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Dave Eggers: Der Herr der guten Worte


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Die 36. Ausgabe der Literaturzeitschrift „Timothy McSweeney’s Quarterly Concern“, (kurz: „McSweeney’s“) ist eine kleine Schatzkiste. Eine quadratische Box, die den Kopf eines schnurrbärtigen, rotgesichtigen Mannes mit grünen Augen darstellt, der sardonisch lächelt. Öffnet man den Deckel, blickt man in jenes geordnete Chaos, das wohl in jedem Hirnkasten herrscht: Unfertiges, Schönes, Ernsthaftes, Kaputtes, Trauriges und Komisches vermischen sich da. Unter anderem vier Kapitel eines unvollendeten Romans von Michael Chabon namens „Fountain City“, den er nach langjähriger Arbeit als gescheitert betrachtet; eine handschriftliche und von der Autorin Sophia Cara Frydman selbst illustrierte Kurzgeschichte; ein Theaterstück von Wajahat Ali, das von einem Tag im Leben einer modernen muslimischen Familie in Amerika handelt; eine vierteilige gezeichnete Postkartenserie von Ian Huebert, die ein groteskes U-Boot in Gestalt eines Fisches zeigt; oder auch eine winzige, allerdings einen Meter lange Rolle mit Glückskekssprüchen, wie man sie sich in jedem Chinarestaurant dieser Erde wünschen würde: „Oliver Platt is your real dad. Sorry for the late notice“, lautet ihre erste Weisheit.

Der Mann, der solch wahnwitzige Publikationen ermöglicht, heißt Dave Eggers. Als er gerade einmal 30 Jahre alt war, veröffentlichte er einen autobiografischen Roman, in dem er die Zeit nach dem Krebstod seiner Eltern verarbeitete und beschrieb, wie er sich von da an um seinen jüngeren Bruder kümmerte. Was nach trübsinniger Nabelschau klingt, kam als zutiefst menschliche, humoristische Tragödie daher. „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ wurde zum internationalen Bestseller.

Getreu dem alten Buchmessenwitz, wonach man ein kleines Vermögen macht, indem man ein großes Vermögen nimmt und damit einen Verlag gründet, investierte der 1970 in Chicago geborene Wahl­kalifornier sein Geld größtenteils ins Büchermachen. Er wollte es jedoch anders angehen als viele andere, geschmackvoller, besser und außergewöhnlicher. „McSweeney’s“, das vierteljährlich Short Stories und Romanauszüge so namhafter Autoren wie Denis Johnson, Jonathan Franzen und Steven Millhauser­ präsentiert, erfindet sich etwa mit jeder Ausgabe neu. So kam Nr. 33 als „The San Francisco­ Panorama“,­ eine mehr als üppige Zeitung samt umfassender Comic- und Literaturbeilage. Darin unterhält sich Miranda July mit Schauspieler James Franco, Stephen King berichtet im Sportteil über die Baseball-World Series, und William­ T. Vollmann liefert eine ausführliche Reportage über Goldgräber und Indianer. Die reichhaltige, aber auch ein wenig nostalgisch anmutende Gazette bildete den wohl kreativsten Beitrag zu einer neuerlich entfachten Debatte über die Zukunft der Printmedien.

Zu Eggers‘ alternativem Medienimperium gehören außerdem ein monatlich erscheinendes Kulturmagazin mit dem Titel „The Believer“, das vor weitschweifigen Artikeln nicht zurückschreckt, sowie das DVD-Magazin „Wolphin“, in dem angesagte Regisseure wie Steven Soderbergh, Gus Van Sant oder Spike Jonze experimentelle Kurzfilme präsentieren. Nicht zu vergessen natürlich der ganz normale Verlag, der ganz und gar nicht normale Bücher unter die Leute bringt: Tintenbekleckste Skizzenblöcke von „Maus“-Schöpfer Art Spiegelman? Ein Werk, das die Namen von über 50.000 Metal-Bands versammelt? Oder eine in Fell eingewickelte Vorzugsausgabe von Eggers‘ Roman „The Wild Things“? Es ist alles da und noch viel mehr! Über die Edition bibliophiler Skurrilitäten hinaus versteht sich der Verlag als Entdecker der jüngeren Avantgarde. Erst kürzlich etwa sorgte Adam Levins 1.000-seitiger Debütroman „The Instructions“­ für Aufregung in der amerikanischen Literaturszene. Von einem neuen David Foster Wallace war plötzlich die Rede, vom einzigartigen Talent, vom Wunderkind. Wer nach einer anspruchsvollen literarischen Herausforderung sucht, sollte sich den Namen jetzt schon einmal merken.

Gutes kann man nicht zu viel tun kann, daher hat Eggers zudem mehrere Wohltätigkeitsorganisationen ins Leben gerufen. „826 Valencia“, benannt nach der verlagseigenen Adresse in San Francisco, ist zum Beispiel eine Art gemeinnütziges Jugendzentrum, wo Kinder und Jugendliche kostenlos an Schreibworkshops teilnehmen können. Aus bürokratischen Gründen ist es übrigens angegliedert an einen Laden für Piratenbedarf, der Augenklappen, Totenkopfflaggen oder Tabletten gegen Seekrankheit feilbietet. Alles, was ein nicht mehr ganz zeitgemäßer Freibeuter eben so braucht. Das Beispiel machte jedenfalls Schule und inzwischen gibt es etliche Dependancen des Projekts in den USA, wobei der entsprechende Humor gleich mit exportiert wurde. So kann man in der New Yorker Außenstelle alles erwerben, was Superhelden für die Bewältigung ihres extraordinären Alltags benötigen.

Und dann gibt es da noch zwei Stiftungen, die sich dem Wiederaufbau von New Orleans widmen, auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen oder sich für die Einrichtung von Schulen im Südsudan einsetzen. Sie entstanden durch persönliche Begegnungen von Dave Eggers, durch Recherchen, die wiederum in kritische und eindrückliche Sachbücher­ und Romane mündeten. Eggers ist und bleibt ein Gutmensch, aber einer von der Sorte, die man ernst nehmen und einfach mögen muss. Seine Tantiemen für „Weit gegangen“ und „Zeitoun“ (KiWi, 19,95 Euro), das soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, fließen direkt in die Stiftungsarbeit. Die wahre Geschichte einer amerikanisch-syrischen Familie, die nach dem Hurrikan Katrina unversehens ins Visier amerikanischer Terrorismusfahnder gerät, sollte auch hierzulande auf großes Interesse stoßen.

Morgens an einem Buch schreiben, mittags eine neue Zeitschrift entwerfen, nachmittags zumindest einen Teil der Welt retten, zwischendurch dem Rockmusiker Beck ein paar Sätze aufs Album quatschen, sich abends um Frau und Kinder kümmern und nachts davon träumen, was man mit einem Tag alles anstellen könnte, der ein paar Stunden mehr hätte als von der Natur vorgegeben – so könnte der typische Tagesablauf von Dave Eggers aussehen. Dass ihm und seinen Mitarbeitern die Ideen nicht ausgehen, ist so sicher wie der Tod und die Steuer. Glücklicherweise lassen sie uns ab und an in ihre Köpfe schauen.


Singer-Songwriter Justin Townes Earle mit nur 38 Jahren verstorben

Americana-Sänger Justin Townes Earle ist tot. Ein Vertreter von Earles Label New West Records bestätigte der amerikanischen Ausgabe des ROLLING STONE am Wochenende den Tod des Musikers. Die Todesursache blieb zunächst unklar. „Mit großer Trauer teilen wir Ihnen das Ableben unseres Sohnes, Ehemannes, Vaters und Freundes Justin mit", hieß es in einem Beitrag auf der Earles Instagram-Seite. „So viele von Euch haben sich im Laufe der Jahre auf seine Musik und seine Texte verlassen, und wir hoffen, dass seine Musik Euch auch weiterhin auf Euren Reisen begleiten wird. Du wirst sehr vermisst werden, Justin.“ Justin Townes Earle und Townes Van…
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