Danke für die Lieder! Torsten Groß gratuliert Udo Lindenberg zum 65.


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Als ich so 13, 14 war, entdeckte ich in einem moddrigen An- und Verkaufsladen in Aachen „Free Jazz Goes Underground“, das einzige Album der ersten eigenen Band von Udo Lindenberg, Free Orbit. Eine Jazzplatte mit Peter Herbolzheimer, auf der Lindenberg Schlagzeug spielte und ein bisschen sang. Ich fühlte mich wie Neil Armstrong nach der Mondlandung! Das längst vergriffene Free-Orbit-Album war in jenen Prä-Internet-Tagen für den kleinen Jungen aus der Provinz wenig mehr als ein ausschließlich aus Lindenberg-Büchern bekannter Mythos gewesen, jetzt gehörte es mir. Für zehn Mark! Den Weg nach Hause nahm ich im Flug.

Da weder meine Mutter noch die meisten meiner Freunde die Begeisterung über den Fund teilen konnten – ein Phänomen, das mich mein Leben lang begleitete und das den meisten Lindenberg-Fans bekannt sein dürfte: Wer sich zu Udo bekennt, braucht für den Spott nicht zu sorgen -, tat ich, was 13-Jährige eben manchmal so machen: Todesmutig (und ziemlich naiv) schrieb ich eine Karte an: Udo Lindenberg. Wen auch sonst. Er würde meine Freude nachvollziehen können, davon war ich überzeugt.

Ich hörte damals schon die Rolling Stones und David Bowie, aber weder Jagger noch Bowie hätte ich jemals eine Karte geschrieben. Ich schrieb diese Karte, weil Lindenberg, so kitschig das klingen mag, irgendwie näher war. Weil er das Leben kannte, das die meisten von uns führten. Vor allem aber, weil er die Wege in ein aufregenderes Leben zu kennen schien. Seine Songs über das Ausbrechen aus den Konventionen hatten mich so lange begleitet – die erste Platte schenkte mir mein Onkel als ich gerade vier Jahre alt war -, dass Udo wie ein enger Vertrauter erschien.

Ich war einigermaßen überrascht, als ich nur wenige Tage später tatsächlich eine Antwort bekam. Von Lindenberg selbst geschrieben, in gewohnt lässiger Diktion: „Ey Torsten, suche die alte Free Orbit fürs Archiv, wollt ihr mir die nicht verticken?“ Mein Herz stand still: Ich besaß eine Platte von Udo Lindenberg, die er nicht einmal selbst hatte!

Der Rest ist schnell erzählt: Einige Wochen später trafen wir Lindenberg im Rahmen eines Konzerts in Essen. Wir verkauften ihm die Platte, später lud er uns noch zu einem Konzert in Dortmund ein. Wir durften beim Soundcheck dabei sein und meine beste Freundin nahm er sogar einmal in seinem Porsche mit.

Zwei Dinge fielen mir damals auf:

– Lindenberg behandelt alle gleich. Er sprach mit uns Kindern genau so wie mit den Leuten aus seiner Crew. 
– Lindenberg ist genau so, wie man vorher glaubt, dass er sein müsse.

Erst später wurde mir klar, dass der westfälische Jazz-Schlagzeuger Udo Gerhard Lindenberg damals schon seit gut zehn Jahren hinter der von ihm geschaffenen Kunstfigur verschwunden war. Inzwischen ist Udo Lindenberg seit gut 40 Jahren rund um die Uhr Udo Lindenberg, ein Fulltime-Job. 1980 gelang es dem Autor Steve Peineman durch besondere Hartnäckigkeit in endlosen Interviews zum Menschen hinter der Figur vorzudringen. Danach hat man nie wieder etwas anderes gehört als die bekannten Sprüche aus den „Flexibelbetrieben“. Ob es noch Menschen gibt, die einen anderen Udo als den öffentlichen kennen? Wir wissen es nicht.

Leider habe ich kein besonders gutes Gedächtnis. Ich kann mich oft nicht an Filme erinnern, die ich vor einem Jahr gesehen habe, weiß nichts mehr von dem, was ich in der Schule gelernt habe, und das Gesicht des Mädchens, das ich mit elf aus sicherer Distanz anhimmelte, kommt mir beim besten Willen nicht in den Sinn. Aber immer noch könnte ich jeden einzelnen Lindenberg-Text bis ungefähr 1985 nachts um drei aufsagen. Diese Lieder haben mich begleitet. Sie haben mich ein bisschen zu dem gemacht, was ich heute bin. Zu jeder Zeit gab es einen Geheimzirkel der wenigen Lindenberg-Begeisterten in meinem Freundeskreis. Wenn man sich traf, und das gilt bis heute, werden und wurden bis in die Morgenstunden Lindi-Platten aufgelegt und natürlich mitgesungen.

Später störte mich manchmal das Sozialdemokratische vieler früher Lindenberg-Songs. Es musste immer eine moralische Wendung, ein pädagogisch wertvolles happy end geben. Der „Satellit City Fighter“ endete nicht im Knast, und der jugendliche Ausreißer aus „Er wollte nach London“ fand über das Saxofon und die Bücher von Hermann Hesse zu einer Art inneren Einsicht. Auf die letzte Strophe vieler Lindenberg-Lieder könnte ich gut verzichten.

Was jetzt natürlich wieder eine Vorlage für die Lindenberg-Verächter ist, schon klar, und es stimmt ja: In späteren Jahren hätte man oft auch auf den Rest verzichten können. Manchmal würde ich ihn gerne fragen, was der Udo, der „Tod der Shit Parade“ gedichtet hat, wohl zu vielen seiner schlagerhaften Songs der späten 80er und 90er-Jahren gesagt hätte. Oder zu den öffentlichen Auftritten und Werbeaktionen, die man so schlecht in Einklang bringen konnte mit dem, was dieser Mann früher war, wofür er stand.

In den letzten Jahren hat sich das öffentliche Bild von Udo Lindenberg jedoch einmal mehr gewandelt: Er, der in den Neunzigern vielen zunehmend als Karikatur seiner selbst galt, ist  durch clevere Selbstinszenierung, sein letztes Album, das Musical und einiges mehr wieder ganz oben.

Zu Recht: Was Udo Lindenberg in über 40 atemlosen Karrierejahren geschaffen hat, verdient mehr als Respekt. Es ist das bedeutendste und umfangreichste Werk der deutschsprachigen Rockmusik – die es ohne ihn ja vermutlich gar nicht geben würde. Und „Bis ans Ende der Welt“ ist immer noch eins der schönsten mir bekannten Liebeslieder.

Alles Gute zum 65. Geburtstag, Udo L.!

Danke für die Lieder.