesis K. Reist und natürlich vor allen anderen Fritz the Cat, der großmäulige, allzeit rollige Kater, den Crumb jahrelang durch kürzere und längere Strips jagt, stets auf der Suche nach der immer nächsten Nummer, bis ihn der kommerzielle Erfolg dieser Serie anödet, noch mehr die zwei Zeichentrickfilme, und er ihn eines sehr unnatürlichen Todes sterben lässt. Durch den Eispickel des Straußenweibchens Steffi.

„Zap Comix“ waren Crumbs erster dicker Eintrag in die Geschichtsbücher des Genres. Nicht wegen seiner formalen Innovationen. Sein Strich ist altmeisterlich, geradezu anachronistisch und steht in der Tradition früher Klassiker wie Sidney Smiths „The Gumps“ oder Elzie Segars „Popeye“. Neu waren hingegen die Themen und nicht zuletzt der Ton. Das „x“ stand für „x-rated“. Crumb schuf dezidierte Erwachsenencomics, in denen Sex, Gewalt und massiver Drogengebrauch explizit zur Darstellung kamen. Und zwar in einer Sprache, die gespickt war mit obszönen Sprüchen, politischen Slogans und Songzitaten. Crumb brach hier offensiv mit der Zensur der Comic Code Authority, zu der sich die großen Verlage Mitte der 50er-Jahre zusammengeschlossen hatten, und kam damit durch. Er war der erste auch kommerziell erfolgreiche Underground-Zeichner.

Man hofierte ihn. Er zeichnete Plakate, ausgewählte Plattencover (für Janis Joplin sogar zweimal, aber nicht für die Stones, weil er deren Musik nicht mochte), illustrierte Magazine und Bücher. Und wie immer, wenn einer vermeintlich eine ganze Szene repräsentiert, geht seine Arbeit ins kollektive Gedächtnis ein. Im „Cheap Thrills“-Cover für Joplins Big Brother­ And The Holding Company oder im „Keep on truckin’“-Strip schien sich der Zeitgeist grafisch zu manifestieren. „Ein Fluch“ für Crumb. Einerseits. Andererseits bekam er als Star und „Sprachrohr“ des Undergrounds jetzt endlich die Mädchen, die um diesen schwächlichen, unattraktiven, komplexbeladenen Perversling all die Jahre zuvor einen großen Bogen gemacht hatten.

Dann begannen die 70er-Jahre. Das Wassermannzeitalter ging dem Ende zu. Auch Crumb laborierte an diesem kulturellen Transforma­tionsprozess. „Etwa ein Jahr lang hatte ich so ein schwindliges Gefühl, als fiele die Erde selbst durch den Weltraum! Sie war ein Höchstgeschwindigkeitsaufzug, und der fuhr abwärts, abwärts, abwärts …“ Aber anders als vielen exemplarischen Künstlern jener Jahre gelang es ihm, sein Werk weiterzuentwickeln. Er ließ ab von den Drogen, heiratete Aline Kominsky, die Künstlerkollegin und toughe­, vital-dralle Muse, kam zur Ruhe und feilte an seinem Stil. In dieser Zeit erfand er seine aufwendige, an die satirischen Kupfersti­che von Honoré Daumier oder gar William Hogarth erinnernde Schraffurtechnik, die er bald zur Perfektion führte und die man in vollem Umfang erst in seinen „Sketchbooks“ zu würdigen versteht. Der Titel ist reine Koketterie, sie sind längst sein zentrales Werk.

Auch inhaltlich veränderte sich seine Arbeit. Crumb erzählte nunmehr konsequent aus der Ich-Perspektive und funktionierte den Comic um zu einem Instrument der Selbstanalyse und  -therapie. Auch das war neu in der Genre-Geschichte. Er wrang tatsächlich seine Seele aus und brachte die dabei zutage tretenden Zwangsvorstellungen, Ängste, Verirrungen und sexuellen Obsessionen ohne Rücksicht auf sich, seine Familie und die gängige Moral zu Papier. Nicht zuletzt seine lebenslange Leidenschaft für „steatopygische“ Frauen, also jene Crumb-typischen Dragoner mit dicken Ärschen und Beinen, die offenbar von jeher seine Fantasien bevölkerten. Am Ende sind sie sogar mitverantwortlich für seine geniale Technik: In jungen Jahren hat er sich tagtäglich seine eigenen Masturbationsvorlagen gezeichnet. Das übt!

Im zweiten Band der gerade bei Reprodukt begonnenen Neuausgabe seiner gesammelten Werke, „Mein Ärger mit den Frauen“, bekommt man einen schönen Einblick in dieses zerebrale Hinterstübchen. Die immer wieder geäußerten Misogynie-Vorwürfe sind nicht unberechtigt, allerding erniedrigt er mit derselben Gnadenlosigkeit, mit der er mitunter über Frauen herzieht, auch seine eigene Person. Und er weiß auch genau, wie er zu dem „unredlichen Troll“ werden konnte. Als physisch „minderwertiger Typ“ hat er von den Frauen vor allem Zurückweisung erfahren, jetzt übt er Rache und zieht „seine Freuden aus dem Schänden des Vollkommenen, dem Besudeln des schönen Musterexemplars … Das ist eine Wonne, von der ich seit Jahren fantasiere, und Jahre brauchte ich, bis ich es wirklich tat!“

Als er sich irgendwann zu wiederholen glaubte, auch seine Egonummer zur Masche zu verkommen schien, erweiterte er noch einmal seine Repertoire und porträtierte seelenverwandte Künstler, die geliebten Blues-, Blue­grass- und Jazz-Legenden, aber auch Literaten wie P. K. Dick oder Kafka, dem er (zusammen mit David Zane Mairowitz) eine ebenfalls gerade bei Reprodukt wiederaufgelegte gediegene Comic-Einführung widmete. Hinzu kamen Arbeiten mit seiner Frau Aline, dem befreundeten Kultszenaristen Harvey Pekar und Charles Bukowski. Schließlich hat er sich auch Klassiker anverwandelt, die ihm gemäß waren, die ziemlich drastischen Tagebücher von James Boswell etwa, Sartres „Ekel“, Bückware wie „Mein geheimes Leben“ von Walter oder ausgewählt degoutante Fallstudien aus Krafft-Ebings „Psychopathia Sexualis“ (gesammelt in „Nausea“, dem ersten Band der Reprodukt-Ausgabe). Vor  ein paar Jahren hat er sogar aus der „Genesis“ einen Comic gemacht. Aber das alles ist nur der halbe Crumb. Er mag ein genialer Illustrator sein, aber seine volle Durchschlagskraft entwickelt seine Kunst erst, wenn der eloquente, witzige, lebenskluge, grandios über die Stränge schlagende Erzähler mit von der Partie ist.   


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