Dauernd jetzt – Richard McGuires Comic-Meisterwerk „Here“

E-Mail

Dauernd jetzt – Richard McGuires Comic-Meisterwerk „Here“

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Vor mehr als 25 Jahren erschien im von Art Spiegelman und dessen Frau, Françoise Mouly, herausgegebenen Underground-Comic-Magazin „Raw“ eine auf den ersten Blick unscheinbare Story mit dem Titel „Here“. Sie bestand aus 36 Panels, die alle dieselbe Ecke eines Wohnzimmers zeigten. Im ersten Bild ist der Raum noch leer, im zweiten stehen dort ein Sofa und ein Sessel und eine schwangere Frau sagt zu ihrem Mann: „Schatz, ich glaube, es ist soweit.“ Die Szene ist oben links auf 1957 datiert, das Geburtsjahr ihres Schöpfers, Richard McGuire. Die folgenden Bilder zeigen die Wohnzimmerecke in den Jahren 1920, 1971, 1940, 1978 … Und die Erzählung wird komplexer, in den Panels öffnen sich nämlich Türen zu anderen Zeiten. So sieht man zugleich, wie die Eltern 1975 ihrem Sprössling zum 18. Geburtstag gratulieren, wie derselbe Junge 1959 im selben Zimmer seine ersten Gehversuche macht, ein Mann – sein Großvater? – 1920 ein Grammofon in die gute Stube stellt und 1999 eine Katze ihre Pfoten leckt. Wie hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinandergreifen, der Lauf der Zeit, Erinnerung und Geschichte inszeniert werden, das war seinerzeit revolutionär und beeinflusste nachfolgende Zeichner-Generationen. Das ganze Universum habe auf diesen sechs Seiten gesteckt, schrieb etwa der Schöpfer von „Jimmy Corrigan“, Chris Ware. „Here“ habe die Grenzen der grafischen Erzählung gesprengt und die Art und Weise, wie man Comics liest, für immer verändert.

Dabei sah Richard McGuire sich selbst gar nicht als Comic-Zeichner. Ursprünglich war er Bassist der New Yorker Post-Punk-Band Liquid Liquid, die vor allem bekannt wurden, weil Rap-Pionier Melle Mel ein Cover ihres Songs „Cavern“ von der Sugarhill-Records-Hausband für seine Single „White Lines (Don’t Don’t Do It)“ sampelte. Auch das Sampling ist ja in gewisser Weise eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Danach illustrierte McGuire u. a. Cover des „New Yorker“ und machte Animationsfilme – ins Comic-Genre verschlug es ihn kaum einmal. Er fühle sich keinem Medium verpflichtet, sagt McGuire heute. In den Neunzigern, nach einigen illustrierten Kinderbüchern, sei ihm dann aber die Idee gekommen, mal etwas für Erwachsene zu machen und dafür zur Idee von „Here“ zurückzukehren. „Ich wusste, dass es das wert war. Das Wie war allerdings eine Herausforderung. Ich hatte einige Fehlstarts und habe es dann erst mal wieder in die Schublade gelegt.“

McGuire bekam das Angebot, bei einem Animationsfilm die Regie zu übernehmen, und zog nach Frankreich. Doch als es seinen Eltern gesundheitlich schlecht ging, kehrte er zurück ins Haus seiner Kindheit in Perth Amboy/New Jersey, um sich um sie zu kümmern – und fand sich somit auch am Handlungsort von „Here“ wieder, denn es war das Wohnzimmer seiner Familie gewesen, das er einst zum Vorbild genommen hatte. Im Haus seiner Geschichte, umgeben von Fotoalben und Erinnerungen, holte sein altes Projekt ihn wieder ein. Als er nach dem Tod seiner Eltern ein Stipendium der New York Public Library bekam, hatte er Zeit und Mittel, die Arbeit an „Here“ wieder aufzunehmen. Er wollte das Konzept seines ersten Entwurfs nicht einfach wiederholen, arbeitete mit Farbe, legte viel Wert auf Details und gab jedem Panel eine ganze Doppelseite, sodass die Zimmerecke genau im Buchfalz lag und das Buch selbst die Architektur des Zimmers nachempfand.

Comics sind Partituren der Zeit. Richards Buch ist eine Sinfonie

Über 300 Seiten hat nun das fertige Buch, das auch in deutscher Übersetzung vorliegt („Hier“, Dumont, 24,99 Euro) . Es umfasst eine Zeitspanne vom Jahr 3.000.500.000 vor Christus bis zum Jahr 22.175, reicht von der Ursuppe über die amerikanischen Ureinwohner und die Kolonialisten – inklusive eines Gastauftritts von Ben Franklin, dessen rebellischer Sohn William tatsächlich etwa dort lebte, wo zwei Jahrhunderte später McGuires Elternhaus gebaut werden sollte –, bis in die ferne Zukunft, als das menschliche Leben verschwunden ist vom Planeten und sich eine neue, farbenprächtige Fauna und Flora entfaltet. „Die Recherchen haben mir großen Spaß gemacht“, so McGuire. „Ich habe alte Zeitungen und Tagebücher gelesen, einen Sprachführer, den ein Missionar angelegt hatte, um mit den Ureinwohnern kommunizieren zu können, und ich habe viele Fotobibliotheken durchforstet. Aber ich war etwas nervös, was die Darstellung der Zukunft anging. Es sollte nicht so eine typische ,Blade Runner‘-Zukunft werden. Während der Arbeit am Buch ereignete sich der Meltdown von Fukushima, und Hurrikan Sandy zerstörte New Orleans – das hat mein Bild der Zukunft geprägt. Aber ich wollte kein total deprimierendes Szenario zeichnen, daher bin ich so weit in die Zukunft gegangen, bis das radioaktive Material nach der Katastrophe nicht mehr strahlt und sich etwas Neues entwickeln kann. Das Leben kehrt zurück.“

Im Mittelpunkt von „Here“ allerdings steht der Alltag der Familie McGuire, der unweit größer und bedeutender erscheint als die Weltgeschichte, in die er wie in Bernstein eingeschlossen ist. Der Handstand eines Kindes im Jahr 1933 oder der Flug eines Vogels durchs Zimmer 65 Jahre später werden Moment für Moment festgehalten. Comics, so Art Spiegelman, seien immer Partituren der Zeit, McGuires Buch jedoch sei eine ganze Sinfonie. McGuire arbeitet gern in unterschiedlichen Medien, doch der Musik bleibt er immer treu.

E-Mail