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Jonathan Franzen über das Album seines Lebens: „Mekons Rock’n’Roll“


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Dass ich nicht besonders hip bin, sieht man daran, dass ich von den Mekons aus der „New York Times“ erfuhr. Das war um 1992, und die „Times“ listete einige Bands auf, die die Rockkritiker der Zeitung für großartig hielten und von denen der typische Leser vielleicht noch nichts gehört hatte. Dieser Kritiker lobte die Platte „Mekons Rock ’n‘ Roll“, also ging ich los und holte sie mir. Genau so was hatte ich gesucht.

Zur Erklärung: Als New Wave und Punk aufkamen, war ich gerade volljährig. Ich habe 1977 mit dem Studium begonnen, und Talking Heads, The Clash, Elvis Costello, Graham Parker, Pretenders waren die Bands der Zeit, das war meine Musik. Sie war so viel besser als der überproduzierte 70er-Jahre-Rock, den ich in der Highschool im Radio gehört hatte. Diese Bands zu mögen wurde Teil meiner Identität.

Dann, in den Achtzigern, konnte ich einfach nichts Gutes finden. U2 waren okay, es gab den Beginn der Indie-Szene, Bands wie die Feelies machten bereits Platten. Aber musikalisch steckte ich in den Siebzigern fest. Dann kamen die Mekons. Die waren in den späten Siebzigern tatsächlich Teil dieser ersten Blüte eines neuen Sounds gewesen, aber im Gegensatz zu vielen anderen Bands dieser Ära hatten sie einen Weg gefunden, weiterzumachen. Sie fingen gerade erst an!

Sie griffen auf all diese verschiedenen Stile zurück, hatten im Kern eine Punk-Ästhetik, hörten aber auch Hank Williams, Weltmusik, englische Tanzmusik aus der Mitte des Jahrhunderts. Obwohl sie anfangs kaum in der Lage waren, ihre Instrumente zu spielen, schrieben sie wirklich gute, eingängige Songs, und, was genauso wichtig war, sie produzierten sie nicht zu doll. Sie hatten einen wirklich frischen Sound, großartige Songs, eine mir sympathische politische Ausrichtung – sie waren extrem links –, und überhaupt waren sie lustig und deprimiert zugleich. Eine Wahnsinnskombination! Liebe auf den ersten Blick.

Wo ich mir die Platte damals wohl geholt habe? Vielleicht in Boston, wo ich auf das Haus eines Freundes aufgepasst habe. Vielleicht auch bei Tower Records in Philadelphia. Es war um 1992, mein zweiter Roman war gerade erschienen, und ich befand mich in einem dunklen Kapitel meines Lebens. Mein Vater war krank, meine Ehe ging in die Brüche. Ich hatte in meinen Zwanzigern ein sehr diszipliniertes, arbeitsorientiertes Leben geführt, um diese beiden Romane zu schreiben. Jetzt war mir klar, dass sich mein Leben ändern musste.

In gewisser Weise hatte ich meine Zwanziger nie gehabt. Ich war so ehrgeizig, so zielstrebig gewesen, hatte so hart gearbeitet, dass ich von einem Teenager direkt zu einem Vierzigjährigen geworden war. Nun löste sich meine Ehe langsam auf, und ich begann mich mit anderen Menschen zu treffen. Ich befreite mich und suchte auch deswegen nach neuer Musik. Ich erlebte gewissermaßen eine zweite Adoleszenz.

Das erste Mal, dass ich sie live gesehen habe, war im Herbst 1993 oder 1994 in San Francisco. Meine Frau und ich dachten, wir könnten unsere Eheprobleme durch einen Ortswechsel lösen. Wir schauten uns Städte an der Westküste an. Als wir in San Francisco waren, nahmen wir die örtliche Gratiszeitung zur Hand und schauten nach, wer gerade auftrat. Und da stand es: Die Mekons spielten genau an diesem Abend in der Stadt. Vielleicht war „I Heart Mekons“  gerade herausgekommen und sie waren mit dieser Platte auf Tour. Sie waren sehr laut, und wie immer habe ich mir aus einer Serviette kleine Ohrstöpsel gebastelt, um den Lärm etwas abzuschirmen.

Die Mekons waren großartig! Nachdem „Die Korrekturen“ Anfang der Nullerjahre herausgekommen war, versuchte ich den „New Yorker“ davon zu überzeugen, mich einen Artikel über die Mekons schreiben zu lassen. Aber zu dieser Zeit schrieb der „New Yorker“ nicht über Rock’n’Roll, also wurde das abgelehnt. Eines Abends sah ich sie in Berkeley auftreten, und sie waren alle völlig betrunken und stolperten auf der Bühne herum. Es war keine gute Show. Aber von da an blieb ich in geringem Maße mit ihnen in Kontakt, ich schrieb ihnen gelegentlich E-Mails und nahm mal an einer Podiumsdiskussion an der Columbia University teil, bei der ihre Arbeit diskutiert wurde. Ich war einer der Diskussionsteilnehmer, zusammen mit Greil Marcus und anderen Koryphäen.

Das letzte Mal habe ich sie in Santa Cruz gesehen, wo ich wohne. Sie spielten in einem Restaurant namens The Crepe Place, wo man Crêpes bekommt und wo es vorn an der Bar Platz für eine winzige Bühne gibt. Und die Mekons sind keine kleine Band. Sie haben etwa die Hälfte des Raums eingenommen, und wir waren etwa sechzig Leute im Publikum und quetschten uns vor die Bühne.

Es war ein fantastisches Konzert! Es gibt eine Verwandtschaft zwischen mir und den Mekons. Ich bin nicht mehr so sehr ein wuterfüllter Mensch, aber ich sehe die Dinge immer noch durch eine düstere Brille. Humor im Finsteren zu finden ist für mich als Schriftsteller immer noch sehr wichtig. Meine Lieblingstextzeile der Mekons ist von dem Album „Fear And Whiskey“: „Darkness and doubt/ Just follow me around.“ Jedes Mal wenn ich an diesen kleinen Reim denke, muss ich lachen.

Ich bin immer noch auf der Suche nach neuer Musik, nach etwas, das intelligent, melodisch, nicht überproduziert und idealerweise irgendwie lustig ist. Meine jüngste Entdeckung ist eine Songwriterin aus Quebec, Helena Deland. Vieles von ihr ist mir ein bisschen zu trübselig, aber es gibt ein paar Songs, bei denen ich sofort dachte: Oh ja, sie ist eine fantastische Songwriterin! Aber es gibt so viele Bands, die sich da draußen verstecken und von denen ich lange Zeit nichts wusste. Ich hatte nie etwas von den Saints gehört, bis mich ein hipperer Freund auf sie aufmerksam gemacht hat. Ich wusste lange nichts von Mission Of Burma. Vielleicht wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich in den Achtzigern Mission Of Burma live gesehen hätte. Mit Ohrstöpseln.

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Prominente und ihre Lieblingsplatten. Dieses Mal: Jonathan Franzen. Der Amerikaner gehört seit der Veröffentlichung seines Romans „Die Korrekturen“ (2001) zu den bedeutendsten Literaten seines Landes. Franzen wurde 1959 geboren und wuchs in der Nähe von St. Louis auf, im Mittleren Westen, wo seine Romane häufig spielen. In der Tradition des literarischen Realismus entwirft Franzen Familienbilder, er schreibt dichte, vielschichtige Romane, in deren Zentrum häufig das Aufbegehren erwachsener Kinder gegen ihre Eltern steht. Sein aktuelles Buch, „Crossroads“, erschien 2021 und handelt von einer Midwest-Pastorenfamilie in den 70er-Jahren.