70 Jahre Stephen King: Vom Sozialfall zum Star-Autoren

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70 Jahre Stephen King: Vom Sozialfall zum Star-Autoren

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Am Donnerstag (21. September) wird Stephen King 70 Jahre alt. Wir rekapitulieren den Aufstieg des „Schundschriftstellers“ zum Horror-König

70 Jahre Stephen King

Ein Wäsche -, Bügel- und Faltautomat ist eigentlich eine feine Sache. Wir füllen ihn mit schmutzigen Sachen, und mit unseren frisch gereinigten, knitterfreien Anzügen laufen wir hinterher rum wie die Könige.

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Wer an so einem Automaten arbeiten muss, sieht ihn in einem anderen Licht. Am Arbeitsplatz – zumindest an dem, der hier eine Rolle spielt – hängt Chemikaliengeruch in der Luft, es stinkt die ganze Zeit. Man steht krumm, die Bewegungsabläufe an den Maschinen sind monoton, und immer muss man aufpassen, nicht die Hände in die Bügelpresse zu bekommen, sonst kann es passieren, dass die Finger … keiner macht diesen Job freiwillig.

Stephen King kann uns von der Tätigkeit an den Wäschemanglern berichten. Falls Sie im US-Bundesstaat Maine leben und etwas älter sind, könnte es sogar sein, dass Sie einen Anzug im Schrank haben, den King einst selbst gereinigt hat. Ende der 1960er-Jahre musste der Mann in einer Wäschefabrik Geld verdienen. Anzüge reinigen war da noch das geringste Übel.

1986

King war in seiner Abteilung der Schmutzwäsche-Sammler. Der Job war natürlich unerträglich, er musste wirklich alles reinholen, von der Mehrzweckwindel bis zur Partytischdecke samt Erbrochenem. Bevor das Zeug in die Wäscherei kam, kratzte King noch Maden von eingesickerten Essensresten weg. Wer dieser Arbeit eine gewisse Zeit nachgeht, der entwickelt ein ganz neues Verhältnis zu den Flüssigkeiten in gelb, rot, grün oder braun, also all den Flüssigkeiten, die ein Mensch auf Laken hinterlassen kann.

Während eines Waschgangs hörte King in der Maschine bei jeder Umdrehung ein Klackern. Er öffnete das Ding und sah: In die Wäschelieferung hatte sich ein menschliches Gebiss verirrt.

„Mentale Masturbation“

Bei so einer Tätigkeit geht die Fantasie von selbst auf Reisen. Nach seinen Schichten setzte King sich hin und schrieb die Story „Der Wäschemangler“ alles auf deutsch. Er war wütend und erschöpft, aber er verfasste keine Abrechnung mit den Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor, eher eine Groteske. So lasen das auch Familie und Freunde, die über Kings Job Bescheid wussten. Er war der Autor, der für sie das Elend durchmachte.

Mochten die Verwandten seine Storys? Viele von ihnen nicht. Sie bezeichneten Kings schriftstellerische Versuche als „mentale Masturbation“. Das verriet er 2003 in einer Dankesrede – als er den amerikanischen National Book Award entgegen nahm.

Wem der Autor King damals – und wer kannte ihn Ende der Sechzigerjahre schon? – ein Unbekannter war, der hatte tatsächlich Angst vor einer Maschine, die sich eigentlich unter wirklich keinen Umständen so hätte bewegen können: Der Mangler entkoppelte sich nachts von allen Steckern und polterte durch die Gegend. Dann fraß das Ding die Menschen auf, indem es sie über sein Fließband ins Maul beförderte. Was hinten wieder rauskam, sah dann nach allem Möglichen aus, war aber garantiert nicht knitterfrei.

King verkaufte seine Geschichte an das Blatt „Cavalier“, „Penthouse“ oder an Sci-Fi-Heftchen. Ernähren konnte der 24-Jährige sich, seine Frau Tabitah sowie seine zwei kleinen Jungen damit nicht. Stephen arbeitete zusätzlich als Vertretungs-Lehrer an einer Schule, Tabitha als Verkäuferin bei Dunkin’ Donuts.. Die Familie hauste in zwei miteinander verbundenen Wohnwagen Wenn Stephen auf Autofahrt ging, musste er jedes Mal hoffen, dass der Buick hielt, er wurde ja zusammengehalten von Draht plus Klebeband.

Streng genommen war King beim Schreiben auf Hilfe angewiesen. Er verfasste seine Texte nicht auf einer eigenen Schreibmaschine, sondern auf der Olivetti seiner Frau, die das Gerät mit in die Ehe brachte.

„Carrie“ landete im Papierkorb

Auf der Olivetti schrieb King innerhalb weniger Wochen seinen Roman „Carrie“, es war sein sechster, und sein sechster unveröffentlichter. Auch in „Carrie“ ging es, wie im „Wäschemangler“, um biografische Erfahrungen. Als Schüler faszinierten King die Gehänselten, er bemitleidete Mädchen, die hässlich waren und gemobbt wurden. Als erwachsene Frauen begingen zwei seiner Mitschülerinnen Selbstmord.

Als „Carrie“ fertig war, wog er das Manuskript ab, und er verwarf es – warf es buchstäblich in den Papierkorb (Wie King später einräumte, fühlte er sich mit den weiblichen Figuren der Geschichte, ihren Körpern, ihrer Sexualität, der Menstruation, aber auch mit der Macht von weiblichen Peer Groups, nicht wohl. King dachte, für diese Story über eine telekinetisch begabte Außenseiterin, die sich an ihren Mitschülern und den Lehrern rächt, wäre er der falsche Autor. Sein Blick als Mann zu voyeuristisch.

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Spremo Toronto Star via Getty Images
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