Prince: Was bedeutet eigentlich „Hit and Run“?

Prince entwickelte mit „Hit and Run“ ein radikales Werkprinzip gegen Routine, Vermarktung und Stillstand – bis zuletzt kompromisslos

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Ungeduld ist natürlich keine Schwäche, auch wenn viele Menschen, nach ihren Schwächen befragt, dies gern behaupten. Ungeduld ist eine heimliche Stärke. Bei Prince kam zur Ungeduld noch das Gefühl des Schnellgelangweiltseins hinzu – auch das ist eine heimliche Stärke. So entstand 1986 sein aus der Sprache der Militärtaktik entnommenes Konzept „Hit and Run“: Angreifen, weiterziehen. Das „Parade“-Album begleitete er mit einer kurzfristig angekündigten und kurzen USA-Tournee (neun Auftritte).

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„Hit and Run“ stand aber auch für den Versuch, sich durch Spontanität und damit verbundener Experimentierfreude einer zu kritischen Evaluation seiner Arbeit entziehen zu können – in seiner Band The Revolution, die er mit immer mehr Mitgliedern aufblähte, rumorte es längst, die Welt durfte merken, dass diesmal wenig Zeit für Bühnentraining geblieben war. Prince wusste, ihm lief die Zeit davon; die Implosion der Gruppe erfolgte noch vor Ablauf des Jahres.

„Hit and Run“ wurde für Prince, der über einen Zeitraum von 37 Jahren nahezu jährlich ein Album veröffentlichte, zum Werkprinzip. Es war seine einzige Möglichkeit, die für ihn quälende Routine aus den immer gleichen Abläufen aus Studioarbeit, Release, Promotion und Tournee aufzulösen. Ging er auf Konzertreise mit dem jeweils aktuellen Album, begeisterten wir uns für diese neuen Lieder – die er selbst zum Teil schon über Jahre kannte.

Er war seinem Material schnell überdrüssig. Den Japan-Abschnitt seiner „Lovesexy“-Tournee 1989 wollte er canceln, weil er längst an „Batman“-Songs tüftelte. Kompromisslos war seine Entscheidung, ausgerechnet die Tour zu seinem anerkannt wichtigsten Album, „Sign O‘ The Times“, 1987 nach nur eineinhalb Monaten in Europa abzubrechen, weil der verregnete Sommer die Open-Air-Konzerte in Großbritannien, seinem zweitwichtigsten Markt, unmöglich machte – und statt später noch Termine in den USA einzuplanen, nahm Prince lieber den „Sign O‘ The Times“-Konzertfilm auf. Hier zumindest ahnte er, dass eine Form der Dokumentation wichtig war, wenn er selbst schon seine Projekte rasant abstreift.

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Als er 2015 das Tourneeprinzip „Hit and Run“ in den Stand von gleich zwei Plattentiteln erhob, repräsentierten „Phase One“ und „Two“ seine Ablehnung klassischer Vermarktung, aber auch Kontrolle über Präsenz. Prince hatte einige Songs bereits im Netz veröffentlicht und war an einer Bewerbung des Materials, etwa durch Interviews, nicht interessiert.

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Als Prince drei Monate nach Erscheinen von „Phase Two“ auf seine „Piano and a Microphone“-Konzertreise ging, spielte er kaum Lieder beider Platten. Er hatte sicher bereits ein neues Ziel im Kopf. Welches, werden wir nie erfahren.

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