Das späte Glück des Tobias Jesso Jr.

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Das späte Glück des Tobias Jesso Jr.

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Am Abend zuvor hat Tobias Jesso Jr. sich ans Klavier in der Lobby eines angesagten Berliner Musikerhotels gesetzt und ein bisschen vor sich hin geklimpert. Das hat dem Personal aber anscheinend nicht so gut gefallen. „Sie haben mich gebeten aufzuhören“, erzählt der 29-jährige Kanadier. „Ich habe gesagt: ,Ihr wisst schon, dass ich hier morgen ein Konzert spiele?‘ Und sie haben gesagt: ,Ja, schön, freut uns. Aber morgen, nicht heute“. Jesso lacht. Der Zwei-Meter-Schlacks ist ein ziemlich munterer Bursche, steckt voller Energie, albert herum, streicht weiblichen Hotelgästen über die Köpfe, summt Melodien, spielt Air-Bass und Air-Schlagzeug (für Air-Gitarre sei er nicht gut genug, scherzt er) und scheint überhaupt die Musik im Blut zu haben. Nach dem Aufstehen morgens trinke er in der Regel einen Kaffee und setze sich dann umgehend ans Klavier, sagt Jesso; vor dem Zubettgehen trinke er Wein und setze sich wieder ans Klavier. Als Nachbarn oder Untermieter möchte man ihn nicht unbedingt haben, glücklicherweise hat sein Manager ihn bei sich aufgenommen.

Die Liebe zu den schwarzen und den weißen Tasten ist noch relativ frisch. In der Highschool hat Jesso Saxofon gespielt, dann war er Bassist bei einer Gitarrenband namens The Sessions, die den Durchbruch trotz fetter Produktion von Bob Rock (Metallica, Bon Jovi usw. usf.) nicht schaffte. „Die nächste Band hatte dann nicht mal einen Namen“, erzählt er. „Vor unserem ersten Gig stieg der Sänger aus, ich übernahm. Das war dann auch unser letztes Konzert – ich habe mir geschworen, nie wieder öffentlich zu singen. Und hier bin ich nun.“ Ja, hier ist er nun. Wie konnte es nur dazu kommen?

Mitte 2012 lief in Jessos Leben so ziemlich alles schief. Seine Freundin machte Schluss, er suchte in Los Angeles nach dem Debakel als Rockbandsänger ohne Erfolg Jobs als professioneller Songwriter, und dann fiel er auch noch so ungünstig vom Fahrrad, dass er erst mal nicht mehr Gitarre spielen konnte, das Rad wurde am Unfallort geklaut, und seine Mutter erkrankte an Krebs (es geht ihr mittlerweile wieder besser). Gut, dass er keinen Goldfisch hatte, der wäre auch noch gestorben.

Jesso ging zurück in seine Heimatstadt, North Vancouver. Eines Tages erwachte er frühmorgens in seinem alten Jugendzimmer aus einem Albtraum, setzte sich ans Klavier seiner Schwester und schrieb ein Lied: „Just A Dream“ hieß es und begann mit Akkorden, die auch Randy Newman so hätte spielen können (und vermutlich auch gespielt hat). „Das war der Durchbruch“, sagt Jesso. „Ich hatte des Gefühl, dass das Klavier den Song genug ausfüllte, sodass meine kleine Stimme nicht weiter ins Gewicht fiel und sich in den Klang gut einfügte. Wenn man zur Gitarre singt, braucht man eine bessere Stimme, damit der Gesang wirkt.“

Ich liebe die Beatles und bin definitiv ein Paul-Typ

Er schrieb Song um Song. „Ich saß am Klavier und probierte Akkordfolgen aus“, erklärt er. „Wenn mir eine gefiel, suchte ich nach einer Melodie dazu. Und wenn ich die hatte, dachte ich in der Regel: Fuck, einen Text brauche ich ja auch noch! Hm, mal sehen … Was beschäftigt mich denn gerade so?“ Er sei kein Geschichtenerzähler, sagt er, versuche die Texte einfach zu halten, die Melodie stehe immer im Vordergrund. „Ich liebe die Beatles, und ich bin definitiv ein Paul-Typ. Ich bin riesiger Fan von ,Ram‘. Und ich mag auch seine Texte, selbst die, die ein bisschen cheesy sind. Ich meine, lies dir meine Texte durch – vieles davon ist eigentlich Bullshit. Wenn es emotional wird, sagt man halt manchmal auch peinliche Sachen.“

Ein Demo von „Just A Dream“ schickte er an Chet „JR“ White, den Bassisten und Produzenten seiner Lieblingsband, Girls, die sich gerade aufgelöst hatte. Der war so begeistert, dass er später federführend die Produktion von Jessos Mitte März erscheinendem Debüt, „Goon“, übernahm. Zudem halfen Black-Keys-Schlagzeuger Patrick Carney, John Collins (The New Pornographers) und Hipster-Produzent Ariel Rechtshaid (Haim, Sky Ferreira, Vampire Weekend), das Album fertigzustellen. Das Ergebnis klingt wie ein klassisches 70s-Songwriter-Album in der Tradition von Harry Nilsson, Randy Newman und Todd Rund-gren. „Die Musiker, mit denen ich verglichen werde, habe ich großenteils erst während der Arbeiten zum Album kennengelernt“, so Jesso. „Meine Eltern haben sich kaum für Musik interessiert, ich habe die meisten Lieder im Radio oder in der Mall gehört. Ich weiß noch, wie ich eine Weile von Tracy Chapmans ,Give Me One Reason‘ besessen war. Das Album mit dem Lied lief in Endlosschleife in einem Gemüseladen in unserer Nachbarschaft, und ich bin jede halbe Stunde hin, weil ich wusste, gleich kommt es wieder!“

„JR“ White habe ihn mit den Werken von Rundgren, Newman usw. vertraut gemacht, sagt er. „Immer wenn mir eines ihrer Lieder gefällt, und das passiert oft, präge ich mir die Akkordfolgen ein, um sie in einer anderen Tonart auch mal in meine eigenen Lieder einfließen zu lassen.“ Vor allem aber schlage sein Herz zurzeit für große Stimmen. „Liegt vielleicht daran, dass ich selbst keine habe. Ich liebe Sam Smith, und Adele ist für mich die größte Sängerin aller Zeiten.“ Er sehe sich immer noch vor allem als Songwriter, und wenn er könnte, würde er nur für sie schreiben. Der Sängerin eines seiner Lieder anzubieten, würde er allerdings niemals wagen. „Aber immerhin hat sie vor ein paar Tagen einen meiner Songs getweetet – da öffnete sich für einen Moment der Himmel.“

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