Conchita Wurst: Besonnenheit gegen Homophobie

Schon im Vorfeld ihrer Teilnahme am Eurovision Song Contest stieß die Erstplatzierte Conchita Wurst nicht nur auf heftige Kritik, sondern auch auf regelrechte Anfeindungen. Die Gründe hierfür waren freilich nicht musikalischer Natur, es ging den Kritikern nicht um die Qualität ihres Beitrags „Rise Like A Phoenix“. Vielmehr scheint das In-Frage-Stellen von Geschlechterrollen (die von Tom Neuwirth verkörperte Figur trägt Frauenklamotten mit Bart) strikt gegen das Welt- und Geschlechterrollenbild vieler zu verstoßen.

Schon aus Österreich, dem Heimatland der Sängerin, gab es reichlich Aversionen: So wetterte der Kabarettist Alf Poier (der selbst 2003 am Songcontest teilnahm) im Vorfeld, dass Menschen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Frau oder Mann seien, eher zum Psychologen gehörten als zum Songcontest. Mittlerweile hat sich Poier entschuldigt.

„NEIN zu Conchita Wurst beim Songcontest“ hieß auch eine Facebook-Gruppe, die im Vorfeld verhindern wollte, dass der Österreichische Rundfunk den Travestie-Künstler als ESC-Kandidaten ins Rennen schickte. Tenor der Facebook-Aktivisten: Man würde sich damit blamieren.

Kooperation

Andere änderten schnell nach dem Ergebnis ihre Meinung. Der Chef der FPÖ, Heinz-Christian Strache, meinte im Vorfeld noch – ähnlich wie Poier – dass sexuell Unentschlossene zum Psychologen sollten, und fuhr fort: „Ist es jetzt ein Es, ein Er oder Sie?“. Das Neutrum „es“ als Form der Verunglimpfung. Kurz nach dem Gewinn – dem zweiten ESC-Sieg Österreichs überhaupt – entschloss Poier sich, Wurst zu gratulieren. Anscheinend ein wenig widerwillig.

Massive Anfeindungen kommen aber auch seitens der russischer Politiker. Wladimir Jakunin, Chef der russischen Eisenbahn und Putin-Intimus, bezeichnete das Ergebnis als Beweis für den moralischen Verfalls des Westens. Russischen Befürwortern der Sängerin (vom Publikum bekam Wurst auch aus Russland zehn Punkte) unterstellte Jakunin eine „abnormale Psychologie“.

Conchita Wurst selbst ging von Anfang an mit erstaunlicher Gelassenheit vor. „Wenn eine ganze Nation Angst davor hat, dass ein junger schwuler Mann in Damenklamotten mit Bart so meinungsbildend ist, dass er eine ganze Gesellschaft zum Bersten bringt, kann ich das nur als Kompliment sehen“, sagte die Sängerin gegenüber Stern TV.

Wurst bleibt standhaft – und ist fest davon überzeugt, dass Menschen wie ihr eine große Zukunft bevorsteht: „Ich weiß nicht, ob Putin das liest, aber falls ja, sage ich ganz klar: Wir lassen uns nicht stoppen.

Gerade im Pop, und noch viel mehr beim ESC, ist das Spielen mit Geschlechterrollen wahrlich nichts neues. Mit der Kunstfigur Dana International (aus Israel) hat schon einmal eine Künstlerin gewonnen, die alte Muster infrage stellt. Und dennoch: Das Ergebnis hat eine Diskussion entfacht, die nicht nur Österreich, sondern ganz Europa gut tut. Eine Diskussion, die allerdings auch eine Menge Ressentiments und Hassgefühle offenlegt.


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